Zeitung Heute : Softmodernes in Prag

KATJA STOPKA

Die wilden Zeiten im Internet sind vorbei.Welche Auswirkungen diese Normalisierung auf die "elektrifizierte Literatur" hat, die Ende der 80er Jahre angetreten war, nicht nur das Buch abzulösen, sondern auch die traditionellen Grenzen von Autor- und Leserschaft zu sprengen, war das diesjährige Thema der "Softmoderne", die diesmal - ganz anders als in den letzten drei Jahren - nicht in Berlin, sondern in der tschechischen Hauptstadt Prag stattfand.Das dortige Goethe-Institut hatte im Rahmen des jährlichen Mediensymposiums am 19.und 20.November in die goldene Stadt geladen, um gemeinsam mit internationalen Netzexperten über die gegenwärtige Entwicklung der Internetliteratur zu diskutieren.Eröffnet wurde das Symposium mit einem Gespräch zwischen zwei Urgesteinen der Computerkultur.Joseph Weizenbaum, renommierter KI-Experte, wie auch der österreichische Kybernetiker und Künstler Oswald Wiener bekundeten einvernehmlich ihr Befremden gegenüber der Netzkultur.Dies liege nicht nur an der überfordernden Geschwindigkeit des Netzes, sondern vor allem an der wuchernden Unübersichtlichkeit.Dieser resignativen Diagnose wurde im Verlauf des ersten Tages jedoch von Praktikern des Internets widersprochen.

Der US-Amerikaner Michal Joyce, "Granddaddy" der Hyperfiction, führte eindrucksvoll vor, wie mit Hilfe von Hypertext Software der kreative Prozeß des Schreibens gefördert wird.Daß die wilden Zeiten im Netz de facto der Vergangenheit angehören, zeigte das Projekt des deutschen Schriftstellers Matthias Politycki.Die Fortsetzung seines im letzten Sommer gefeierten "Weiberromans" schreibt er jetzt im Internet.Dabei läßt er sich nicht nur bei seiner Arbeit über die Schulter schauen; in einem Parallelforum können Internet-User auf das Romangeschehen Einfluß nehmen - allerdings nur unter Anleitung des Schriftstellers.

Am zweiten Tag stellten die Tschechen Pavel Suchmann und Ondrej Neff mit ihren Internet-Zeitschriften "amber zine" und "Der unsichtbare Hund" zwei Literatur-Projekte vor, die nicht nur bei der jungen Generation Beachtung finden.Höhepunkt dieses Tages war die von dem Österreicher Komponisten Karlheinz Essl vorgestellte CD-ROM der Wiener Künstlergruppe "Libraries of the Mind", die auf kongeniale Weise den berühmten Lexikon-Roman Alexander Okopenkos in das digitale Medium übersetzt hat.Alles in allem hat die Berliner "Softmoderne" mit der Präsentation der verschiedensten Literaturprojekte auch in Prag überzeugend demonstriert, daß die digitalen Techniken keineswegs einen Verlust für die Qualität von Literatur bedeuten, sondern ihr durchaus auch neue ästhetische Möglichkeiten eröffnen können.

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