Zeitung Heute : Sonderthema Bildungsmesse: Eine Chance, kein Allheilmittel

Roland Koch

Die jüngsten Zahlen aus Nürnberg haben für politische Betriebsamkeit gesorgt: Die vier Millionen Arbeitslosen hierzulande wiegen schwer - insbesondere im bevorstehenden Wahlkampf. Fast täglich gibt es neue Vorschläge, wie die Arbeitslosenzahlen in den Griff zu bekommen sind. Das Job-Aktiv-Gesetz ist bereits Anfang des Jahres in Kraft getreten, die SPD will das "Mainzer Modell" für Kombilöhne bundesweit ausdehnen. Ein nicht neues, aber nach wie vor gewichtiges Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist Weiterbildung. Allein in Berlin und Brandenburg werden in diesem Jahr von den Arbeitsämtern mehr als 900 Millionen Euro dafür ausgegeben: Über 60 000 Menschen werden in 3000 Maßnahmen für neue Jobs qualifiziert.

"Trotz der derzeitigen Konjunkturschwäche sind in Berlin und Brandenburg Fachkräfte gesucht", sagt Klaus Pohl, Pressesprecher des Landesarbeitsamtes Berlin / Brandenburg. "Das gilt nicht nur für Hightech-Bereiche wie die Bio- oder Medizintechnologie, sondern insbesondere für unternehmensnahe Dienstleister vom Handel über das Gesundheitswesen bis zur Rechtsberatung." Die Dienstleistungsbranche sei ein regelrechter "Beschäftigungsmotor" für die Region mit einer Arbeitslosenquote von 16,7 Prozent. Mehr als 300 000 Menschen arbeiten in diesem Bereich.

Die Palette der benötigten Fachkräfte ist dementsprechend groß. "Bilanzbuchhalter werden gesucht und Bürofachkräfte, Call Center Agenten und Pflegekräfte, aber auch Vertriebsmitarbeiter oder Fachkräfte im Hotel und Gastronomiebereich und immer noch IT-Fachkräfte", sagt Pohl. Obwohl der IT-Arbeitsmarkt im vergangenen Jahr eingebrochen sei, werde er in diesem Jahr voraussichtlich um fünf Prozent wachsen und damit das allgemeine Wirtschaftswachstum deutlich übertreffen. Um auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, werde jedoch hier wie auch in anderen Branchen die Bereitschaft, überregional mobil zu sein, immer wichtiger. Im vergangenen Jahr wurden 13 000 Arbeitslose in andere Bundesländer vermittelt.

Eine Belebung des Arbeitsmarktes erhofft man sich beim Landesarbeitsamt auch davon, dass Berlin und Brandenburg zu einer führenden Wissenslandschaft werden. Die zahlreichen Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Technologiezentren könnten künftig wichtige Standortfaktoren für Unternehmen sein, meint Pohl.

Einen Einblick in das Angebot von 125 Bildungsfirmen bietet von Donnerstag bis Sonnabend die 29. Berliner Bildungsmesse, die im Haus am Köllnischen Park stattfindet. Zusätzlich zu den Firmenpräsentationen stehen Vorträge und Diskussionsrunden rund ums Thema Arbeitsmarkt und Weiterbildung auf dem Programm (siehe Kasten).

Dass Weiterbildung jedoch kein Allheilmittel ist, weder für die Unternehmen noch für die Arbeitslosen, räumt auch Klaus Pohl ein. Einerseits könne man nicht jeden Arbeitslosen qualifizieren. Andererseits seien auch die Vorstellungen der Unternehmen häufig überzogen. "Wir können den Arbeitslosen zwar Grundkenntnisse vermitteln, aber bestimmte betriebsspezifische Anforderungen muss das Unternehmen schon selbst vermitteln." Außerdem gebe es viele Unternehmen, die über 40-Jährige erst gar nicht einstellten. Immerhin haben im Jahr 2001 rund zwei Drittel der Teilnehmer einer Weiterbildung einen Job gefunden.

Edda Bindewald, die Regionalleiterin des Weiterbildungsanbieters WBS Training AG, sieht die Vorteile einer Weiterbildung nicht nur in der Wissensvermittlung. "Für die Teilnehmer ist es auch wichtig, Kontakt zu anderen zu finden, die sich in einer ähnlichen Situation befinden." Das breche die drohende soziale Isolation auf. Doch auch die Anbieterin von Weiterbildung glaubt nicht daran, dass dies der Königsweg für jeden Arbeitslosen ist. "Nur wer Eigeninitiative und Neugierde mitbringt, wird durch eine Qualifizierung gewinnen."

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