Zeitung Heute : Software-Kopien: Bleibt der Computer-Kunde auch in Zukunft König?

Klaus Angermann

Schnell ins Netz, Napster aufrufen und die herunter geladenen MP3-Dateien auf Silberscheibe brennen: Fertig ist die günstige, hausgemachte CD. Doch der Musikindustrie ist nicht unbedingt Recht, was Napster-Usern billig ist: Nun soll für die weltweite Internet-Musikbörse eine Technik eingeführt werden, die den Tausch komprimierter Musiktitel weiterhin erlaubt, aber das anschließende Brennen auf CD verhindert. Was sich nach Spielverderberei anhört, soll das Urheberrecht der Interpreten am geistigen Eigentum wahren - nicht immer sind dabei Urheberschutz und Verbraucherwunsch kompatibel.

Interessenvertreter der Urheber sehen das Recht an Werken der Literatur, Wissenschaft und Kunst - wozu auch Computer-Programme zählen - im digitalen Zeitalter bedroht. Ein CD-Brenner gehört zur PC-Grundausstattung und ermöglicht das Brennen von Urlaubsfotos wie auch von Computer-Programmen. Die Vervielfältigung weniger Musik-CDs zum privaten Gebrauch ist zulässig, anders sieht es laut deutschem Urheberrechtsgesetz (UrhG) bei der Software-Kopie aus; gestattet ist nur die Erstellung einer einzigen Sicherungskopie. Dennoch ist Software oft vor dem Kopieren geschützt: Das 400 Mark teure "Kindlers Literaturlexikon" auf CD beispielsweise kann nicht digital kopiert werden; ärgerlich für den Käufer, wenn das Original kaputt geht. Doch könnte laut UrhG der Verbraucher vom Hersteller eine Sicherungskopie verlangen, wenn er sie wegen eines Kopierschutzes nicht selbst erstellen kann - das verschweigen allerdings die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Software-Hersteller.

Hinzu kommt, dass Kopien nicht in jedem Land in gleichem Maße erstellt werden dürfen; derzeit berät sich das EU-Parlament in Brüssel, um eine europaweit einheitliche Rechtsprechung zu erzielen. Nach dem Willen der Industrie, die Rechte verwertet, könnte die Auslegung der Urheberrechte nicht weit genug gehen, wie Forderungen nach Pauschalabgaben auf PCs und Komponenten zeigen: Der Anwender zahlt zwar bereits für Scanner, Kopier- und Faxgeräte, doch im Oktober letzten Jahres kündigte die Bundesregierung an, die Abgaben auf CD-Brenner, Drucker und sogar Festplatten ausdehnen zu wollen. Damit müssten alle Computer-Besitzer pauschal mitbezahlen, auch wenn sie die Hardware privat und legal nutzen. Zudem könnten sich die höheren Preise negativ auf die Computer-Verbreitung insbesondere im Privaten auswirken, wovor Jörg Menno Harms, Vizepräsident des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM) warnt: "Es darf nicht sein, dass wir gerade jene Geräte über alle Maßen belasten, die wir zur Entwicklung der Informationsgesellschaft am dringendsten brauchen."

Besonders beim Kopierschutz neuer Hardware-Technologien klafft eine Lücke zwischen Urheber- und Verbraucherinteressen. MiniDisc-Player haben einen digitalen Eingang, aber der Ausgang ist nur analog, obwohl analoge Daten von DAT- und Minidisc-Playern als kopiergeschütztes Material betrachtet werden - egal ob Raubkopie oder legale Aufzeichnung. Zukünftige schreibfähige DVD-Laufwerke werden zeitversetztes Ansehen von Videodaten wie beim Videorecorder verhindern, selbst wenn es rechtlich erlaubt wäre. Schon jetzt sorgen Ländercodes in DVD-Playern dafür, dass nicht jede gekaufte DVD abgespielt werden kann. Hersteller wie Intel arbeiten an Technologien, die verhindern sollen, dass Video- oder Musikdaten auf Speichermedien abgespeichert und wieder abgespielt werden können. Der Kunde darf bald nur noch ansehen, respektive hören, aber nicht abspeichern - eine sehr bedenkliche Ausdehnung des geltenden Urheberrechtes. Selbstverständlich müssen die Leistungen von Künstlern finanziell bei Nutzung gewürdigt werden - allerdings muss der Kunde im Sinne des Verbraucherschutzes ein sinnvolles Nutzungsrecht erhalten.

Der Schutzwahn geht indes weiter. Windows XP, die nächste Generation des Microsoft-Betriebssystems, wird wenig verbraucherfreundlich mit einer Zwangsregistrierung versehen sein, die an die Hardware des Rechners gebunden ist. Wer XP einsetzen möchte, bestellt bei Microsoft telefonisch einen individuellen Aktivierungscode. Vorteil für Microsoft: Die im privaten Bereich verbreitete Unsitte, Installations-CDs unrechtmäßig zu verleihen, wird unterbunden. Nachteil für den Kunden: Am Rechner sind nur noch geringfügige Änderungen möglich, bei Neukauf wird eine aufwändige Neuregistrierung fällig.

Mit diesem Vorgehen macht Microsoft die geknackte, beschränkungslose Raubkopie wertvoller als das Original: Der legal benutzende Kunde wäre der Dumme - erste Aushebelungsanleitungen kursieren schon im Netz. Auch dürfte die am Verbraucher vorbei gehende Politik Wasser auf die Mühlen der Linux-Anbieter sowie von kostenlosen Projekten wie StarOffice sein, die eine zunehmende Alternative auch im privaten Bereich darstellen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar