Sonntagsinterview : „Ich kann ganz schlecht flirten“

05.09.2010 02:00 UhrVon Interview: Ulf Lippitz, Esther Kogelboom
Ildikó von Kürthy. Foto: Det Kempke
Ildikó von Kürthy. - Foto: Det Kempke

Weil ihr Vater blind war, lernte Ildikó von Kürthy früh, mit Worten zu gefallen. Hier spricht sie über 40-jährige Frauen, Männer in Not – und schmutzige Kinder

Ildikó von Kürthy, 42, ist Schriftstellerin und „Brigitte“-Kolumnistin. Ihre sechs Bücher („Mondscheintarif“) wurden über sechs Millionen Mal verkauft und in 30 Sprachen übersetzt. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Hamburg. Ihr neuer Roman „Endlich!“ erscheint bei Wunderlich.

Frau von Kürthy, das ist nicht fair.

Was denn?

Ihr Baby Leonard sitzt auf Ihrem Schoß und strahlt uns an.

Babys lösen ja angeblich eine Beißhemmung aus. Da müssen Sie jetzt durch.

Die Arbeit an Ihrem Roman führte Sie in das Seminar „Nackt besser aussehen“.

Was haben Sie gelernt?

Nicht viel. Die dickste Teilnehmerin war die lustigste, und die Dünne war nur anwesend, um zu zeigen, wie hübsch sie aussieht. So eine blöde Size-Zero-Pissnelke. Sagt die zum Abschied: „Ich verstehe euch nicht, wie kann man sich nur so gehen lassen? Sport macht doch Spaß!“

Wie haben Sie von diesem seltsamen Kurs erfahren?

Durch meinen Personal Trainer. Den habe ich wiederum bei der Recherche für die „Brigitte“-Geschichte „In fünf Wochen so jung wie möglich“ getroffen. Eine interessante Zeit: Nach dem Körpercheck erfuhr ich, wie ich meine Ernährung umstellen kann. Dann kamen Botox und Kollagen-Filler …

… natürlich nur aus Gründen der Recherche!

Aus eigenem Antrieb hätte ich es nicht gemacht, problemzonenmäßig hatte ich mich bisher nicht auf mein Gesicht konzentriert. Aber ich habe mich gern von meinen Zornesfalten verabschiedet. Gemerkt hat es niemand, nicht einmal mein Mann – doch ich wurde ständig gefragt, ob ich irgendwas Vorteilhaftes mit meinen Haaren gemacht hätte.

Und jetzt sind Sie abhängig von dem Nervengift?

Ich glaube, ich würde es wieder tun. Die Schwangerschaft kam mir in die Quere. Wir werden sehen.

Keine Angst vor dem Mickey-Rourke-Effekt?

Nein. Man darf es nur nicht übertreiben, dafür ist jeder selbst verantwortlich. Insgesamt stehe ich meinen körperlichen Mängeln immer entspannter gegenüber, achte aber schon darauf, dass ich vom Badelaken aus möglichst schnell im Wasser bin.

Manche halten Sie für älter als Sie sind. Der Literaturkritiker Denis Scheck schrieb: „Ildikó von Kürthy schreibt wie Inge Meysel auf Ecstasy.“

Ein tolles Kompliment!

Das „SZ Magazin“ fasst zusammen: „Gerade die Lektüre von mehreren Ildikó-von-Kürthy-Büchern innerhalb kurzer Zeit zeigt eindringlich, dass man es mit einem routiniert gehandhabten Baukasten zu tun hat, dessen Versatzstücke von Mal zu Mal ein wenig anders kombiniert werden.“

Der Kollege, der das geschrieben hat, ist supernett und klug. Er hat alle meine Bücher gelesen. Außerordentlich! Es ist unmöglich, ab und an nicht bei sich selber abzuschreiben. Allerdings, wenn meine Bücher wirklich ein Baukasten wären – warum sind nicht mehr davon auf den Bestsellerlisten?

Frauen um die 40, schreiben Sie in Ihrem Roman, durchleben eine Art „zweite Pubertät“. Was genau meinen Sie eigentlich damit?

