Zeitung Heute : „So, und was kommt jetzt?“

Was für eine Frage. Julia Jentsch gilt als kommender Star im Theater und im Kino. Sie spielt gern Frauen, die aus der Rolle fallen – sich selbst findet sie aber ziemlich brav.

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Julia Jentsch, 26, spielt die Hauptrolle in dem Film „Sophie Scholl“, der am 13.Februar auf der Berlinale im Wettbewerb läuft. Sie ist seit vier Jahren Mitglied im Ensemble der Münchner Kammerspiele. Außerdem ist Jentsch in dem erfolgreichen Kinofilm „Die fetten Jahre sind vorbei“ zu sehen.

Interview: Annabel Wahba Foto: Christine Fenzl Sophie Scholl war 21 Jahre alt, als sie hingerichtet wurde. Sie wurde 1943 verhaftet, weil sie mit ihrem Bruder Flugblätter gegen das Naziregime verteilt hatte. Selbst im Kreuzverhör der Gestapo hat sie keinen der Mitwisser verraten. Haben Sie sich da manchmal gefragt: Wie war ich eigentlich mit 21?

Ständig. Manchmal ist mir Sophie Scholl dann richtig unheimlich geworden. Sie war so jung und hatte doch eine derartige Standfestigkeit, dass sie für ihre Idee in den Tod ging. Ich war mit 21 mitten in meiner Schauspielausbildung an der Ernst-Busch-Schule in Berlin. Damals habe ich mich sehr meiner eigenen Welt gewidmet, die nur mit mir und meinem Beruf zu tun hatte. Mit politischen Themen habe ich mich gar nicht beschäftigt.

Andres Veiel zeigt in seinem Film „Die Spielwütigen“, der auf der vergangenen Berlinale den Publikumspreis gewann, wie hart die Ausbildung dort ist. Einer der Ernst-Busch-Schüler sagte, die Lehrer wollten ihn brechen.

Ja, das war Prodromos Antoniadis, er war in meinem Jahrgang. Man muss schon sehr überzeugt davon sein, dass man Schauspieler werden will, sonst steht man die Ausbildung an der Schule gar nicht durch. Man ist gezwungen, sich voll und ganz darauf zu konzentrieren. Es wird einem ständig gesagt: Nehmt das nicht zu leicht! Denkt ja nicht, dass ihr irgendwas könnt! Man steht enorm unter Druck und wird völlig verunsichert. Weil ich aber nichts anderes kannte, habe ich diesen Weg sehr schnell als den richtigen angenommen.

Kennen Sie das Gefühl: Die wollen mich brechen?

So habe ich das nicht empfunden, für mich war es ein Teil der Theaterwelt. Mein Bild hat sich erst durch den Film verändert. Heute denke ich mir, wäre es nicht ein wenig liebevoller gegangen, vielleicht mehr über Bestätigung? Man zweifelt dann ja ungemein an sich. Es gab diese Vorsprechtermine, wo mich die Dozenten beurteilten und nur darüber redeten, was ich alles nicht konnte.

Die Schauspielerin Jasmin Tabatabai erzählte einmal, der Leiter ihrer Schauspielschule habe ihr zum Boulevardtheater geraten, sie hätte nicht genug Talent für große Bühnen.

Zum Glück blieb mir so was erspart. Zu mir sagten sie eher: Du hast mich enttäuscht. Wenigstens habe ich nie ein Fähnchen bekommen. Wenn man nämlich eine Prüfung nicht besteht, bekommt man ein Fähnchen, zwei darf man haben, beim dritten muss man gehen.

Und die Fähnchen steckt man sich dann ans Revers?

Nein, das ist nur so ein Ausdruck. Die existieren nicht physisch.

Klingt alles sehr nach Militärakademie.

Manchmal habe ich mich auch gefragt, warum lasse ich mir das gefallen? Bin ich verrückt? Ist das gut für mich, diese Spielchen einiger Dozenten, um mich anzutreiben? Andererseits habe ich sie sehr bewundert für ihre schauspielerischen Fähigkeiten. Und die Schule ist auch nicht dogmatisch, sondern vermittelt sehr unterschiedliche Arbeitsweisen. Ich habe die Schule eben so angenommen wie sie ist, musste ich ja, sonst hätte ich gehen müssen.

