Zeitung Heute : Solotänzer im Süden

Walter Döring, Minister und FDP-Chef in Baden-Württemberg, tritt zurück

Andreas Böhme[Stuttgart]

„Eilt, eilt, eilt“, titelt die E-Mail, mit der die Südwest-FDP am Freitagmorgen zu einer überraschenden Pressekonferenz mit Walter Döring einlädt. Eine Stunde Frist ist zwar knapp, aber Döring-typisch, selbst wenn er Fragen der Altbausanierung abhandelte, war das so. Was die Journalisten nicht wussten: Kurz zuvor hatte die Staatsanwaltschaft Dörings Wirtschaftsministerium durchsucht.

Der Ressortchef und Vize von Ministerpräsident Erwin Teufel zog daraus die Konsequenz und verkündet einen fast kompletten Rückzug aus der Politik. „Jetzt reicht’s“, sagt Döring und gibt das Regierungsamt ab, legt den Parteivorsitz im Land und den Vize-Vorsitz in der Bundes-FDP nieder. Nur das Landtagsmandat behält er. Ein 50-Jähriger ohne direkte Aussicht auf einen neuen Job muss ja von etwas leben.

Die Geschichte Walter Dörings ist die eines politischen Naturtalents. Die Geschichte von einem, der die Nähe zum Publikum suchte wie kein anderer und die des einzigen Farbtupfers in Teufels fleißigem, gleichwohl mausgrauem Kabinett. Es ist die Geschichte eines Mannes, der Politik sportlich nahm und der zwangsläufig irgendwann stolpern musste.

Zu Fall gebracht hat ihn der Kontakt zum Politikberater Moritz Hunzinger, der erst eine kostenlose Umfrage zu Dörings Image versprach, dann aber eine 10000Mark-Rechnung schickte. Weder Wirtschaftsministerium noch Partei hatten dafür Geld, also veranlassten sie eine Tochterfirma des Skandalunternehmens Flowtex zur Zahlung, die von der Nichte eines FDP-Ehrenmitglieds geleitet wurde. Dazu kommt: eine Spendenquittung Hunzingers, die Döring Steuervorteile bringt, ein Untersuchungsausschuss, der den Faktenwust aufarbeitet und wohl auch noch eine derzeit unbekannte Fülle belastenden Materials, das die Staatsanwälte öffentlich noch nicht ausgewertet haben.

Aus dem Nichts war 1985 der 30-jährige Studienassessor, Handballtrainer und Ex-Juso aus Schwäbisch Hall auf dem traditionellen Dreikönigsparteitag der Liberalen aufgetaucht. Die wählten den forschen Mann mit dem Schnauzer gleich zum Parteichef. „Die Tagesform hat entschieden“, kommentierte der damalige Kommunalpolitiker Döring lässig. Doch längst nicht immer war seine Form so glänzend wie beim Start oder 1996, als die FDP Regierungsverantwortung in Stuttgart übernahm und Döring Wirtschaftsminister wurde. Denn immer wieder war er verstrickt in peinliche Affären. Mal legte ihn die Satirezeitschrift „Titanic“ herein und stellte ein erfundenes Millionenerbe in Aussicht, um das sich Döring bewarb, der abgedruckte Briefwechsel bot das Bild eines Raffgierigen. Mal verteidigte er überengagiert einen der Familie nahe stehenden Wirt, der vergammelte Fischbrötchen feilgeboten hatte, mal vergab er in Eigenregie eine Landesbürgschaft für einen umstrittenen Musical-Mogul, der hernach pleite ging und Baden-Württemberg um 30 Millionen Mark ärmer machte.

Mal ernsthafter Politiker – Wolfgang Gerhardt, FDP-Fraktionschef im Bundestag, sagt, Döring „war ein unglaublich erfolgreicher Wirtschaftsminister“ –, mal nur provokant formulierend, mal gar bloße Lachnummer: Döring handelte allweil öffentlich, auch im Privaten wie bei seiner zweiten Hochzeit und 1998 beim knapp überlebten Hubschrauberabsturz. Weil er in den Schlagzeilen war, stand er zuletzt für die FDP schlechthin: die Südwest-Liberalen als Einmannschau. Aber eben nur da. Nach Berlin, sagte er wiederholt, ziehe es ihn nicht. Wohl auch, weil er dort nicht der Solotänzer geblieben wäre, weil die Position des Hansdampfs mit Möllemann und die der Frohnatur mit Westerwelle hinreichend besetzt schienen. Lieber kritisierte Döring die Repräsentanten der Bundes-FDP, aber eben aus der sicheren Bastion in der Provinz.

Hier ist die Not nun groß: Ausgerechnet in ihrem Stammland ist die FDP führungslos. Und Erwin Teufel verliert nicht nur einen pflegeleichten Partner, der sich oft in lauten Ankündigungen und deren leiser Zurücknahme erschöpfte, sondern gleich das ganze Kabinett fliegt ihm um die Ohren. Der Innenminister geht zur Staatsbrauerei, der Verkehrsminister und sein Kollege vom Sozialressort sind amtsmüde, und die Kultusministerin Annette Schavan ist verstrickt in den Kampf um Teufels Nachfolge, der aber nicht ans Aufhören denkt und nun „besonnen und entschlossen“ zu handeln verspricht. Vielleicht geht das von jetzt an besser im Kabinett. Besonnenheit, die Sache seines ehemaligen Stellvertreters war das nie.

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