Ich kenne keine Frau, die sich in diesem Alter normal verhält. In der Lebensmitte haben viele das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Es sind entweder keine Kinder da, oder sie sind so alt, dass sie keine Rund-um-die-Uhr-Betreuung mehr brauchen. Sie machen ihren Beruf schon länger, die Ehe kommt ebenfalls in die Jahre. Zweifel, Ängste, Unruhe, Nervosität – das ist ein komplett anderes Gefühl als mit Mitte 30, wenn man zum ersten Mal leidlich festen Boden unter den Füßen hat. Mit 40 glauben Frauen, das Leben könnte ein zweites Mal starten. Die Zutaten dafür sind ja da: körperliche Fitness, Gesundheit, man kann noch ein Kind kriegen. Doch dann schlägt diese entsetzlich altmodisch tickende biologische Uhr zu. Jeder Eisprung wird ein Grund zum Anstoßen.

Was ist so modern daran, dass Sarah Connors Mutter mit 50 Zwillinge bekommen kann und Gianna Nannini mit 54 schwanger ist?

Es passt in die Realität von Frauenleben. Wir leben länger, wir arbeiten länger, warum sollten wir unsere Kinder nicht später bekommen? Das ist doch eine wünschenswerte Gleichberechtigung: Männer können in diesem Alter problemlos noch mal von vorne anfangen.

Dagegen spricht: Alte Mütter rauben ihren Kindern die Großelterngeneration.

Na und? Leben ist Veränderung. Spät Kinder zu kriegen, hat seine guten Seiten. Mein Mann ist ein entspannter und begeisterter Vater, hängt stundenlang auf Spielplätzen rum und weiß genau, dass er dabei überhaupt nichts verpasst.

Sie haben geschrieben, dass man nur zwei Sätze braucht, um einen Mann für sich zu gewinnen: „Ach, das ist ja interessant“ und „Erzählen Sie bitte mehr“. Mit welchem haben Sie Ihren überzeugt?

Bei uns war es umgekehrt. Mein Mann sagte: „Ach, das ist ja interessant“ – und ich war ihm sofort verfallen.

Sie wollten damit andeuten, dass Männer relativ einfach strukturiert sind.

Sie sind in einer akuten Notlage. Der Emanzipation der Frau haben sie zugeschaut, versäumten aber, sich mitzuentwickeln. Das birgt Gefahrenpotenzial: Es fehlt der Grund, ein Mann zu sein.

Kann es ein Zeichen von Langeweile sein, wenn eine Frau in der zweiten Pubertät ein Baby bekommt?

Ja. Wenn Frauen um die 40 die Möglichkeit haben, entspannt in sich hinein zu schauen, weil alles von selbst läuft, ist das häufig ein Blick ins Leere. Und manchmal nehmen sie dann eine Schwangerschaft dankbar an, um ein Alibi zu haben, sich auch die nächsten drei Jahre nicht um sich selber kümmern zu müssen. Eine Therapeutin erzählte mir : „In meiner Praxis sitzen nicht die Frauen, die falsche Entscheidungen getroffen haben. Es sind die, die keine Entscheidung getroffen haben.“ Wissen Sie, wie man einen Frosch gart?

Wenn ein Frosch in kochendes Wasser geworfen wird, springt er sofort raus. Aber wenn man das Wasser langsam erhitzt, in dem er sitzt, stirbt er.

Bei 40-jährigen Frauen ist das Wasser kurz vor dem Siedepunkt. Doch was machen sie? Sie kümmern sich lieber erst mal weiter um andere, wie immer. Mädchen lernen ja schon früh, ihren Vätern und Lehrern zu gefallen.

Haben Sie schon mal einer Freundin geraten, ihren Mann zu verlassen?

Ja. Der Typ war ein Arsch, der meine Freundin zu einer schlechteren Person gemacht hat, als sie eigentlich ist. Außerdem hat er sie betrogen. Ich bin aber mit solchen Tipps vorsichtig. Wenn die zusammenbleiben, hat man hinterher ein Problem.

In „Mondscheintarif“, Ihrem ersten Roman von 1999, der gerade in 50. Auflage erscheint, spielt das Festnetztelefon eine tragende Rolle, in „Endlich!“ fliegt ein Betrug durch Facebook auf. Eine rasante Entwicklung.

Darauf bin ich nur gekommen, weil ich versehentlich auf der Facebook-Seite meines Mannes landete. Er hatte sich nicht abgemeldet. Das war mein Erweckungserlebnis.