Sie sind sehr diszipliniert. Bald sind Sie mit drei Filmen gleichzeitig im Kino, am 13. Februar feiern Sie auf der Berlinale Premiere, und vier Tage später in den Münchner Kammerspielen mit „Die zehn Gebote“.

Die Disziplin kommt von alleine, wenn man etwas unbedingt machen will. Ich wollte diesen Film, ich will aber auch im Ensemble der Kammerspiele sein. Also mache ich beides. Das sind dann eben diese Zeiten, wo ich nachts nicht so richtig zum Schlafen komme. Gestern zum Beispiel bin ich erst nach zwei ins Bett, und heute musste ich um acht wieder raus, zu den Proben ins Theater.

Laufen Sie bei all dem Stress nicht Gefahr, sich selbst zu verlieren?

Manchmal schon. In den Momenten, wo ich merke, es ist nur noch ein Gehetze von da nach dort. Da habe ich Angst, das Gespür dafür zu verlieren, was ich selbst wirklich will. Und dann ist da auch dieser große Kontrast, wenn eine sehr intensive Arbeitszeit aufhört und ich mir den Tag plötzlich wieder selbst strukturieren muss. Da denke ich mir: So, und was kommt jetzt?

Berlinale-Chef Dieter Kosslick prophezeit in der „Bild“-Zeitung, Sie stünden vor einer internationalen Karriere.

Das finde ich ganz schwierig. Wenn schon im Voraus so was in der Zeitung steht, wo den Film „Sophie Scholl“ noch niemand gesehen hat. Dadurch werden die Erwartungen an mich enorm hochgeschraubt.

Es gibt so gut wie keine negativen Kritiken über Ihre Arbeit als Schauspielerin.

Da gibt es schon einige. Ich habe noch kein Theaterstück erlebt, bei dem es nur gute Kritiken gab. Das ist auch besser so, denn es relativiert das Lob ein bisschen. Aber es stimmt natürlich, über die Filmrollen wurden viele gute Sachen geschrieben. Da werde ich schon skeptisch, denn wenn ich so gelobt werde, habe ich ja keine Möglichkeit mehr, etwas noch besser zu machen.

Sie wirken so, als stünden Sie nicht gerne im Scheinwerferlicht. Aber jetzt müssen Sie zur Berlinale.

Ich werde mich einfach an den anderen aus dem Filmteam festhalten. Es ist wichtig, dass ich das als etwas Schönes für den Film sehe, schließlich haben wir was Gemeinsames geschafft. Ich werde den Tag schon genießen. Bei der Pressekonferenz werde ich mich einfach ganz stark auf den Film konzentrieren und darauf, was ich dazu sagen möchte. Nur das mit den ganzen Fotos wird mir schnell unangenehm. Da gibt es so Momente, wo einem die Fotografen zurufen: Stellen Sie sich bitte da hin! Noch mal lächeln! Ah nö, Sie sehen ja so ernst aus, können Sie nicht noch ein bisschen die Zähne zeigen?! Bei der Premiere zu „Die fetten Jahre sind vorbei“ in Berlin war das alles einfacher, da waren auch Freunde von mir da. Aber jetzt bei der Berlinale weiß ich nicht mal, ob ich Premierenkarten für meine Eltern bekomme.

Ihr Vater ist Richter. Haben Sie ihn um Rat gefragt zur Vorbereitung auf die Verhör- und Gerichtsszenen in „Sophie Scholl“?

Während der Drehzeit habe ich die Kommunikation mit anderen Menschen auf ein Minimum beschränkt. Ich hatte einfach den Kopf nicht frei dafür. Ich wollte auch mit niemandem darüber reden, denn dann hätte ich ja erzählen müssen, die anderen fragen immer: Was machst du da eigentlich genau? Wie ist es so? Aber ich hebe mir lieber die Kraft dafür auf, es zu machen, anstatt darüber zu reden.

Sie haben an Originalschauplätzen gedreht. Studenten erzählen von diesem besonderen Gefühl, das sich einstellt, wenn man den Lichthof der Universität betritt, wo die Geschwister die Flugblätter verteilt haben und anschließend verhaftet wurden.

