Zeitung Heute : So Gott will

Über das Leben in meiner Familie / Von Johannes Rau

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Ich bin das dritte von fünf Kindern, nach dem deutschen Zusammenbruch haben wir noch einen Jungen aus Ostpreußen aufgenommen. In unserer Familie ist immer etwas los. Gäste, Feste, Sorgen … Interessiert euch mein Vater? Er ist 55 Jahre alt geworden und ist wie alle Väter. Wir lieben ihn und machen das „Generationsproblem“ unter uns aus. Noch arbeitet er für uns, für die Jüngeren. Dann werden wir, so Gott will, für ihn arbeiten. Und für die Mutter.

Das Haar meiner Mutter ist grau geworden, weil ihr Leben nur Arbeit kannte – jeden Tag. Aber sie ist unsere Mutter und arbeitet gern. Ihr Leben vollzieht sich in den Bahnen eines großen Stadthaushaltes mit vielen Verwandten und Freunden. Meine Eltern haben ihre Ehe ganz unmodern begonnen. Sie haben nicht nur nach ihrer Liebe, sondern auch nach dem Willen Gottes gefragt, weil er der Vater über alle Familien ist. Dieser Wille Gottes ist noch heute für meine Eltern die Richtschnur des Lebens.

Und doch sind wir fünf keine Musterkinder geworden. Jawohl, meine älteste Schwester ist von der Gemeindeschwester zur Pfarrfrau „avanciert“, mein Bruder hat für seine Frau und für Thomas Leben und Glück. Die beiden jüngeren werden bald die Ausbildung geschafft haben. Aber mit der Schule zum Beispiel hat es immer gehapert. Ich interessierte mich mehr fürs Lyzeum als fürs Gymnasium. Die Lehrer ärgerten sich und machten zu den guten Noten ungute Bemerkungen.

Wenn die Eltern uns fünf – nein, uns sechs – jetzt beieinander haben, sind die Augen hell von Dankbarkeit, und das mag uns beschämen. Wir haben oft nicht so gelebt, wie das Vorbild der Eltern es vielleicht bewirkt haben müsste. Und wenn das Vorbild der Eltern versagte (wie wir meinten), dann haben wir auch versagt.

Unsere Wohnung hallt nicht wider vom „Immer fröhlich, alle Tage Sonnenschein …“ Aber in unserer Wohnung sind die Eltern, und ihr Leben wird nicht autonom bestimmt. Es kann schon geschehen, dass mein Vater wegen der Rechnungen des Lebensmittelkaufmanns, wegen der Telefonrechnung und auch wegen der Mieterhöhung nervös wird. Es kann geschehen, dass meine Schwester über Mangel an Verständnis klagt und dass mein Bruder mehr Taschengeld fordert, weil er „schließlich auch etwas vom Leben haben“ will. Wir sind eine normale Familie. Ganz normal, die Sorgen sind ein wenig größer als normal …

Aber wir haben im Wohnzimmer einen Spruch hängen (neben vielen Bildern). „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Wir haben die Andacht und das Gebet. Es kann geschehen, dass wir Brüder mit dem Vater beten.

Wenn ich einmal Familie habe, wird manches anders sein. Ich werde kein Harmonium haben wollen (Psalterpumpe sagen wir manchmal), und ich werde mit meiner Frau ab und an ins Kino gehen. Ich werde wahrscheinlich eine moderne Methode der Kindererziehung einführen, WK-Möbel sollen die Wohnung zieren. Aber ich werde jenes Wort nicht aus meinem Vokabular streichen, das meine Eltern manchmal brauchen: „So Gott will.“

Meine Kinder werden keine Musterkinder werden, hoffe ich. Und sie werden einmal mehr Verständnis fordern und mehr Taschengeld. Dann werde ich vielleicht von jenen Zeiten reden, in denen alles ganz anders und viel normaler war. Dann werde ich sagen: „Eure Eltern früher …“

Diesen Text hat Johannes Rau unter dem Titel „Meine Eltern“ in den frühen 50er Jahren für das Magazin Jungenwacht geschrieben. Schon mit 16 Jahren begann er seine journalistische Karriere bei diesem Blatt.

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