SOMMERTHEATERCervantes „Don Quijote“ : In einer Welt von Pappe

Heidi Jäger

Sie sind Klo und Schatztruhe, Aussichtsturm und Sarg. Selbst Pferd und Esel. Die 20 grauen Pappkartons verwandeln sich in ein wahres Wunderwerk der Fantasie. Nur so können sie es mit Don Quijote aufnehmen, dem feinsinnig Edlen von La Mancha, der mit seiner Einbildungskraft die ganze Welt auf den Kopf stellt und sich traumwandelnd sicher in ihr bewegt.

Die Inszenierung von Cervantes „Don Quijote“ mit dem Potsdamer Poetenpack auf seiner Sommerbühne im Q-Hof betört durch die Zwiesprache von kernig-bäuerlicher Erdung und kindlich-naiver Zerbrechlichkeit. Vor dem Stallgebäude aus dunklem, verwittertem Backstein ist ein riesiger weißer Fächer aufgeschlagen: in zarter Transparenz mit dem Licht des Mondes kokettierend. Vor ihm lassen die Regisseure Andreas Hueck und Benjamin Kernen den Ritter seine imaginären Schlachten schlagen. Schafe verwandelt er im Geiste zu einem kriegslüsternen Heer, Huren mutieren zu Edelfräuleins, Windmühlen erwachsen zu mächtigen Riesen.

Mit eingefallenen Wangen, grauem Borstenhaar und hervorstechenden Augen des Wahns passt Schauspieler Michael Schäfer (Foto) bestens in die Rolle des „Ritters von trauriger Gestalt“, der er auch innerlich traumwandlerische Züge einverleibt. Nach dem übermäßigen Konsum heldenhafter Romane beschließt der Edelmann, sich eine Ritterrüstung anzulegen und mit klangvollem Namen die Welt zu retten. Als Vernichter aller Ungebühr kämpft Don Quijote für die Rechte der Geknebelten und Unterdrückten, selbst wenn sein Auge Feinde sieht, wo keine sind. Heidi Jäger

Q-Hof, Do 21.8 bis So 24.8.,

20 Uhr, 15/11 €

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben