Zeitung Heute : Solche Früchtchen

Der Sommer ist Tomatenzeit. Aber wo bleibt das Aroma? Unsere Probierrunde testete die Kleinversion

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts breiteten sich plötzlich Wappen, Titel und andere soziale Dekorationen epidemisch aus. Jedermann wollte Freiherr sein oder Graf, wenn nicht Herzog oder Fürst. Man braucht nicht viel Fantasie, um in diesen Titulaturen eine Vorform der Markenwirtschaft zu erblicken. Bei frischem Obst und Gemüse schienen – von Ausnahmen abgesehen – solche Anstrengungen bislang wenig lohnend, sind sie doch in der Qualität schwankend und allzu rasch verderblich. Doch was schon lange für die Banane gilt, ergreift nun auch die Tomate, insbesondere ihre Kleinform. Die Cherry-, Cocktail- oder Partytomate ist nicht nur wegen ihrer Eignung für den Single-Haushalt beliebt geworden. Von der Kleinversion, der man spontan aromatische Konzentration unterstellt, verspricht man sich auch vollen Geschmack.

Wie weit es damit her ist, wollte die monatliche Testrunde herausfinden. Sie versammelte sich bei einem Experten, der über die Jahre so manche Lebensmittel-Prüfung mit Sachverstand und Witz begleitet hatte. Bevor Sternekoch Bobby Bräuer den Brandenburger Hof Richtung Österreich verlässt, wollte auch er wissen, wie es mit den roten Früchten aus der Cellophanpackung in Berlin bestellt ist. Bräuer war einerseits erstaunt darüber, wie wenig hier einzelne Sorten bekannt sind (etwa „Freude“, „Mirabell“, „Sweet 100“, „Delicado“ oder „Yellow Pearshaped“). Andererseits war er wenig verwundert darüber, dass sich Marken mit klar wiedererkennbarem Erscheinungsbild durchzusetzen beginnen. Sie erst erlauben den Vergleich.

Der begann mit den Discountern. Lidls holländische „Cherry Strauchtomaten Klasse 1“ verfügen über ein maues, sehr kurzes Aroma, das sich in mehligem Fleisch hinter einer harten Schale verschanzt. Pennys „Marina“ aus Andalusien wartete mit einem Paradox auf: Die wässrigen Früchte erschienen zum einen unreif, zum anderen so, als hätten sie den Erntezeitpunkt überschritten. Aldis Dattelkirschtomaten schnitten noch am besten ab. Obwohl sie an unreife Pflaumen erinnern, fand San-Nicci-Küchenchef Markus Herbicht noch einen Zug von der Tomate in der überdies recht knackigen Frucht. Herbichts Entdeckung gilt allerdings nur für den Rohzustand. Beim Einkochen verflüchtigt sich das Aroma.

Eigentlich müssten Tomaten eine Domäne der Biobauern sein. Bei ihnen würde man die Rekultivierung alter aromatischer Sorten am ehesten erwarten. Dass es nicht so ist, zeigte sich auf eine derart harsche Weise, dass mancher in der Runde den guten Glauben verlor. Kaisers Bio-Cherry „Naturkind“ wirbelt so etwas wie Ananas und andere exotische Noten im Gaumen durcheinander. Rewes spanische Bio-Tomaten missfielen, ebenso die „Bio Vita Minis“ und die „Cherry Strauchtomaten Grünes Land“ aus dem Galeria Kaufhof am Alexanderplatz. Kaum besser machten es die „Bio-Cherry Roma Naturelle“ aus dem Hit-Markt an der Wilhelmstraße, noch schlechter die italienischen „Agrologica Bio-Cherry“ aus dem Bio-Supermarkt am Charlottenburger Savignyplatz.

Nach dieser Ernüchterung wandten sich die Tester den Produkten zu, die im vorzüglichen Obst- und Gemüseladen Krohn in Halensee angeboten werden. Krohns „Kleine Italiener“ entwickeln ein geradezu kohlrabihaftes Aroma. Die sizilianischen „Kleinen Flaschentomaten“ vom selben Anbieter äußerten Zuckrigkeit, die an Süßstoff erinnert, während sich die Sorte „Maffia“ für die Obstschale eignet. Ausgestattet mit einer Zwiebelhäutchen-Schale, frischer Säure und einem natürlichen Salzanteil war Krohns Maffia die erste Tomate, die der Runde gefiel.

Von der Süße über Ausdruckslosigkeit hinweggetäuscht wird man demgegenüber von den „Cocktail Queen“-Cherrytomaten aus der Galeria. Bei mindestens einer Generation kann „Yellow Spring“ aus dem Hit Markt Jugendgefühle auslösen. Ihr leerer Mirabellengeschmack versetzt einen in die Achtziger Jahre. Wer sich Nudelsalat und russische Eier zu Yellow Spring hinzudenkt, braucht beileibe kein Schelm zu sein. Ganz anders die Marke „Albani“, wiederum bei Galeria gekauft. Sie kommt einer guten alten deutschen Gartentomate schon ziemlich nah. Dennoch: Weil sie mit Säure nicht geizt, tritt der blasse Charakter des Übrigen leider umso deutlicher hervor.

Am Ende erwiesen sich nur drei Sorten überhaupt als der Rede wert. In positivem Sinne, versteht sich. Ihre Bezugsquellen könnten unterschiedlicher kaum sein: ein großer Flächenmarkt, der Gourmet-Keller eines Edelkaufhauses sowie ein kleines Gemüsegeschäft. Aus dem Hit-Markt stammten die dunkelroten Kugeln von „San Mezzo“. Die Frucht ist, wie sich Markus Herbicht ausdrückte, „perfekt hingezüchtet, verfügt über eine feste Textur, die von kräftiger Süße unterstrichen wird, und schmeckt ein wenig in Richtung Paprika.“ In den Galeries Lafayette und zuweilen auch bei Edeka) liegen die aus Frankreich importierten „Cerise Rubis Savéol“ im Gemüseregal. Ihr Geruch weckt Ernte-Assoziationen, in die der Duft von Basilikum und Oregano mit hineinspielt. Die Süße des knackigen Fruchtkörpers erhält von zitronenhafter Säure einen vorzüglichen Widerpart.

Maximilian Hauser, einer von Berlins profiliertesten Gemüse-Einzelhändlern, bietet noch Freiland-Datteltomaten, deren Vorzüge sich im direkten Vergleich mit Glashaustomaten erschließen. Hausers längliche, prachtvoll gefärbte Tomätchen mit einem gewölbten Dorn an der Spitze sind Gemüse und Südfrucht in einem. Über Süße, Säure und tomatige Würze hinaus besitzen sie noch ein unverfälschtes, gewissermaßen grünes Gartenaroma. Dieses entwickelt sich erst nach einiger Zeit und füllt dann den Mund zusammen mit dem ausgewogenen Grundaroma anhaltend aus. Diese roten Datteln adeln Salat und warme Speisen gleichermaßen.

„Fruit shop“, Wilmersdorf, Ludwigkirchstraße 2, Tel. 881 99 80.

„Galeria Gourmet im Kaufhof am Alex“, Mitte, Alexanderplatz, Tel. 247 430.

„Joachimsthaler Bio-Supermarkt“, Charlottenburg, Grolmanstr. 48, Tel. 54 71 02 54.

„Krohn“, Wilmersdorf, Westfälische Str. 52, Tel. 891 12 42.

Der Gastgeber: Restaurant Quadriga im Hotel Brandenburger Hof, Wilmersdorf, Eislebener Str. 14, Tel. 21 40 50.

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