Zeitung Heute : Soja-Sorgen

HARTMUT WEWETZER

Das Gerangel um Gen-Soja zeigt, daß für die grüne Gentechnik das gleiche gilt wie für andere innovative Methoden - sie haben Nutzen und Risiken, beides gehört geprüft und gegeneinander abgewogen VON HARTMUT WEWETZER

Noch ist nicht entschieden, wer im Gerangel um genmanipuliertes Soja Sieger bleibt.Greenpeace und andere Gegner der Gentechnik wollen eine Kennzeichnung der Produkte aus herbizidresistenten "Gen-Soja" erzwingen, setzen Lebensmittelindustrie und -händler unter Druck und mobilisieren die Medien.Die Aktivisten wähnen die Bevölkerung hinter sich.Sie lehne die "grüne" Pflanzen-Gentechnik in ihrer Mehrheit ab; flugs fordert selbst der Forschungsminister Rüttgers eine Kennzeichnung der Lebensmittel, in denen "Gen-Soja" steckt. Soja ist eine der wichtigsten Nutzpflanzen der Welt, ein schier unverzichtbarer Öl- und Eiweißlieferant; 20.000 Lebensmittel enthalten Produkte aus der Bohne des Schmetterlingsblütlers.Aber wie gefährlich ist Gen-Soja? Entscheidend für die Sicherheit des Verbrauchers ist, daß auch Produkte aus biotechnisch verändertem Soja gesundheitlich unbedenklich sind.Das haben Überwachungsbehörden in den USA, in Deutschland und den anderen EU-Staaten festgestellt.Auch die oft beschworene Gefahr von Allergien ist nicht größer als die durch nicht manipulierte Sojabohnen.Sorgen oder gar Angst von Verbraucherseite sind deshalb vielleicht verständlich, aber unnötig. Hinzu kommt, daß aus gentechnisch modifizierten Sojabohnen ausgepreßtes Öl weder das in die Sojapflanze eingeschleuste Gen noch das nach der genetischen Bauanleitung hergestellte Eiweiß enthält.Das Öl ist völlig identisch mit dem aus herkömmlichen Bohnen.Und die Erhitzung des ebenfalls - bei der Tiermast verwendeten - eiweißreichen Sojaschrots sorgt dafür, daß sowohl das Gen als auch sein Produkt zerstört werden.Aus Sicht des vorbeugenden Verbraucherschutzes ist eine Kennzeichnung der Gen-Soja enthaltenden Lebensmittel deshalb nicht erforderlich. Das ist kein Freibrief für jedwede Art von Pflanzen-Gentechnik.Es muß in jedem Fall sorgfältig untersucht werden, ob eine Kennzeichnung nicht sinnvoll sein könnte.Zudem gibt es jenseits der von Greenpeace geforderten "Stigmatisierung" mittels Kennzeichnung Gründe, die unabhängig vom Gesundheitsschutz für eine Kennzeichnung sprechen könnten.So läßt sich argumentieren, daß der Verbraucher, der die Gentechnik bei Nahrungsmitteln ablehnt, ein Recht auf freie Wahl hat und nicht durch die Hintertür zum Konsum gezwungen werden möchte.Und die Lebensmittelhersteller würden das Vertrauen der Verbraucher in ihre Produkte stärken, wenn sie neben Lippenbekenntnissen zur Gentechnik als Teil moderner Agrarwirtschaft in der Praxis Farbe bekennen würden und ihre Produkte ausdrücklich deklarierten.Dazu braucht es keine Verordnung.Allerdings gehen Dutzende von großen Unternehmen auf Distanz zum Gen-Soja, weil sie nichts mehr fürchten, als von Greenpeace an den Medien-Pranger gestellt zu werden. Grundsätzlich gilt für die grüne Gentechnik nichts anderes als für andere innovative Methoden auch - sie haben Nutzen und Risiken, und beides gehört geprüft und gegeneinander abgewogen.Mit ihrer Hilfe lassen sich zum Beispiel Pflanzen züchten, die ertragreicher sind oder die Krankheiten besser widerstehen.Auf der anderen Seite müssen die ökologischen Folgen bedacht werden, die die Aussaat transgener Pflanzen mit sich bringen können.Die bisher gemachten Erfahrungen sprechen nicht für die pauschale Ablehnung, wie sie Greenpeace und andere Organisationen fordern - schon gar nicht angesichts des weltweiten Hungerproblems.Eine Möglichkeit, ihm zu begegnen, liegt schließlich in der Entwicklung biotechnisch verbesserter und dabei ökologisch verträglicher Kulturpflanzen.Es wäre nicht das Schlechteste, wenn Greenpeace sich einmal für dieses Ziel einsetzen würde.

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