Zeitung Heute : Solidarität mit Stuttmann

Karikaturisten schreiben an den Tagesspiegel

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Mit Bestürzung haben wir von den einschüchternden E-Mails und Anrufen, ja sogar Morddrohungen erfahren, denen sich Ihr Zeichner Klaus Stuttmann aufgrund seiner Karikatur vom letzten Freitag ausgesetzt sieht und die allem Anschein nach dem Protestaufruf eines iranischen Sportmagazins folgen.

Im Fall des gegenwärtigen Streites um Mohammed-Karikaturen galt schon, dass Reaktionen, die zu Gewalt auffordern oder sich ihrer bedienen, absolut intolerabel waren; hier aber gingen die Drohbriefschreiber noch einen Schritt weiter, denn die betreffende Zeichnung hat keine religiöse, sondern eine sehr weltliche, dazu rein innenpolitische Zielrichtung und operiert mit der Ironie, ein Szenario darzustellen, das eben gerade nicht der Realität entspricht. Diese Ironie wurde entweder nicht verstanden oder aber bewusst übersehen und fehlinterpretiert, um als Trittbrettfahrer des Karikaturenstreits die Stimmung weiter anheizen zu können. Und selbst wenn die Zeichnung missverständlich wäre: Dürfen wir von nun an – nach dem Propheten – auch die iranische Fußballnationalmannschaft nicht mehr karikieren, ohne um unsere Sicherheit fürchten zu müssen?

Gerade aber dies zeigt, auf welch gefährlichem Weg wir uns befinden, wenn wir hinnehmen, dass die Tabuzonen der Satire und Meinungsäußerung je nach politischem Kalkül und Interesse (denn um nichts anderes handelt es sich dabei) willkürlich immer stärker ausgeweitet werden. Als Karikaturisten haben wir die Aufgabe, alle Probleme und Konflikte, die die Öffentlichkeit und somit auch uns bewegen, zu kommentieren, seien sie politischer, gesellschaftlicher oder auch kultureller Art. Und wir bedienen uns dabei jener Mittel, die eine Karikatur per definitionem erst zur Karikatur machen: nämlich der Kritik, Polemik, Übertreibung und Ironie. Würden wir durch den Druck von außen oder auch durch die eigene ihm vorauseilende Selbstzensur ständig wachsende Zugeständnisse bei der Wahl der Themen oder der Mittel machen müssen, so wären wir, so wäre das Medium Karikatur bald am Ende.

Umso mehr und einhelliger begrüßen wir es, wie deutlich und offensiv Sie Ihrem Zeichner den Rücken stärken, denn Sie verteidigen damit auch unser Recht, frei und unzensiert zu arbeiten. Wir alle sind darauf angewiesen, dass die Redaktionen unserer Zeitungen sich in einem ähnlichen Fall ebenso verhielten. Klaus Stuttmann ist einer der erfahrensten und besten Karikaturisten Deutschlands, und er verteilt seine Kritik ohne ideologische Beschränktheit auf alle, die es verdient haben: Er hat die Kirche ebenso kritisiert wie die politischen Parteien, er hat Karikaturen ebenso gegen islamistischen Terror gezeichnet wie gegen den Krieg im Irak, und er wird auch in Zukunft hoffentlich die Möglichkeit und geistige Freiheit haben, sich beispielsweise mit dem iranischen Atomprogramm auseinander zu setzen, wenn es ihm geraten scheint. Klaus Stuttmann verdient und erhält unsere, seiner Kollegen, Solidarität.

Es unterzeichnen:

Gerd Bauer, Harm Bengen, Gabor Benedek, Peter Butschkow, Thomas Richter Eigenhufe, Klaus Espermüller, Ulf Graupner, Greser + Lenz, Burkhard Fritsche, Pepsch Gottscheber, Utz Peter Greis, Horst Haitzinger, Walter Hanel, Dieter Hanitzsch, Barbara Henninger, Wolfgang Horsch, Tom Körner, Erik Liebermann, Eckart Löser, Luff, Dirk Meissner, Gerhard Mester, Til Mette, Burkhard Mohr, Nel, Andreas Nicolai, Thomas Plaßmann, Ari Plikat, Marlene Pohle, Andre Poloczek, Bernhard Prinz, Albert Radl, Tassilo Rau, Peter Ruge, Stephan Rürup, Andreas Rulle, Heiko Sakurai, Diana Sasse, Gerhard Schlegel, Karlheinz Schönfeld, Reiner Schwalme, Berndt A. Skott, Peter Thulke, Jan Tomaschoff, Jürgen Tomicek, Ernst Volland, Goetz Wiedenroth, Freimut Wössner, Yavou

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