Zeitung Heute : Solidarität unter Vielfüßlern

KATRIN HILLGRUBER

Russische Autoren in der literaturWERKstatt berlinDer Dichter hat sich erhängt, die Wanzen müssen hungern.Ratlos besprechen sie sich auf ihren üblichen Wegen rund um die Matratze, auf der die gern gestochene Ferse fehlt.Mit Hilfe eines reißfesten englischen Seils hat ihr menschlicher Wirt die Schwerkraft überwunden und ihnen die Existenzgrundlage entzogen.In Alexander Scharypows Geschichte "Wanzen" suggerieren allein die Kerbtiere noch so etwas wie ein postsozialistisches Zusammengehörigkeitsgefühl, eine Volkssolidarität unter Vielfüßlern.Der 1959 geborene Russe stammt aus der Provinzstadt Vladimir.Seine Adresse liest sich wie Realsatire: Quartal Nummer 1, Haus Nummer 29, Wohnung Nummer 11.Auf deutsch erschien eine Auswahl von Scharypows Arbeiten 1993 in der Anthologie "Muschiks Underground". Keinen Idealstaat der Insekten, aber ein Kollektiv der Freunde beschwört mit gehöriger Ironie Tatjana Tolstaja, Leo Tolstois Urgroßnichte, in der Erzählung "Dichter und Muse".Darin versucht eine Ärztin mittleren Alters, die ihre Beziehung zu einem Dermatologen leid ist, den Dichter und Hausmeister Grischa nach ihrem Bild umzuformen.Sie verbietet ihm den Umgang mit den Studenten, Tagträumern und dem "Nest von Bärtigen" in der Hinterhauswohnung.Am Schluß entzieht sich der Künstler seiner unverständigen Muse, indem er sein Skelett als anatomisches Modell für sechzig Rubel an die Akademie der Wissenschaften verkauft.Bald nach dieser Verfügung stirbt er, was Tolstajas Moskauer Geschichte wie im Märchen enden läßt: "Und tatsächlich sei alles, wie er gewollt hatte: die Studenten trieben mit ihm Unfug, zupften ihn an der Hand, wovon alles an ihm schlackerte, und setzten ihm ein weißes Häubchen auf.Geheizt werde dort gut, nachts sei er im Schrank, sonst immer unter Menschen." Die literaturWERKstatt berlin richtet mit ihrem Programm "neue russische Literatur oder Das Paradies der Trostlosigkeit" den Blick zum wiederholten Mal nach Osten und entspricht damit der guten Tradition des Hauses.Warum am ersten Abend allerdings Erzählungen aus den frühen achtziger Jahren als "neu" deklariert wurden, bleibt das Geheimnis der Projektleiterin Birgit Veit; beide vorgestellten Autoren bekannten, sich mittlerweile stilistisch umorientiert zu haben.Tatjana Tolstaja, deren Erzählungsband "Stelldichein mit einem Vogel" beachtliches Aufsehen erregte, hält sich mehrere Monate im Jahr in den Vereinigten Staaten mit der Rezension von Sachbüchern über Wasser.Die Besprechung eines mittelmäßigen Bildbands über die Zarenfamilie vermittle ihr das Gefühl, von Idioten ernährt zu werden: "Der Kessel ist unerschöpflich". Als tatsächliche Neuentdeckung kann Oleg Jurjew gelten.Er las am Dienstag mit dem Moskauer Assar Eppel.Jurjew, ehemaliger Stipendiat der Akademie Schloß Solitude, legte im Herbst mit seinem "sechseckigen", im Aufbau dem Davidstern nachgebildeten Roman "Der Frankfurter Stier" die äußerst reizvolle Poetisierung eines Ereignisses aus der Frankfurter Chronik der frühen Neuzeit vor.Übersetzt wurde das Buch von Elke Erb und Sergej Gladkich.In der Tradition absurder Komik eines Daniil Charms steht Anatoli Gawrilow, der heute abend um 20 Uhr mit dem St.Petersburger Kinderbuchautor und Koch-Dichter Sergej Wolf auftritt - "Wer nicht kochen kann, muß wenigstens fliegen können".Am Donnerstag bringen der ländlich geprägte Ukrainer Alexander Churgin und Grigori Oster, unter anderem Drehbuchautor von mehr als siebzig Trickfilmen" Hanebüchenes" zum Vortrag. Die acht Schriftsteller sind im Umkreis der "anderen" Literaturzeitschrift "Solo" angesiedelt.Jeder didaktische Antrieb liegt ihnen fern, ebenso die lang gepflegte psychologische Innensicht.Was sie verbindet ist, daß sie der doppelten Konfrontation mit dem gewichtigen literarischen Erbe und dem moralfreien Postkommunismus ein freies Spiel der Motive und Möglichkeiten entgegensetzen.Aus der allgemeinen Trostlosigkeit formen sie so höchst individuelle Paradiese.KATRIN HILLGRUBER

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