Mir ging das genauso. Dieser helle Raum mit den schneeweißen Treppenstufen ist ja so etwas wie das Sinnbild der Weißen Rose. Bevor wir die Szene drehten, in der wir die Flugblätter verteilen, ging ich mit Fabian Hinrichs, der Hans Scholl spielt, in das Universitätsgebäude. Wir wollten uns den Lichthof anschauen und haben überlegt, wie die Geschwister die Flugblätter genau verteilt haben. In den Verhörprotokollen wird das zwar geschildert, aber wir wollten uns in die Situation hineinversetzen: Welche Wege laufen wir am besten? Gehen wir erst ins oberste Stockwerk? Oder fangen wir unten an? Wo sind wir am besten geschützt? In dem Moment fühlte ich mich sehr eigenartig, weil mir bewusst wurde, die haben sich an diesem Ort genau dieselben Fragen gestellt.

Haben Sie, um diese Zeit besser zu verstehen, Ihre Großeltern nach ihren Erinnerungen gefragt?

Bei mir lebt nur noch eine Oma, und die war während des Zweiten Weltkriegs noch ein Kind. Aber ich wollte so viel wie möglich verstehen über das Leben unter dem Nazi-Regime und habe mir Interviews mit Zeitzeugen angesehen, die Regisseur Marc Rothemund und Drehbuchautor Fred Breinersdorfer geführt haben, etwa mit der Schwester von Willi Graf und einer Freundin von Sophie Scholl. Trotzdem beschäftigt mich die Frage, wie sich meine eigenen Großeltern im Nationalsozialismus verhalten haben. Aber sie haben mit meinen Eltern kaum darüber gesprochen. Offenbar hatten sie damit Probleme. Und die Kinder haben auch nicht immer den Mut, die eigenen Eltern zur Rede zu stellen. Deshalb entstehen vermutlich jetzt so viele Filme über die NS-Zeit, weil es da noch so viel aufzuarbeiten gibt.

Der Regisseur sagte, Sie wären bereit gewesen, sich den Arm auszureißen, um Sophie Scholl spielen zu dürfen.

Das klingt jetzt so, als hätte ich ihn angefleht: Bitte, gib mir die Rolle! Ganz so war es auch wieder nicht. Ich habe erst mal das Drehbuch zugeschickt bekommen. Aber ich muss zugeben: Von dem Moment an, wo ich zu lesen begann, hat mich die Geschichte gepackt, und ich habe sehr gehofft, die Rolle spielen zu dürfen. Der Film ist ja kein Remake von Michael Verhoevens Film „Die Weiße Rose“, der von der Entstehung der Gruppe erzählt, sondern er spielt in einem anderen Zeitabschnitt, in den Tagen zwischen Verhaftung und Hinrichtung. Der Geist der Weißen Rose hat mich fasziniert: Dass sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf eine Sache lenkten, dass sie die Ideale, über die sie untereinander diskutierten auch verteidigten und selbst in letzter Konsequenz danach handelten. Als ich die Verhörprotokolle las…

…die in Stasiarchiven lagerten und bisher nicht veröffentlicht waren …

…da war mir Sophie Scholl wieder ein bisschen unheimlich. Wie sie es im ersten Verhör geschafft hat, unter dem Druck und mit der Angst den bohrenden Fragen des Vernehmungsbeamten Mohr fünf Stunden lang standzuhalten, allen Fallen auszuweichen und ihn sogar von ihrer Unschuld zu überzeugen.

Mohr hatte schon die Freilassung Sophie Scholls angeordnet, da fand die Gestapo in der Wohnung ihres Bruders erdrückende Beweise.

Diese ganze Entwicklung ist unglaublich. Selbst als die Beweise immer stärker wurden, und sie letztlich überführt war, ist sie nicht zusammengebrochen, sondern hat mit allen Mitteln versucht, ihre Freunde, die anderen Mitglieder der Weißen Rose, zu schützen. Sie hat alle Schuld auf sich genommen. Das ging so weit, dass sie mit Mohr einen weltanschaulichen Diskurs führte.

Im Film sagt Sophie Scholl zu Mohr: „Nicht ich, sondern Sie haben die falsche Weltanschauung.“

Und am Ende schlug sie sogar sein Angebot aus, ihr eine goldene Brücke zu bauen, ihr Leben zu retten, indem sie ihren ohnehin belasteten Bruder als Alleintäter darstellte.

