Zeitung Heute : Soldaten sind kein Politik-Ersatz

WOLFGANG KUNATH

Die Katastrophe im Osten Zaires scheint ohne eine Intervention unabwendbar / Wer legt und sichert Korridore zur Versorgung der Lager ? / Die OAU muß effiziente Friedenstruppe organisieren VON WOLFGANG KUNATH,

NAIROBI Ist wieder einmal im Herzen Afrikas die Chronik eines angekündigten Todes zu schreiben? Das Massensterben im Osten Zaires scheint kaum noch abwendbar, seitdem Hunderttausende von verzweifelten Flüchtlingen von der Außenwelt abgeschnitten wurden.Die Militärs sind kompromißlos, die Politiker ratlos, die Helfer hilflos: Zwar stehen die Protein-Kekse palettenweise bereit, zwar gibt es genug Decken und Plastikplanen und Medikamente und Speiseöl.Es fehlt nicht an Geld und gutem Willen, aber wieder einmal sind Zivilisten zu Geiseln derer geworden, die die Gewehre und damit die Macht haben.Und so ist den Hutu-Flüchtlingen offenbar nicht zu helfen, jedenfalls nicht mit dem traditionellen Handwerkszeug internationaler Katastrophenhilfe.Nötig wären jetzt Versorgungskorridore von Ruanda, von Uganda aus durch das Konfliktgebiet hindurch zu den Flüchtlingsheeren.Besser wäre es freilich, wenn die Bedrängten durch diese Korridore in ihre Heimat zurückgingen, also nach Ruanda. Aber wie auch immer - solche Korridore müßten militärisch gesichert werden.Frankreich hat sich am Wochenende bereiterklärt, diese Aufgabe zu übernehmen, allerdings nur zusammen mit anderen europäischen Staaten.Daß sich Paris der Unterstützung der europäischen Partner versichern will, ist zwar vernünftig, schon weil Frankreich in Afrika noch immer im Ruf steht, der letzte Kolonial-Rambo zu sein.Ruanda reagiert da besonders sensibel.Die Führung in Kigali wirft den Franzosen bis heute vor, ihre Operation habe 1994 den Krieg verlängert, die schlimmsten Völkermörder entschlüpfen lassen und das ostzairische Flüchtlingsproblem zumindest mitgeschaffen.Doch so vernünftig eine europäische Truppe wäre - bis sie ausdiskutiert, beschlossen, aufgestellt und nach Afrika geflogen wäre, dürfte es längst zu spät sein, und das gleiche gälte wohl für jede andere humanitäre Truppe, etwa für Blauhelme.Gehandelt werden müßte aber in den nächsten Stunden, nicht in den nächsten Monaten. Die Tragödie in Zaire, wie bitter sie auch ausgehen wird, macht immerhin deutlich, wie nötig und wie nützlich eine afrikanische Krisentruppe wäre.Anders als in Somalia oder gar in Vietnam besteht im äußersten Osten des Zaire kaum Gefahr, daß sich fremde Soldaten auf unabsehbare Zeit in innenpolitische und tribale Wirrnisse verheddern und verstricken.Die zairische Armee ist nicht gerade eine starke Truppe, auch die Rebellen verfügen über keine gewaltige Militärmaschinerie, so daß die Gefahr, in lange schwere Kämpfe verwickelt zu werden, für Kriseninterventionskräfte wohl eher gering wäre.Am gefährlichsten wären , so paradoxer das klingt, die Flüchtlinge selbst.Es sind ja nicht nur harmlose Hutu-Zivilisten, die da kopflos wegrennen, sondern auch die nach wie vor schwerbewaffneten Soldaten der alten Hutu-Armee oder die Milizionäre der Interahamwe, die 1994 an den Straßensperren ihre Tutsi-Mitbürger und die moderaten Hutu zu Hunderttausenden wie im Rausch ermordet haben.Sie würden fremde Truppen vielleicht akzeptieren, solange die sich darauf beschränken, Nahrung und sauberes Wasser zu liefern - aber dann? Doch diese Zweifel weisen nur darauf hin, daß man von einer Krisentruppe nicht zuviel erwarten darf.Nicht die Soldaten, sondern die Politiker müssen eine Lösung für das gewaltige Flüchtlingsproblem finden, das Ost- Zaire zum Pulverfaß Afrikas gemacht hat.Soldaten können im besten Fall die Lunte austreten.Und daß es dieses Problem seit bald zweieinhalb Jahren gibt, nimmt die internationale Gemeinschaft offenbar immer nur dann wahr, wenn es sich so zuspitzt wie jetzt.Solange die Flüchtlinge in ihren Lagern lebten, wurden sie für eine Million Dollar am Tag versorgt - aber eine politische Lösung? Die Pläne für eine afrikanische Krisentruppe sind nicht neu.Wie auch immer die Details zu regeln wären, die Finanzmittel ebenso wie die Ratschläge oder die Ausbilder könnten aus den Industrienationen, aber die Soldaten müßten aus afrikanischen Staaten kommen, und die Organisation für Afrikanische Einheit müßte Einsätze sanktionieren und damit legitimieren.Ohne die OAU geht es nicht.Vielleicht kann sie sich ein Steuergremium nach Art des Weltsicherheitsrates schaffen.Jedenfalls muß Afrika in eigener Verantwortung handeln.Der Kolonialismus ist seit dreieinhalb Jahrzehnten passé.

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