Zeitung Heute : Sommerlich sinnlich

DANIEL BAX

Brasiliens Rhythmus: Gilberto Gil und Chico César im Tempodrom-Das Publikum bei brasilianischen Konzerten wirkt auf den ersten Blick wild zusammengewürfelt.Reife Anzugträger mit zotteliger Traveller-Jugend, Kostüme neben Rucksäcken.Doch dann erschließen sich Gemeinsamkeiten: Eine Vorliebe für lässig geöffnete Hemden und Blusen etwa oder - bei Frauen - für bunte, überdimensionierte Ohrgehänge.Einen Sommer gilt es zu feiern, der bisher noch keiner war. Am Eingang drängen sich noch die Nachzügler, während der brasilianische Shooting-Star Chico César, der sich innerhalb kurzer Zeit mit intelligentem Samba-Reggae einen illustren Namen gemacht hat, pünktlich den Abend eröffnet.Ein idealer Einheizer ist der kurze Punk mit dem ananasartigen Haarschopf.Seine Hymnen an Mandela, Juri Gagarin oder - natürlich - Mama Africa eignen sich, selbst bei fehlenden Sprachkenntnissen, schon beim ersten Hören zum Mitsingen.Gerade deswegen entsteht der Eindruck, der potentielle Irrwisch eile mit angezogener Handbremse durchs Programm.Flankiert von einer Cheerleaderin in wehenden Tüchern, versetzt er zwar unweigerlich ins Schunkeln, aber gerade als das Zelt zum Samba-Rave ansetzen will, ist auch schon Schluß und Pause.Zeit für Gilberto Gil, der, wie es der Zufall will, im Tiergartener Zeltrund seinen 55.Geburtstag begeht. Die Bühne wird in grünblaues Licht getaucht, die Band bezieht schon einmal Stellung, bevor der umjubelte Meister selbst kommt.Milde, entspannte Einstimmung dann in eine tropische Gartenparty, die sich bald in ein Meer aus klatschenden, sich gen Zeltdach räkelnden Händen wandelt.Souverän und gutgelaunt bietet Gilberto Gil einen funkelnden Abriß seiner dreißigjährigen Musikerlaufbahn, der sich von lässigem Samba-Jazz allmählich in funkige Höhen steigert, wo sich auch Bob-Marley-Klassiker nahtlos einfügen. Trommeln, Rasseln, Tamburin und sogar Triangel verschmelzen zum multiplen Percussionsglück, der Drummer führt dirigierend ins kleine Einmaleins der brasilianischen Klatschrhythmik ein.Als Geburtstagsgruß breitet sich ein Wunderkerzen-Lauffeuer aus, am Ende singt sich Gilberto Gil sogar selbst ein Ständchen und entläßt selige Gesichter in den kalten Regen. DANIEL BAX

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