Solschenizyn : Schreiben, was war

Malte Lehming

Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte“: Mit dieser Zeile endet ein Gedicht von Karl Kraus, das er im Oktober 1933 in der „Fackel“ veröffentlichte. Er begründet darin, warum ihm die Machtergreifung der Nazis, acht Monate zuvor, die Sprache verschlagen hatte („kein Wort, das traf“). Gibt es Ereignisse, die ob ihrer Größe den Literaten mundtot machen?

Alexander Solschenizyn hat die Erfahrung der stalinistischen Brutalität an den Schreibtisch getrieben. Sie hat ihn Worte hinauskatapultieren lassen, die schließlich wirkungsmächtiger waren als die Ideologie, die er bekämpfte. Sein Zeugnis, das er im „Archipel Gulag“ vom millionenfachen Leiden abgab, veränderte Menschen und Moralitäten. Sein Wort erwachte, als jene Unwelt, die für dieses Leiden verantwortlich war, ihr Wesen trieb. Man hat Papst Johannes Paul II., Ronald Reagan und Michail Gorbatschow für den Fall des Eisernen Vorhangs gerühmt. Solschenizyn indes, der als Schriftsteller die Schrift so stellte, dass ihr Echo jede Form der Propaganda übertönte, blieb meist unerwähnt. Dieser Kopf begründete keine Schule und keine Philosophie. Er tat nur, was er für richtig hielt. Er schrieb auf, was war.

Für das politische Wirken eines solchen Titanen gibt es viele Begriffe – Menschenrechtler, Bürgerrechtler, Regimekritiker, Dissident, Widerständler. Sie alle sind zu schwach. Solschenizyn ragte mit seinem Mut, der an Übermut grenzte, aus der Gruppe der Oppositionellen hinaus wie sonst vielleicht nur Nelson Mandela. Es ist die Haltung, der gewiss nicht angstfreie aufrechte Gang, ermöglicht wohl auch durch eine tief religiöse Grundgestimmtheit, die uns zwar etwas fremdeln lässt, aber höchsten Respekt abverlangt. „Allmählich wurde mir offenbar, dass die Linie, die Gut und Böse trennt, nicht zwischen Staaten, nicht zwischen Klassen und nicht zwischen Parteien verläuft“, schreibt der russische Literaturnobelpreisträger im „Archipel Gulag“, „sondern quer durch jedes Menschenherz.“ Das ist die Antithese zu jeder Ideologie.

Später dann, nach seiner Abschiebung in den Westen, hat er seine Mitmenschen oft durch krude Thesen verwirrt. Die Amerikaner seien Feiglinge gewesen wegen ihrer Kapitulation in Vietnam, sagte er und schimpfte über Demokraten, Säkulare, Kapitalisten und Liberale. Er wetterte über das Nato-Bombardement Serbiens und gab den russischen Juden eine Mitschuld an der kommunistischen Diktatur. Entwerten solche Ansichten sein Lebenswerk? Nein. Die Verweigerung, in und mit der Lüge zu leben, heißt nicht, im Besitz der Wahrheit zu sein. Ob Solschenizyn, Alexander Sinowjew, Natan Scharanski oder Lech Walesa: Die elementare Unbeirrbarkeit des Einzelnen, die in einer bestimmten Epoche und in einem bestimmten Umfeld ganze Welten zum Einstürzen bringen kann, führt im realen Leben nicht selten in die Irre.

Den Deutschen hat man nach dem Zweiten Weltkrieg in gewisser Weise die Augenlider abgeschnitten, sie wurden gezwungen, ihre Verbrechensgeschichte anzusehen – und anzunehmen. Eine solch kollektive historische Tatsachenfixierung steht den Russen noch bevor. Die Aufarbeitung der stalinistischen Tyrannei wäre auch ein Vermächtnis Solschenizyns. „Ein Wort der Wahrheit überwindet die ganze Welt“, sagte Solschenizyn 1974 in seiner verspäteten Nobelpreisrede. Dem Putin-Anhänger jetzt in Russland ein Denkmal zu setzen, aber diesen Teil seines Erbes zu unterschlagen, wäre dreist.

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