Sobibor-Häftling : "Demjanjuk muss reden"

Thomas Blatt wirkt erschöpft. Der 83-jährige Jude geht mit unsicheren Schritten. Er leidet unter Depressionen, manchmal stockt er mitten im Sprechen, verliert sich in Gedanken, er allein weiß, wohin. Nur seine Augen sind wach. Immer. Er war Häftling in Sobibor und nun Zeuge im Prozess.

Agnieszka Hreczuk
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Thomas Blatt. Foto: A. Hreczuk

Hinter thomas Blatt liegt ein langer Weg. Aus der Heimat in Kalifornien über Berlin, wo er eine Verwandte besucht, bis nach München. Vor dem dortigen Gericht will er als Nebenkläger dem mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk begegnen. Es wird das erste Treffen der beiden Männer sein seit den Tagen im NS-Vernichtungslager Sobibor in Ostpolen, das Blatt als einer von wenigen überlebt hat.

Eine deutsche Zeitung hat einmal beschrieben, wie Blatt als 16-Jähriger seinem Peiniger in die Augen sah. So war es nicht. Demjanjuk aus nächster Nähe zu sehen, wäre einem Todesurteil gleichgekommen. Zu den Aufgaben der ukrainischen Wächter, von denen Demjanjuk einer gewesen sein soll, gehörte es, die Häftlinge in den Tod zu führen. „Sie waren Mörder, die Schlimmsten der Schlimmsten“, sagt Blatt. Tausende nackter Menschen hätten sie in die Gaskammer getrieben, mit Schreien, Bajonettstichen, Schlägen. Die Opfer waren Blatts Eltern, sein Bruder, seine Nachbarn aus dem ostpolnischen Izbica, Juden aus Holland, Deutschland, Russland.

Weil die Toten nicht erzählen können, muss Blatt in ihrem Auftrag berichten – das sei er ihnen schuldig, sagt er. „Viele meinen, Demjanjuk sei alt und krank, es sei unmenschlich, ihn vor Gericht zu stellen. Man vergisst dabei die alten und kranken Menschen, die er mit dem Bajonett in die Gaskammer getrieben hat.“ Und niemand denke an die, die Sobibor bis heute nicht vergessen können, die im Schlaf weinen und schreien.

Demjanjuk war Opfer, bevor er zum Täter wurde. Vor seiner Arbeit als Wächter in Sobibor war er in einem Lager für Rotarmisten inhaftiert, in dem unmenschliche Bedingungen herrschten. Seine Entscheidung, diesem Lager mithilfe der SS zu entkommen, kann Thomas Blatt verstehen – außerdem habe Hitler den Ukrainern ein unabhängiges Land versprochen. Damit aber endet Blatts Verständnis: „Viele der Ukrainer, die von der SS rekrutiert wurden, desertierten, als ihnen klar wurde, was sie tun sollten. Demjanjuk nicht. Er hat es nicht einmal versucht.“

Blatt betont, er werde in München nicht gegen Demjanjuk aussagen, sondern gegen die Wächter von Sobibor. Demjanjuk habe er nur aus der Entfernung gesehen, als einen von vielen, es habe kaum persönlichen Kontakt zu den Wächtern gegeben. Aber nur ihretwegen habe sie funktioniert, die „Mördermaschine“, wie Blatt Sobibor nennt. Das Lager sei anders gewesen als Auschwitz, wo selektiert wurde: die einen in die Gaskammer, die anderen zur Zwangsarbeit. „Sobibor war ein reines Vernichtungslager“, sagt Blatt – eine Einrichtung mit dem einzigen Zweck, ankommende Menschen sofort umzubringen. Auf 250 000 wird die Zahl der Opfer geschätzt.

Blatt und weitere 90 Gefangene überlebten, weil sie einen Aufstand organisierten und flohen. Nur noch etwa zehn dieser Davongekommenen sind heute am Leben. Sie seien „verpflichtet, die Wahrheit zu vermitteln“, sagt Blatt. Er ist der einzige Überlebende, der gegen Demjanjuk aussagen will. Die anderen seien zu alt oder zu krank, um nach Deutschland zu reisen, andere wollen nicht über die schrecklichen Erinnerungen reden. Wieder andere fürchten sich. „Auch ich habe Hassmails bekommen“, sagt Blatt.

Einschüchtern lässt er sich nicht – es gehe hier schließlich, sagt er, um das Ziel seines Lebens. Das sei nicht Rache, auch nicht Gerechtigkeit, für die es zu spät sei. Einzig um die Wahrheit gehe es ihm. „Demjanjuk war ein Zahnrad dieser Maschine. Keiner weiß besser als er, wie sie funktionierte. Das muss er erzählen.“ Immer noch, sagt Blatt, seien die letzten Opfer und Täter am Leben. „Und trotzdem glauben heute viele, dass es den Holocaust nie gegeben hat. Was soll erst werden, wenn wir nicht mehr da sind?“

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