Könnten Sie sich vorstellen, für eine Idee Ihr Leben zu riskieren?

Das weiß ich nicht. Durch die Arbeit an dem Film dachte ich immer darüber nach: Wie hätte ich mich verhalten, könnte ich mein Leben geben? Eigentlich glaube ich es nicht, weil ich mich nicht stark genug fühle. Aber ich hoffe es natürlich.

Dabei haben Sie ja Erfahrung mit Frauen, die ihr Leben opfern. In den Kammerspielen stehen Sie als Antigone auf der Bühne.

Komisch, das hat bei den Dreharbeiten zu „Sophie Scholl“ auch schon jemand zu mir gesagt. Antigone will ihren Bruder begraben, obwohl ihr Onkel, der König, das bei Todesstrafe verboten hat, letztlich begeht sie aber Selbstmord. Für mich lagen Antigone und Sophie Scholl weit auseinander, ich wollte die Rollen nicht vermischen. Aber halt! Jetzt erinnere ich mich, dass der Regisseur von „Antigone“, Lars-Ole Walburg, mit uns auch zur Gedenkstätte der Weißen Rose ging, er wollte sehen, ob uns diese Form von Widerstand für die Arbeit an der Antigone weiterhilft. Offenbar machen sich alle Sorgen, wie ich damit klar komme, eine Frau darzustellen, die in den Tod geht.

Die Guillotine aus „Sophie Scholl“, ein Original, wurde auch erst am letzten Drehtag angeliefert.

Dieser Tag war sehr seltsam. Ich stand während der Dreharbeiten ja auch noch abends im Theater auf der Bühne, der ganze Tag, teilweise auch die Nacht, waren dicht mit Arbeit. Am letzten Tag saß ich zum ersten Mal wieder einfach so draußen vor dem Drehort, einer Münchner Pathologie, die Sonne schien, und ich hatte plötzlich so viel Zeit. Die Leute aus dem Team verhielten sich auch irgendwie eigenartig, sie dachten wohl, sie müssten mich auf den Gang zur Guillotine vorbereiten, mich seelisch unterstützen. Aber ich hatte mir selber schon vorgenommen, standhaft zu bleiben. Denn Sophie Scholl ist aufrecht zur Guillotine gegangen, die ist zu keinem Zeitpunkt zusammengebrochen. Für mich ist es immer wieder erstaunlich, wo sie mit 21 Jahren diese Kraft hernahm.

Sophie Scholl war religiös.

Das hat zum Schluss sicher eine große Rolle gespielt. Es gibt viele Gebete, die von ihr überliefert sind. Es war ihr sehr wichtig, vor dem Tod mit einem Pfarrer zu reden, der sie segnet und mit ihr betet.

Woher würden Sie in einer Krisensituation die Kraft nehmen?

Schwierig. Ich folge keiner bestimmten Religion. Aber ich hoffe, dass ich auf Werte zurückgreifen kann, die ich in mir habe. Ich bin genau wie andere immer wieder von Neuem auf der Suche und frage mich: Was ist mir eigentlich gerade wichtig im Leben, und was lohnt sich überhaupt? Aber ich glaube, dass ich in dem Moment, wo ich eine existenzielle Krise hätte, diese humanistischen Werte in mir finden würde.

Sie spielen auffällig oft Frauen, die aus der Rolle fallen: Sophie Scholl, Antigone und auch Jule aus „Die fetten Jahre sind vorbei“, die mit zwei Freunden einen Industriellen entführt. Wann sind Sie selbst zuletzt aus der Rolle gefallen?

Oh, da muss ich nachdenken… Mir fällt jetzt gar nichts ein. Wie langweilig!

Nie betrunken gewesen? Nie danebenbenommen?

Es ist ja nicht so, dass ich nie trinken oder feiern würde. Aber so richtig aus der Spur geraten? Nee.

Sie bringt nichts aus der Fassung.

Vielleicht das: Wenn mir alles zu stressig wird, wenn zu viele Leute was von mir wollen, dann werde ich ungerecht. Da sage ich schon mal: Nein, ich will jetzt nicht mehr!

Auch nicht gerade rebellisch.

Es tut mir ja Leid. Für Sie muss das zum Verzweifeln sein. Ich bin eben ziemlich brav.

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