Zeitung Heute : So viele Leben

In Steven Spielbergs neuem Thriller „Munich“ spielt er eine Hauptrolle: Hanns Zischler. Der Berliner ist aber noch viel mehr – Literat, Fotograf und Historiker. Ein Besuch

Peter von Becker

Ein Zimmer, ein Tisch voller Weinflaschen und Geldscheine, eine offene Telefonzelle mit herabbaumelndem Hörer, ein vorbeifahrendes Auto und ein Mann mit einer Maschinenpistole, taumelnd, verwundet. Und Schnitt: Ein Mann springt aus einem Auto, hastet in ein schummriges Hotel, schießt dort auf einen anderen Mann, wirft eine Granate in dessen Zimmer, eine Explosion – und der Schütze wankt blutend hinaus in die Nacht, zum Wagen, der losfährt.

Zwei Szenarien im Stil des alten Hollywood-Gangsterkinos. Das erste hat der Münchner Filmhochschüler Wim Wenders im Sommer 1967 für seinen Zwölfminutenstreifen „Same Player Shoots Again“ gedreht. Produktionskosten ein paar hundert Mark. Die zweite Szene stammt aus Steven Spielbergs neuem Film „Munich“, also: „München“. Sie spielt 1972/73 in Beirut, wurde im Sommer 2005 auf Malta gedreht, der Film dauert über zweieinhalb Stunden, Produktionskosten 70 Millionen Dollar. Was die Szenen verbindet: Same player shoots again. Beide Male ist der Mann mit der Waffe der Berliner Schauspieler Hanns Zischler.

Dazwischen liegen Kinowelten und für Zischler vier Jahrzehnte und mehr als 200 Film- und Fernsehrollen. Aber die Pointe passt: dass in Zischlers Anfang als zwanzigjähriger Amateurfilmgangster schon das Vorspiel zum Hollywood-Protagonisten steckt. Sie passt nicht nur wegen der Jungfilmersehnsüchte, sondern weil bei Hanns Zischler das romantisch Zufällige, der Überflieger und der Geradlinige zusammengehören. Weil dieser Mensch, der ein Chamäleon ist, das Vielgestaltige zu seiner Lebensstrategie gemacht hat.

Spielbergs „München“ startet am 26. Januar in den deutschen und europäischen Kinos. In den USA ist „Munich“ seit Weihnachten zu sehen. Neben Eric Bana, Daniel Craig (dem künftigen Bond-Darsteller), Mathieu Kassovitz und Ciaran Hinds spielt Zischler die fünfte Hauptrolle: einen deutschstämmigen Juden mit Namen Hans. Hans handelt in Frankfurt am Main mit antiquarischen Büchern – und versteht sich aufs Fälschen von Pässen und Dokumenten. So wird er, mit Fliege und Weste der Typ eines bürgerlich kultivierten Killers, zum Mitglied eines „Schläfer“-Teams des israelischen Geheimdienstes Mossad. Im Auftrag von Premierministerin Golda Meir sollen sie die überlebenden Attentäter und Hintermänner des Palästinenser-Anschlags auf die israelische Olympiamannschaft im September 1972 in München liquidieren.

Spielbergs Thriller, der schon vor der amerikanischen Premiere umstritten ist, erzählt von den blutigen Masken der Menschlichkeit und Moral in den Zeiten von Terror und Vergeltung. Die dramatische Fallhöhe gegenüber der eigentlichen Lebenswelt von Hanns Zischler könnte kaum größer sein. Im freundlichen Tonfall des gebürtigen Franken (Jahrgang 1947, er sagt: „Wie Spielberg!“) wirkt der 58-jährige Akteur eher gemütvoll und verrät doch mit jedem bedacht gewählten Wort einen Intellektuellen. Die Schauspielerei, die der neue deutsche Hollywood-Protagonist nie gelernt hat, finanziert nur seine Lieblingsexistenz: die eines Detektivs in den Abgründen und Labyrinthen der Geisteswelt.

