Zeitung Heute : Sonderthema Bildungsmesse: "Das Ziel heißt Arbeitsplatz"

Michael Staudacher hat den Beruf des Werbekaufmann

Michael Staudacher hat den Beruf des Werbekaufmanns gelernt. Der 37-Jährige ist Geschäftsführer des Berliner Bildungsinstituts Pixelapostel.

Herr Staudacher, Sie stellen mutige Behauptungen auf. Beispielsweise, dass der Erfolg einer Weiterbildung zu 70 Prozent aus Psychologie besteht.

Ich gehe sogar noch viel weiter und behaupte: Die Hälfte der Arbeitslosen, die eine Weiterbildung machen wollen, bekämen bereits durch eine kompetente psychologische Betreuung einen Job. Denn ihr eigentliches Manko ist fehlende Motivation. Bei den dann übrig bleibenden 50 Prozent steht ebenfalls etwas ganz anderes im Vordergrund, als die meisten Umschüler erwarten: der Aufbau von Sozialkompetenz.

Wie bitte? Sind Ihre Kursteilnehmer nicht Akademiker, also erwachsene Männer und Frauen, die mindestens 13 Jahre Schule und sechs Jahre Hochschule erfolgreich bewältigt haben ...

und komplett demotiviert sind. Während der Ausbildung hatten sie Schutz und Geborgenheit. Jetzt, in der mittleren Lebensphase, haben sie die ersten Enttäuschungen erlebt. Sie sind arbeitslos geworden oder finden erst gar keinen Einstiegsjob. Der Hauptgrund für diese Negativerfahrung: Es reicht nicht mehr aus, fachlich gut zu sein. Die Frage ist auch nicht mehr nur: Kann ich mit dem, was ich gut beherrsche, einen Job bekommen? Heute geht es mehr als jemals zuvor um das "wo" und "wie".

Und dazu gehört vor allem Sozialkompetenz.

Genau. Im Grunde gibt es ja nur zwei verschiedene Typen von Teilnehmern. Die einen, die genau wissen, was sie wollen, und die sehr kritisch prüfen, ob im Zug der Wirklichkeit tatsächlich noch Platz für sie ist. Die anderen, das sind all diejenigen, die sich von Versprechungen leiten lassen. Zum Beispiel klingt "Webdesigner" ja immer noch schick, aber in Berlin und Brandenburg sind inzwischen mehr als tausend umgeschulte Webdesigner arbeitslos.

Und was mache ich, wenn genau das mein Traum ist?

Dann können Sie es natürlich trotzdem schaffen. Motivation kann Berge versetzen. In diesem Fall ist Sozialkompetenz besonders wichtig. Man muss sich selbstkritisch mit den eigenen Stärken und Schwächen auseinandersetzen, mit anderen darüber sprechen und aus den Erkenntnissen seine Lehren ziehen.

Das ist der Hauptinhalt einer zwölfmonatigen Fortbildung, die ja immerhin vom Arbeitsamt gefördert, also vom Steuerzahler bezahlt wird?

Gegenfrage: Was ist denn die Aufgabe eines Weiterbildungsinstituts? Viele Umschulungskandidaten glauben ja, das Arbeitsamt kauft ihnen mit dem Kursbesuch einen Job. Oder sie können als Kursteilnehmer ganz viel Bildung einsammeln und diese dann möglichst übergangslos bei irgendeinem Arbeitgeber auspacken. Das ist natürlich Blödsinn. Das Weiterbildungsinstitut ist nicht das Ziel. Es ist der Weg zum Ziel - und das heißt Arbeitsplatz.

Deshalb haben Sie Ihr Institut auch Pixelapostel genannt?

Ja, der Name soll Programm sein. Apostel heißt ja Wegbereiter, Helfer und Gelehrter. Unsere Trainer für die Weiterbildung zum PR-Referenten und Online-Redakteur kommen aus Werbeabteilungen von Unternehmen, Werbeagenturen und Verlagen. Nur Praktiker können den Kursteilnehmern dabei helfen, sich für die Anforderungen der Praxis wirklich fit zu machen.

Das bedeutet im Einzelnen?

Vor allem müssen die Teilnehmer lernen, ihre bisherigen Grenzen zu erkennen und sie zu überwinden. Weiterbildung ist eine ganz individuelle Geschichte, da ist jeder seines eigenen Glückes Schmied. Zu wissen, ob man im Team arbeiten kann oder nicht, seine Arbeit professionell und überzeugend zu präsentieren oder sich selbst ins richtige Licht zu rücken - all das ist am Ende mindestens ebenso wichtig wie das solide Beherrschen des rein Fachlichen.

Die Profession wird eher unwichtig?

Das habe ich nicht gesagt. Natürlich steht die Vermittlung des Fachwissens weiterhin im Zentrum der Ausbildung. Das Handwerk muss solide beherrscht werden. Gute Institute ermöglichen deshalb im Unterricht durch sorgfältig ausgewählte Praktika und echte Kundenprojekte eine realistische Vorbereitung. Doch in der Realität muss sich dann jeder allein behaupten. Der Arbeitsmarkt ist kein Paradies und selbst für Koryphäen kein Schlaraffenland, in dem sie sich den Traumjob aussuchen können. Da muss man kämpfen.

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