Sie haben mal gesagt: „Frauen, die nicht schnüffeln, sind nicht normal.“

Schlimm ist nur, man findet nichts Interessantes.

Kleiner Tipp: Mithilfe der Smartphone-Applikation Foursquare kann man jederzeit verfolgen, wo Freunde sich aufhalten.

Ungeahnte Möglichkeiten! Ich sehe das entspannt – vielleicht weil ich so wenig zu verbergen habe. Mit Google Street View habe ich kein Problem. Bei mir vor dem Haus würde man nur Sperrmüll sehen.

Entrümpelungsaktion?

Ja, der berühmte Nestbautrieb. Als meine Eltern starben, habe ich etliche Möbel behalten. Leider keine schönen Sachen: Mein Vater war blind, und meine Mutter hatte keinen Geschmack. Eine ungünstige Kombination. Nach und nach habe ich mich von diesen Andenken getrennt. Ich kann mich auch ohne klobige Stühle erinnern.

Wie war das Verhältnis zu Ihrem Vater?

Mein Vater hat mich nie gesehen. Das hat mich sehr geprägt. Kleine Mädchen nehmen sich durch die Augen des Vaters wahr, wickeln ihn mit einem Lächeln um den Finger. Das war zwischen uns nicht möglich. Ich kann bis heute ganz schlecht flirten und komme mir bescheuert vor, wenn ich versuche, gezielt weibliche Reize einzusetzen. Diese Codes konnte ich nie anwenden. Mit dem Aussehen zu gefallen, habe ich nicht gelernt.

Sie mussten stattdessen Worte finden?

Ja. Die Sprache war unsere einzige Währung. Zum Beispiel erinnere ich mich an unseren ersten Flug. Ich beschrieb meinem Vater, wie es aussieht, wenn man über Wolken fliegt. Ich sah für ihn, ich führte ihn, ich las ihm vor. Einmal saßen wir an der Frittenbude, da wollte mir jemand eine Cola spendieren, weil er es so toll fand, wie ich mich um meinen Vater kümmerte. Habe ich nicht verstanden. Für mich war der blinde Vater Normalität. Wenn wir Urlaub in Blindenkurheimen machten, stellten wir Kinder uns mucksmäuschenstill auf die Herrentoilette.

Das klingt wie eine etwas schräge Version von „Hanni und Nanni“.

Ich habe lieber Jungsbücher gelesen. Da gibt es ein sechsbändiges Werk von Liselotte Welskopf, „Die Söhne der großen Bärin“, eine Indianergeschichte. Als ich einer Freundin davon erzählte, denn ich war bereits 20 und immer noch im Herzen Indianer, sagte sie zu mir: „Schreib darüber. Beschäftige dich mit dem, was dir am Herzen liegt.“ Dabei bin ich bis heute geblieben. Mit 20 habe ich einen Indianerroman geschrieben, nachdem ich ein Jahr lang alles über die Dakota, ihre Sprachen, ihre Gebräuche herausgefunden hatte. Hallo, Verleger! Dieser Rohdiamant liegt noch heute in meiner Schublade.

Sie sind für Ihre Reiseangst bekannt. Waren Sie schon im Wilden Westen?

Nein. Aber bekannterweise ist die Geschichte der Indianer ja keine mit Happy End. Jedoch das Land würde ich gerne einmal sehen. Mein längster Flug war nach Teneriffa, ich fliege nur, wenn es unbedingt sein muss.

Für die Henri-Nannen-Journalistenschule sollten Sie eine Reportage von einem Boot aus recherchieren. Das haben Sie abgesagt.

Ich hatte damals schlimme Klaustrophobie, konnte weder Aufzug noch Schiff fahren. Noch heute mache ich einen großen Bogen um den Elbtunnel. Aber die Reportage habe ich trotzdem gemacht, und bin mit dem Taxi quer durch den Hamburger Hafen gebrettert.

Welche Angst ist Ihre stärkste Triebfeder?

Angst treibt mich nicht an. Ich bin ein bequemer Mensch, der der Angst eher aus dem Weg geht. Ich mag den Weg des geringsten Widerstandes. Ich habe mich immer am liebsten mit dem beschäftigt, was mir leicht fiel und mir Freude machte. Das war das Schreiben. Meine größte Angst ist, zu sterben und meine kleinen Kinder verlassen zu müssen. Aber: Wenn heute mein letzter Tag wäre, würde ich mit vollen Taschen gehen. Ich habe nicht viel versäumt und ich habe was Besseres vor, als zu sterben. Das ist ein gutes Gefühl.