Zischler bewohnt mit seiner Frau, einer Landschaftsarchitektin, das weitläufige Hochparterre und Teile des Souterrains einer von altem Garten umgebenen Villa im Charlottenburger Westend. Spätnachmittag, der Hausherr kocht Tee und hat eben noch, trotz Eiseskälte, mit dem Fahrrad einen flachen, französischen Kuchen besorgt. Zischler ist Fahrradfahrer bei fast jedem Wetter, „ein Auto habe ich nie besessen“, sagt er. Trotzdem lenkt er bei Spielberg nach einem der tödlichen Anschläge einmal das Fluchtauto. Auch das erinnert an seine Anfänge mit Wenders. „Mein Durchbruch“, sagt Zischler, „war vor 30 Jahren ,Im Lauf der Zeit’.“ In Wenders’ heute legendärem Road-Movie fährt Zischler gleich bei seinem ersten großen Kinoauftritt ein Auto in die Elbe. Er muss aus dem deutschen Grenzfluss gerettet werden. Um dann als Schauspieler über viele Grenzen zu gehen.

Die belletristische Abteilung einer umfänglichen Bibliothek bildet im Hause Zischler als verwinkelter Korridor gleichsam die Grenze zwischen Küche, Wohnräumen und dem Schreibzimmer. Im Tiefgeschoss darunter liegt mit Austritt zum Garten noch ein Studio mit Tonanlagen, Schneidetisch, Computern, Scanner, Regalen voller Filmkassetten, Aufzeichnungen und dem Hand-Apparat für Zischlers Forschungen. Über Kafka zum Beispiel. Vor zehn Jahren ist hier sein in neun Sprachen übersetztes Schlüsselwerk „Kafka geht ins Kino“ entstanden. Und neben einer DVD-Dokumentation über die großen wissenschaftlichen Sammlungen der Welt, für die er gerade dieser Tage in Eigenregie im Berliner Naturkundemuseum dreht, hat er als nächstes Vorhaben: „das Joyce-Projekt“.

Vom Joyce-Projekt muss er noch vor „Munich“ beim Tee erzählen. Denn Zischler hat etwas Großartiges herausgefunden. Dazu ist er in den USA, in Frankreich, Italien und Kroatien in allerlei Archive gestiegen, hat beispielsweise in Bologna die einzige Sammlung des vor 100 Jahren in Rom herausgegebenen Anarchistenblatts „L’asino“ („Der Esel“) entdeckt und kopiert. James Joyce, der vagabundierende Ire, hatte 1906/07 just in derselben Straße gearbeitet – in einer Bank – wie die „Asino“-Redaktion, und Zischler glaubt nun, beweisen zu können, dass sich Joyce bei seinem ab 1914 entstandenen Jahrhundertroman „Ulysses“ nicht allein von Freuds Traumdeutung oder neuen künstlerischen Montagetechniken hat inspirieren lassen. Anregend für die assoziative Fülle von Mythen und Trivialitäten seien neben frühen, von Zischler gleichfalls aufgespürten Stummfilmen vor allem die „faits divers“ der damaligen Tagespresse gewesen: die tolle Collage aus Klatsch, Verbrechensmeldungen, Alltagsabenteuern und der Fülle bizarrer Anzeigen auf den vermischten Seiten. „Joyce war wie Kafka ein passionierter Zeitungsfresser. Leopold Bloom, der Held seines Ulysses, ist Anzeigenagent einer Dubliner Zeitung. Und bestimmte Muster des Romans spiegeln die bis ins Layout chaotisch geregelte Lektüre der faits divers!“

Hanns Zischler, der das doppelte „n“ seinem ehrwürdigen Taufnamen Christoph Johann verdankt, ist neben dem Film- und Fernsehschauspieler vor allem noch das: Literaturwissenschaftler, Ethnologe, Fotograf, Essayist, Privatgelehrter, ehemaliger Dramaturg der Berliner Schaubühne (zu Peter Steins und Andrea Breths Zeiten), Übersetzer unter anderem des Philosophen Jacques Derrida und Mitbegründer der mit poetischer Philosophie brillierenden Berliner Kleinverlage Alphaeus und Merve. Auf der internationalen Szene wird es wohl keinen gebildeteren Schauspieler geben als ihn – diesen Sohn eines Steinhändlers, aufgewachsen im fränkischen Dorf Langenaltheim.

