SONGWRITER-GLAMPatrick Wolf : Der verrückte Hirte

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Schon die Covermotive seiner bisherigen vier Alben spiegeln die zunehmende künstlerische Durchgeknalltheit von Patrick Wolf: Inszenierte sich der britische Songwriter im Jahre 2003, gerade 20 geworden, auf seinem Debüt „Lycantrophy“ als verhuschter Lumpen-Dandy und auf dem Nachfolger „Wind in the Wires“ als unscheinbarer T-Shirt- Nerd, so ging es bei „The Magic Position“ schon deutlich bunter zu, wo er sich als erotomaner Rummelplatz-Harlekin in Pose warf. Dementsprechend wandelte sich auch die Musik, die von einer bereits ambitionierten, vor allem aber unerhört talentierten Folk-Verschrobenheit in alle möglichen Richtungen expandierte, jegliche Scheu vor Stilbrüchen ablegte. Plötzlich trafen opulente Streicherarrangements auf Glamrock-Gitarren und kühn geschwungene Melodiebögen, die auch auf einer Queen- oder Elton-John-LP Platz gefunden hätten.

Das war noch nicht das Ende der Fahnenstange: „The Bachelor“ hieß vor zwei Jahren die letzte Metamorphose, in der Patrick Wolf optisch zum postapokalyptischen Cyber-Folk-Krieger mutierte. Die Musik? Kompletter Irrsinn zwischen Metal, Techno, Synthiepop und Schafhirten-Folk, teilweise vom Berliner Alex Empire produziert, unter stimmlicher Mithilfe von Schauspielerin Tilda Swinton. Und doch immer wieder zu Hits kumulierend, wie etwa „Hard Times“: eine grandiose Hymne, voller unerwarteter Wendungen, wie es zuvor nur die besten Songs von Pulp hinbekamen. Was kann jetzt noch kommen? Wolf, der sich in seiner sexuellen Orientierung ebenso wenig festlegen lässt wie musikalisch, beschrieb sein kommendes Album „Lupercalia“ in einem Interview als „Musik für den ersten Kuss“. Bestimmt mit viel Zunge.Jörg Wunder

Lido, Di 5.4., 21 Uhr, 20 €

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