Frau von Kürthy, wann sind Sie zuletzt mit Ihrem Humor entgleist?

Oh, neulich erst. Ich war piekfein eingeladen, in ein Hamburger Hotel. Am Tisch saß eine mir unbekannte Dame, also fragte ich sie, wer sie ist und was sie so beruflich tut. Die Frau wich so lange aus, bis mein Geduldsfaden riss. Ich sagte: „Was machen Sie denn nun, leiten Sie ein Freudenhaus?“ Da machte sie ein hanseatisches Entenmäulchen, wandte sich ab und schwieg. Sie war die Eigentümerin des Hotels.

Wolfgang Joop meint: „Die Hamburgerin ist eine gelungene Mischung aus Pferd und Frau.“

Sehr lustig! Das gab einen Wahnsinnsärger, dabei stimmt, was er sagt. Die Hamburger Mutter hat außerdem immer Apfelschnitze in einer hygienischen Plastikverpackung dabei. Das meine ich gar nicht abfällig, aber ich selbst habe überhaupt keinen Hang zum Perfektionismus, was mein Leben angenehm macht. Meine Kinder sind allerdings immer etwas schmutziger als andere.

Wie bitte?

Lachen Sie nicht, solche Details können Frauenfreundschaften kaputt machen. Man würde ja gemeinhin annehmen, wenn zwei Frauen Kinder haben, verstehen sie sich automatisch besser. Ganz und gar nicht. Erst unterschiedliche Erziehungs- und Sauberkeitskonzepte ruinieren eine Freundschaft. Viele Mütter empfinde ich als zu streng. Ich versuche, nur die notwendigen Kämpfe zu kämpfen: Lauf nicht über die Straße, hau dem anderen Kind nicht mit der Schaufel über den Kopf, putz dir die Zähne. Der Rest ist Verhandlungssache.

Woher kommt die Gelassenheit mit Kindern?

Das wüsste ich auch gerne. Als ich zum ersten Mal schwanger war, sagten alle: Um Gottes Willen, jetzt wird sie sich ab dem dritten Monat krankschreiben lassen und eine Superglucke werden.

Warum haben das alle angenommen?

Weil ich zum Dramatisieren meines eigenen Lebens neige. Ich vergrößere Sachen emotional, damit ein bisschen was los ist. Doch ich bin auch egoistisch und mag die Kombination aus viel Freiheit und wenig Stress. Ich bin froh, wenn meine Kinder auch mal weg sind, und tu mich schwer mit Müttern, die auf eigene Bedürfnisse gänzlich verzichten. Man kann sich nicht verabreden, weil der Dreijährige unmöglich mit dem Babysitter alleine gelassen werden kann? Besten Dank. Ich würde sagen: Ich wirke immer noch recht kinderlos.

Und wann wurden Sie zuletzt mit einer Unverschämtheit konfrontiert?

Im Schwimmbad. Ich fragte eine Frau – pro forma, denn es gab reichlich Platz – ob ich mich neben sie legen dürfte. Die sagte: „Ach nein, es kommt gleich noch eine Freundin von mir.“ Ja was denn für eine Freundin? Eine Elefantendame mit acht Kindern? Ich schwieg beleidigt und sprach später mit einer Psychologin für „Brigitte“ darüber. Die sagte: „Haben Sie keine anderen Sorgen? Wenn jemand nicht nett ist, ist das doch nicht Ihr Problem. Hören Sie auf mit diesem Habt-mich-alle-lieb-Lächeln!“ Es stimmt: Der Handwerker hat noch keinen Handschlag getan, und schon bekommt er Kaffee. Man steht da wie Bambi und wird auch so behandelt.

Was, wenn die Frau aus dem Schwimmbad von Ihrer Therapeutin den Rat bekommen hat, das Nein sagen zu trainieren?

Tja. Das ist das Schicksal zweier nicht kompatibel therapierter Frauen! Trotzdem, ich kann mich schlecht wehren gegen Unfreundlichkeit, die aus dem Nichts kommt. Vergangenes Wochenende haben mir zwei Leute dazu gratuliert, dass ich wieder ein Kind bekomme. Das war schon hart.

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