Über die heimische Landschaft, das Langenaltheimer Haardt bei Solnhofen, hat Zischler noch unlängst einen poetischen Essay geschrieben: „Die schönste Mondlandschaft, die man sich denken kann“. Auch auf Malta, wo er sechs Wochen mit Steven Spielberg gedreht hat, ist Zischler an freien Tagen über eine mondartige, freilich von Beton und Rodung überzogene Insel gewandert und irgendwann bei den dort ausgestorbenen Vogelarten im Naturhistorischen Museum gelandet. Wie kommt so ein Mann ins Filmgeschäft?

Als er Ende der 60er Jahre in München Musik studierte und Ethnologie, Kunstgeschichte und Literatur, alles ohne Abschluss, als er im Schwabinger Uni-Viertel damals auch Wim Wenders und andere Filmhochschüler traf, fiel er sofort auf. Unter den Achtundsechzigern („ ich gehörte zur undogmatischen Adorno- Fraktion“) war er nie der Jeans-Typ. „Ich trug zum offenen Hemd gerne dunkle Anzüge.“ Zischler fügt lächelnd hinzu: „Erbstücke von einem Onkel. Das waren sehr gute Stoffe!“ Für die Jungfilmer, die alle von Hollywoods „Schwarzer Serie“ träumten, wirkte er damit wie der geborene Gangster. „Ich war der Mann im schwarzen Anzug und plötzlich gefragt.“

Ein Glücksfall für einen, der sich gerne „als ewiger Dilettant“ bezeichnet und sagt: „Ich habe kein Studium abgeschlossen, weil ich Studien für unabschließbar halte.“ Beim Film, wo er mit Regisseuren wie Chabrol und Godard, Dietl („Rossini“) oder Hans Weingarten („Die fetten Jahre sind vorbei“) gearbeitet hat, kam außer der ohnehin nicht erlernbaren sinnlichen Präsenz vor der Kamera noch etwas hinzu: Zischler hätte vom Aussehen her auch ein Neffe von Humphrey Bogart sein können. Heute ein wenig statiöser geworden und seriös erkahlt, hat er, was in Zeiten der Beschleunigung ein unschätzbarer Vorzug ist: ein sonderbar „altmodisches“ Gesicht. Rund und kantig, streng und komödiantisch zugleich. Es passt nicht nur zu Schwarz, sondern genauso zum Tropenanzug, zu Leinen und Tweed, zum smarten Look eines Flaneurs oder Dandys. Jean-Luc Godard nannte den Franken, der fließend Französisch und Englisch spricht, darum einmal den „Gentleman Actor“.

Im April 2004 kam der überraschende Anruf, dass Mr. Spielberg ihn gerne kennen lernen würde. Einen Monat später traf er den Regisseur und dessen Produzentin Kathleen Kennedy im Hotel Ritz in Paris. „Spielberg hat mir die Geschichte von ,Munich’ und meine Rolle in wenigen Sätzen beschrieben und gefragt, ob mich das interessieren würde. Diese höfliche, direkte Art war mir gleich angenehm. Danach haben wir uns noch ein bisschen über Gott und die Welt unterhalten, ich glaube, er erwähnte sogar mein Kafka-Buch.“ Mehr Vorspiel gab es nicht, und bis 2005 war Spielberg noch mit seinem „Krieg der Welten“ beschäftigt. Also keine Probeaufnahmen?

