Zeitung Heute : Solo-Album

Der Tagesspiegel

Von Christine-Felice Röhrs

Potsdamer Straße 93. Im Hausflur duftet es arabisch. Ein wenig nach Minze, ein wenig nach… Ist das Kardamon? Es ist ein altes Haus, ein paar Schrunden im Gesicht wie bei einer Schönheit, die übers mittlere Alter gerade hinaus ist. Am Fenster im ersten Stock wartet die Frau. Auch sie altert schon und ist doch schön: Hannelore Elsner. In der Hand hält sie ein Textbuch, und mit der dunklen, wohltrainierten Stimme, sagt sie gerade – und piekst dabei mit spitzem Finger ins Buch –, dass sie das da so nicht sagen kann. Ein wenig divenhaft sagt sie das, sie weiß, sie ist der Mittelpunkt.

Ein Mann mit Glatze beugt sich jetzt zu ihr herunter. Das ist der Regisseur Oliver Hirschbiegel, der, der im vergangenen Jahr für „Das Experiment“ internationale Aufmerksamkeit und den Deutschen Filmpreis bekommen hat. Einer der besten Regisseure und eine der besten Schauspielerinnen des Landes an einem Drehort – und irgendwie wirkt das gar nicht bedeutend. Warum nur?

Es ist so still rundum, das ist es. Keine Statisten, keine Beleuchter, keine Kameraleute, keine Maskenbildner, keine Dekorateure. Und nur eine Schauspielerin. Denn dieser Film – gedreht allein an diesem Ort, in einer eleganten, aber gemütlichen Wohnung – wird ein Monolog: Neunzig Minuten Hannelore Elsner. Alias Marie Lorenz. Die spielt die Elsner und vielleicht doch sich selbst. Denn Marie Lorenz ist so alt wie Elsner, 57, ist Schauspielerin wie Elsner und hatte ein reiches Leben voller Liebe, Hass, Erfolg, Enttäuschungen. Wie Elsner. Gerade ist Marie Lorenz von einem Mann verlassen worden. Das ist der Anlass, zu rekapitulieren. Mit dem Mann abzuschließen, neu anzufangen. Oder besser: weiterzumachen.

Elsner legt das Textbuch beiseite und kommt herüber, vergessen ist alles Divenhafte. Ein Augenaufschlag, ein Kichern, jetzt ist die Stimme höher. Elsner betört gern mit Mädchencharme.

Dass ausgerechnet sie diese Rolle spielt, das hat sich der Produzent so gewünscht: Hubertus Meyer-Burckhardt heißt er, jetzt Vorstand beim Axel Springer Verlag, aber bis vor kurzem noch bei der Filmproduktionsgesellschaft Multimedia. Und der Regisseur war zufrieden mit der Wahl, denn Meyer- Burckhardt und Hirschbiegel vertrauen einander. Nach „Trickser“ und „Das Urteil“ ist dies der dritte gemeinsame Film. Die Hannelore habe „die Gabe“, meinen beide. „Handwerker“ lernen den Text nur. Die mit „der Gabe“ leben ihn.

Trotzdem: Die „Begabte“ hat Angst. „Seit acht Wochen schon“, sagt Hannelore Elsner. „Es ist eine Herausforderung, eine ganze Geschichte nur über ein einziges Gesicht zu erzählen.“ Jeden Abend gehe sie in ihr Hotel zurück, so gegen sechs Uhr, und lerne dann bis Mitternacht, manchmal noch länger. Erst muss der Text in den Kopf, dann in den Bauch, dann ins Herz. „Und dann muss ich alles wieder vergessen.“ Vielleicht, weil es sonst eher nach Handwerk aussieht und nicht nach Gabe.

Hirschbiegel grinst. „Sie kommt jeden Morgen hier an und sagt, dass sie nichts mehr kann“, sagt er. Absichtlich hat er seiner Darstellerin das Buch erst sehr kurz vor dem Drehbeginn gegeben. Er sagt, er wolle, dass die Unsicherheit bleibt. Ja, sie ist immer da, sagt Hannelore Elsner, und ihre Finger krabbeln über eine Seite voller Bleistift-Korrekturen. Denn der Autor des Drehbuchs, Bodo Kirchhoff, der eigentlich mehr Literat ist („Parlando“, Frankfurter Verlagsanstalt, 2001), hat ihr keine einfache Sprache gegeben. Sehr lang sind die Sätze, man könnte sich atemlos haspeln, und das Vokabular ist sperrig.

