Zeitung Heute : „Soll doch Klaus Böger mal auf 14 Kleinkinder aufpassen“

Der Tagesspiegel

„Die Politiker sind herzlich eingeladen. Innensenator Ehrhart Körting passt einen Tag lang allein auf 21 Kinder auf. Und Schulsenator Klaus Böger gibt 14 Kleinkindern das Mittagessen. Nur damit sie mal wissen, was sie da beschließen.“ Doris Fortwengel, Mutter zweier Kinder, redet sich in Fahrt. Ihr jüngeres Kind geht mit 146 anderen Kindern in die bezirkliche Kita in der Dresdener Straße in Kreuzberg. Wie Doris Fortwengel stehen die meisten Eltern hinter dem dreistündigen Warnstreik der Erzieherinnen am kommenden Freitag. Längst haben sich einige Eltern, die nicht arbeiten, bereit erklärt, auf die anderen Kinder aufzupassen.

Selma Sahin, Mutter eines Vierjährigen findet den Streik dagegen überflüssig. Alle haben Angst, dass sich die Bedingungen in der Kita weiter verschlechtern. Konkret angekündigt ist vom Senat bisher die Erhöhung der Kinderzahl in den Schülergruppen von 16 auf 21 Kinder pro Erzieher. Aber im rot-roten Koalitionvertrag ist von 30 Millionen Euro Einsparungen im Kita-Bereich die Rede.

Architektonisch ist die Kita in der Dresdener Straße eine wahre Traumlandschaft. Ende der 80er Jahre im Rahmen der Internationalen Bauausstellung baute man ein Parkhaus zur Kita um. Sie ist ganzjährig von morgens halb acht bis abends halb sechs geöffnet. Der mit Glas überdachte weitläufige Innenhof läßt den Kinder genügend Platz zum Toben; die alten Autorampen eignen sich hervorragend zum rauf- und runterrennen. Kein Vergleich zu den beengten Verhältnissen in vielen privaten Kinderläden. Hier können sich viele Piraten, Räuber und Indianer verstecken. Eine Kindergruppe spielt gerade begeistert im Keller Verstecken. Ganz oben ist ein Garten mit Gründach. Doch seit Jahren ist dieses Dach undicht und wird nicht richtig saniert. „Nur notdürftig, wenn es auf die Tische tropft“, sagt Kita-Leiterin Gerda Wunschel. Die Spuren der Wasserflecken nach längeren Regentagen sind nicht zu übersehen. Eine Viertel Million Euro würde eine grundlegende Sanierung kosten.

Doch der Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain hat kein Geld. Wunschel ist klar, dass der Sanierungsbedarf bei den Kitas im Osten noch viel größer ist. So sucht sie nun mit den Eltern nach einem Geldgeber. „Wir betreiben die Kita letztlich wie einen privaten Kinderladen, mit ganz viel Eltern-Engagement.“

Das Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Kaputtes Spielzeug nehmen die Eltern zum Reparieren mit nach Hause. Letztes Jahr gab es 10 Mark pro Jahr und Kind für Spielzeug, dieses Jahr gibt es noch nicht einmal einen Haushalt. So suchen die Eltern auf dem Flohmarkt nach Spielzeug. Neben den Gebühren ans Bezirksamt müssen die Eltern acht Euro pro Monat extra bezahlen für Bastelmaterial, Klebstoff und Ausflüge. Britta Bürger berichtet, dass es Eltern gibt, die „das alles nicht mehr bezahlen können. Wir versuchen, dies dann umzulegen.“ Dabei ist die Kita noch eine der Kreuzberger Vorzeigekitas, über 130 Bewerbungen liegen für den Sommer vor, nur 25 werden genommen.

Großen Wert legen Gerda Wunschel und ihre Erzieherinnen in der Kita auf die Spracherziehung. Sie achten darauf, dass alle Gruppen so multikulturell gemischt sind, dass deutsch die Umgangssprache für alle Kinder ist. Simone (27) aus Jamaika berichtet stolz, dass in der Gruppe ihres Kindes inzwischen alle auf deutsch, türkisch, englisch und spanisch bis zehn zählen können. Aber in jeder Kita-Gruppe ist eine türkische Erzieherin mit dabei, damit die türkischen Kinder richtig türkisch lernen. „Solche Konzepte kosten viel Zeit und Aufmerksamkeit“, berichtet Wunschel. Die Kinder müssen lernen, eine Zitrone anders als „das gelbe Ding da“ zu beschreiben, berichtet die Erzieherin Susanne Reckwardt aus der Hortgruppe. Im Augenblick sieht der Stellenplan für die 48 Kinder zweieinhalb Regelstellen und zwei Stützerzieherinnen für die acht Kinder mit verschiedenen Behinderungen vor. Die halbe Stelle soll wegfallen. Auch bei der Leitung der Kita soll 40 Prozent der Zeit eingespart werden. „Dann kann ich nur noch Verwaltungsaufgaben wahrnehmen, für pädagogische Konzepte bleibt da keine Zeit“, sagt Wunschel.

Für Doris Fortwengel ist das größte Problem, dass „Eltern keine Lobby bilden, einfach weil man es kräftemässig nicht mehr schafft“. Halb schlafend, halb krank und völlig überlastet, so sieht sie den Zustand vieler Eltern. Und die Politiker rechnen damit, dass die Eltern ihre Kinder lieben. „Deshalb übernimmt man bei Kürzungen freiwillig die Arbeit und organisiert privat das Spielzeug.“ Einen neuen längerfristigen Streik, den sie 1990 mit ihren ersten Kind miterlebt hat, betrachtet sie skeptisch. Von „einem Aufstand der Mütter und außergewöhnlichen Aktionen“ verspricht sie sich mehr Erfolge.

Bescheidener sind die Träume der Kita-Leiterin. Mit genügend Geld würde sie die Kita sanieren und „neue Spiele und Geschirr kaufen“. „Das ist doch kein Luxus.“ Christoph Villinger

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