„Nein“, sagt Zischler und schenkt dem Besucher Tee nach. „Spielberg, der für den Film keine amerikanischen Schauspieler wollte, hat sich hunderte von Videos angesehen. Mich hat er wohl in ,Sunshine’ von Istvan Szabo entdeckt.“ In dem Film mit Ralph Fiennes und Willam Hurt verkörperte Zischler 1999 einen deutschen Juden, zur Zeit der Olympischen Spiele 1936 in Berlin. „Spielberg hat das Kameraauge im Kopf. Und dazu ein unerschöpfliches cineastisches Gedächtnis als jederzeit verfügbaren Vorrat an Bildern, Gesichtern, Bewegungen. Er braucht, wenn er jemanden gesehen hat, keine Probeaufnahmen mehr.“ Diese für Schauspieler nervige, bei US-Produktionen aber sonst übliche Prozedur hatte Zischler bei einem früheren Anruf aus Hollywood erlebt. Es war ein Projekt von Peter Bogdanovich, wo er nach dem Test nicht mehr ins Konzept passte. „Pipifax“ sei das.

Bei den dreimonatigen Dreharbeiten für „Munich“ sei die Atmosphäre für ihn dann „ungewöhnlich ideal“ gewesen. „Spielberg beflügelt die Schauspieler mit seinem unerschöpflichen Enthusiasmus.“ Es gab weder Krisen noch überflüssige Diskussionen. „Die Kamera verlangt Hierarchie, Film ist wie Militär“, sagt Hanns Zischler, der eingefleischte Zivilist. Das Zusammenspiel der Spielberg-Crew habe „Professionalität und Freundlichkeit mit einer schier unglaublichen Effizienz und Schnelligkeit selbst bei kompliziertesten Abläufen“ gepaart. Beispielsweise simuliert Spielberg in den Straßen von Budapest oder La Valetta mit 1500 Autos aus der Zeit den Großstadtverkehr von Rom, Paris, Athen oder London Anfang der 70er Jahre – ein so noch nie dagewesener „Authentizitäts-Aufwand“.

Was bei der Geschichte von „Munich“ auch historisch authentisch ist, bleibt allerdings umstritten. Der Film beruft sich auf das Recht der Fiktion. Weil die Vorlage aber auf einem zweifelhaften kanadischen Roman und den Erzählungen eines noch zweifelhafteren angeblichen Mossad-Agenten beruht, wirft man Spielberg vor, nicht mit anderen Zeugen in Israel geredet zu haben. Auch habe Spielberg das Gespräch mit den Hinterbliebenen der elf israelischen Opfer des Münchner Anschlags vermieden. Zischler vermag zu den historischen Quellen wenig zu sagen. „Die konnte ich ja nicht überprüfen.“

Zu dem zweiten Vorwurf aber meint er nach einem Moment der Stille, des Nachdenkens: „Hätte Spielberg vorher mit den Familien gesprochen, wäre es wahrscheinlich schwer gewesen, ihnen zu erklären, dass es kein Film über das Attentat ist, auch wenn es in Zwischenszenen immer wieder eingespielt wird. Sondern ein Film über die Folgen. Über die allmählich zerbrechenden Ideale der Rächer, die dann selbst zu Verfolgten werden.“ Außerdem, fügt Zischler an, „spielt der Sohn des in München ermordeten Ringertrainers Moshe Weinberg jetzt im Film seinen Vater“. Dieser bislang kaum beachtete Umstand sei immerhin ein Beweis, dass es hier doch eine Verbindung gebe zu jenen frühen Opfern des neuen, internationalen Terrors.

Hanns Zischler lebt seit 1969 in Berlin. Wird sich nach „München“ nun sein Berufsalltag ändern? „Ich glaube nicht.“ Er hat einen charmant schalkhaften Blick und würde gerne mehr Komödien spielen, nicht nur empfindsame Schurken, Melancholiker oder soignierte Banker. Aber er genießt es auch, dass er in Deutschland „anders als Götz George oder Mario Adorf noch unbehelligt“ über die Straße gehen kann. Und weil die Gagen von Film und Fernsehen sein Forschen und Schreiben ermöglichen, ist dieses Leben „das größte Glück“.

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