Zeitung Heute : Software zur Spracherkennung nicht perfekt

HOLGER SCHLÖSSER

Mit VoiceOffice lassen sich Briefe diktieren / Kein natürlicher Redefluß möglich / Hohe Rechenleistung notwendigVON HOLGER SCHLÖSSER­Kultregisseur Stanley Kubrick hat es vorhergesehen: In seinem Science-Fiction-Epos "2001: Odyssee im Weltraum" kommunizieren Mensch und Computer in natürlicher Sprache miteinander.Es ist ein offenes Geheimnis, daß der Name des Super-Computers HAL dem amerikanischen Computerkonzern IBM entlehnt worden ist.Und just dieses Unternehmen versucht seit längerem, die Vision des verstehenden Computers Realität werden zu lassen. Nach "VoiceType" und "VoiceOffice Simply Speaking" gibt es nun "VoiceOffice Professional", eine Spracherkennungssoftware, die eigens auf Geschäftskorrespondenz zugeschnitten ist.Neben den 45 000 Wort-Einträgen, die sich im Vokabular des Programms befinden, kann zusätzliches Fachvokabular etwa für Rechtsanwälte oder Ärzte installiert werden. So weit wie im erwähnten Film ist die Technik heute noch nicht.Das Programm versteht nicht den natürlichen Redefluß eines Menschen.Zu groß sind bisher die Schwierigkeiten, die einzelnen Wörter eines Satzes auseinander zu halten.Jedes Wort muß ­ bis auf wenige Ausnahmen ­ getrennt gesprochen werden: IBM nennt dies semikontinuierliches Sprechen.Kontinuierliches Sprechen ist nur bei festen Redewendungen etwa bei Begrüßungsfloskeln möglich.Das Programm läßt sich in eine Textverarbeitung integrieren, doch bisher steht nur Microsofts "Word 6" zur Auswahl.Nutzer anderer Programme müssen auf ein separates Programm, das VoicePad, mit einem geringeren Funktionsumfang, zurückgreifen.Eine Notlösung, denn erst in Word werden die Möglichkeiten von VoiceOffice deutlich.Hier lassen sich nicht nur Texte diktieren, sondern auch formatieren.Mit Layout-Befehlen wie "Fettdruck-Anfang", "Neuer-Absatz" oder "zentriert ausrichten" können Briefe elegant gestaltet werden. VoiceOffice ist kein Programm, bei dem man nach der Installation gleich loslegen kann.Bevor die Erkennungsrate der gesprochenen Wörter akzeptabel ist, muß das Programm auf die eigene Stimme trainiert werden.Insgesamt 256 Testsätze sollten laut Herstellerangaben dem Computer vorgelesen werden, bevor es ans Diktieren geht.Hochdeutsch ist nicht vonnöten.Im Gegenteil.Betont man die Wörter anders als gewöhnlich, wird das Programm bei späteren Diktaten Schwierigkeiten bekommen, diese zu erkennen.VoiceOffice speichert jede Eingabe und vergleicht die lautlichen Abweichungen.Schon in der Trainingsphase wird deutlich, daß die Software jede Menge Rechenpower benötigt: Je nach Rechenleistung ist der Computer mehrere Stunden lang beschäftigt. Auch nach vierstündiger Einübung ist das Ergebnis des Diktats oft nur mit Humor zu ertragen.So macht das Programm aus Wörtern wie "aufwendige 3D-Grafik" schon einmal "auch wendige drei Tee Grafiker".Davon sollte man sich nicht aus der Ruhe bringen lassen.Zwar lassen sich Wörter auch buchstabieren, doch dann wird das Programm dieses Wort beim nächsten Mal erneut mißverstehen.Die Macher von VoiceOffice haben für diese Fälle ein übersichtliches Korrekturverfahren entwickelt.Der Rechner zeichnet während der Eingabe das Klangbild aller Wörter auf, so daß Interpretationsfehler des Programms nachträglich korrigiert werden können.Dazu wählt man das betreffende Wort aus und ordnet ihm eine neue schriftliche Umsetzung zu.Auf diese Weise können dem Standard-Vokabular auch Fremd- oder Fachwörter hinzugefügt werden.Fazit: Die Spracherkennung mit VoiceOffice ist noch nicht perfekt, dennoch handelt es sich um ein ausgereiftes Produkt.Wer sich die Zeit nehmen kann, das Programm zu trainieren, wird die Erkennungsrate des Programms überzeugend steigern.Man sollte aber bedenken, daß neben der Trainingszeit und der teuren Software auch ein schneller Pentium-Rechner mit ausreichend Arbeitsspeicher vonnöten ist, damit die Spracherkennung überhaupt läuft. Systemvoraussetzungen: VoiceOffice Professional kostet 498 DM und benötigt einen Pentium-PC mit mindestens 100 Mhz, Windows 95, Microsoft Word 6, mindestens 16 MB Arbeitsspeicher, Soundkarte sowie CD-ROM-Laufwerk.

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