Zeitung Heute : Sonne in der Suppenschüssel, Ende in der Wirtschaftskrise

KATRIN BETTINA MÜLLER

Mit der Ausstellung "Veltener Dinge" macht der Förderverein für ein Keramik-Museum Berlin im Bauhaus Archiv auf seine Sammlung aufmerksamVON KATRIN BETTINA MÜLLERAls wäre der Himmel in die Suppenschüssel gefallen, leuchtet das Blau des Dekors 29 der Steingutfabriken Velten-Vordamm.Gelb blitzen Eichhörnchen und Nixen zwischen Wellen und Ästen des "Paradiesgartens", den Charlotte Hartmann auf Platten und Schüsseln blühen ließ.Kein Paradies ohne Arbeit: Bis zu 100 Malerinnen beaufsichtigte sie, die mit knapp Zwanzig und einem Studienjahr am Kunstgewerbemuseum Berlin als Entwerferin begonnen hatte und bald zur künstlerischen Leiterin der Steingutfabrik aufgestieg.Ihre Heirat 1924 beendete die Arbeit in Velten.Zu ihren Nachfolgerinnen zählen Elisabeth Dörr und Hedwig Bollhagen.Der Schwung der Reformbewegung und die ästhetische Aufwertung des Alltags ermutigte in den zwanziger Jahren viele Frauen zu Kunst und Gestaltung; von den meisten verlieren sich die Spuren nach einem Jahrzehnt.Die biographischen Skizzen zu den jungen Keramikerinnen, von denen einzig Hedwig Bollhagen zur erfolgreichen Unternehmerin aufstieg, bilden Randnotizen der kleinen Ausstellung "Veltener Dinge". Ob blumig oder schlicht geringelt: Ein feines Schlingern der Linien auf Vasen, Dosen und Kerzenleuchtern deutet die Handmalerei an.In diesem Beharren auf individuellen Ausdruck auch bei großen Stückzahlen drückt sich mehr als in den unterschiedlichen Stilen der Anspruch auf Qualität auch in den einfachsten Haushaltsgegenständen aus.Auch von den Tellern der beiden Keramiker Theodor Bogler und Werner Burri, die aus der Dornburger Bauhauswerkstatt nach Velten kamen und sachlich-geometrische Muster bevorzugten, kann man nicht mehr als essen. Was in den Vitrinen so schön und selbstverständlich aussieht, blieb für den Fabrikanten Hermann Harkort, der über seinen Onkel Karl Ernst Osthaus zur Werkbundbewegung gekommen war, ein Risiko.Leider zahle sich sein Mut, Künstler direkt in die Produktion einzuladen, nicht aus.Da ein großer Teil der Ware für den Export nach Übersee bestimmt war, stürzten ihn veränderte Zollgesetze während der Weltwirtschaftskrise 1931 in den Konkurs.Zu den lezten großen Aufträgen gehörten die Kacheln fü die Fassade am Haus des Rundfunks von Hans Poelzig. Mit den "Veltener Dingen" stellt sich der Förderverein für ein Keramik-Museum Berlin im Bauhaus-Archiv vor.Sein Ziel ist, für die auf 5000 keramische Arbeiten angewachsene Sammlung ein eigenes Museum aufzubauen.Eine Schenkung von Günther Harkort, Sohn des Veltener Fabrikanten, ermöglichte den Exkurs in das schöne Kunsthandwerk der zwanziger Jahre, der im Bauhaus-Archiv durch den Kontext der gestalterischen Reformbewegung gewinnt. Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstr.14, bis 12.Oktober.Mittwoch bis Montag 10-17 Uhr.

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