Was war passiert? Wir sind ein bisschen ausgegangen, am Abend zuvor, so eine Bar mit ewiger Theke, außer uns nur ein Pärchen, wir trinken rotes Zeug mit Eis und finden es toll, dass mich keiner erkennt, der Barmann ist Afrikaner, und dann erscheint diese Frau und setzt sich neben dich und tut nichts anderes als weinen. Ein stummes Weinen, es schüttelt ihren ganzen Körper, so sehr, dass es schlimmer ist als jedes laute Heulen.

Eher geeignet zum Vorlesen scheint diese Sprache. Dass Elsner gerne vorliest, ist bekannt. „Dass man seine Stimme auswerfen kann wie ein Lasso, um Menschen zu fangen…“, hat sie mal gestaunt. Nur: Funktioniert das auch im Fernsehen, als Schauspiel? Wirkt das über 90 Minuten nicht länglich? Oder gibt der Regisseur dem allgemeinen Fernsehgeschmack, dem Affen sozusagen, Zucker, indem er mit Rückblenden oder Musik Tempo macht?

„Länglich“, wiederholt die Schauspielerin und legt Verachtung ins Wort. „Dem Affen Zucker geben.“ Noch mehr Verachtung. Mit erhobener Stimme dann, schnell und scharf: „Sie sagen lauter Sachen, die ich nicht mag!“ Das charmante Mädchen ist jetzt sonstwo, die Diva wieder da, hochfahrend, man glaubt, dass diese Frau sich allein durch ein ganzes Leben spielen kann. Nein, es werde keine Hilfsmittel geben. „Ich denke, dass die Menschen viel besser zuschauen können, als man ihnen gemeinhin zutraut.“

Oliver Hirschbiegel vermittelt. Er ist mit dem Produzenten Meyer-Burckhardt einer Meinung: Eine Renaissance des literarischen Films glauben sie entdeckt zu haben. Vier weitere solche Monolog-Stoffe hat Meyer- Burckhardt noch in der Schublade, in den kommenden zwei Jahren werden sie realisiert, sagt er. Und wenn dieser Film fertig ist, wird er gar nicht träge sein! Zum Beispiel diese Szene, in der Marie Dessous verbrennt… Wahrscheinlich werde der Film etwas Französisches haben, wenn er fertig ist, sagt Hirschbiegel. „Das Atemlosreden ist typisch französisch.“ Im deutschen Film dagegen sei das Hauptstilmittel das Schweigen.

„Nein“, sagt Elsner und weiß, dass sie die Frage noch hundert Mal wird beantworten müssen, wenn die PR-Maschine erst richtig anläuft: „Nein, der Film ist nicht autobiografisch.“ Irritiert blickt man auf den Tisch. Da liegen alte Fotos. Eine jüngere Hannelore Elsner ist darauf zu sehen, lachend, bei der Goldenen Kamera 1971. In einer Sequenz werden sie gezeigt – Elsner hat ihre eigenen Requisiten mitgebracht. Aber, trotzdem: „Nein“. Es ist nicht ihre, Hannelore Elsners Geschichte, und sie ist auch weder nur traurig noch nur lustig. Es ist eben ein Leben. Eine universelle Story, eine mit dem Aufruf an die Frauen: Kopf hoch! Das Leben geht immer weiter.

Drehbeginn war der 26. Februar. Und jetzt ist schon alles vorbei: Eine Frau hat einer Kamera ihr Leben erzählt, und seit ein paar Tagen sind die Szenen auch schon geschnitten. Im Sommer soll’s ins Fernsehen, voraussichtlicher Sendetermin: 24. Juli im Ersten.

Zum Schluss verlässt Hannelore-Marie die Wohnung, sie lächelt, sie geht durch den Flur, in dem es nach Minze und Kardamon duftet und fährt in einem Jaguar-Coupé davon. Wohin? Egal. So kann das Leben gerne weitergehen.

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