Sonntagsinterview : „Ich will Aggressionen wecken“

Sie ließ Fremde an ihren Busen fassen und führte ihren Freund am Halsband Gassi. Warum Valie Export heute den Kampfgeist der Feministinnen vermisst.

Interview: Nicola Kuhn
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Die Künstlerin Valie ExportFoto: dpa

Frau Export, mit Ihrem Tapp- und Tastkino haben Sie 1968 Berühmtheit erlangt. Es bestand aus einem Kasten mit einem Vorhang, den Sie sich vor die Brust geschnallt hatten. Passanten durften ihre Hände hineinstecken und ihre nackten Brüste erfühlen. Was hat Sie bloß dazu verleitet?

Mitte der 60er Jahre kam in den USA der Begriff Expanded Art auf, der sich auf das Expanded Cinema ausdehnte – als Widerstand gegen das normale Kino. Mit dem Tapp- und Tastkino ging es mir darum, den Sehsinn, der die Rezeption im Kino prägt, in den Tastsinn zu transformieren. Der nackte Busen im Kino ist auf der Leinwand, der Betrachter im Kino sitzt im Dunkeln, wird nicht gesehen, ist Voyeur. Beim Tapp- und Tastkino wird der Besucher in der Öffentlichkeit gesehen, da das Kino im öffentlichen Raum präsentiert wird, der Kinosaal ist kleiner geworden, es haben nur die beiden Hände Platz, und sie können den Busen ertasten. Das Objekt der Begierde, der nackte Busen, blieb im Dunkeln, aber der Besucher konnte ihn für 33 Sekunden berühren.

Haben sich damals bei Ihnen Schlangen gebildet?

Das erste Mal präsentierte ich das Tapp- und Tastkino auf einem Filmfest in Wien. Ich sollte dort einen Preis für meinen Film „Ping Pong“ bekommen, bei dem das Publikum mit Punkten auf der Leinwand interagiert. Bei der Gelegenheit wollte ich etwas Neues zeigen. Die Leute haben getobt, als ich mein Tapp- und Tastkino vorgeführt habe. Das sei kein Film, und sie brauchten sich das nicht bieten zu lassen. Daraufhin wurde die Präsentation aufgelöst. Zwei, drei Tage später auf dem Stachus in München war die Stimmung ganz anders, eher heiter. Aus den Geschäften kamen Männer, die mein Kino besuchen wollten. Manche trauten sich, andere gingen wieder weg, weil sie sich beobachtet fühlten. Natürlich war das Kino für alle zugängig.

Und wie ging es Ihnen selbst dabei?

Für mich war das genauso spannend. Das war ein richtiger Blickfilm. Ich habe die Leute intensiv angesehen, um zu sehen, wie sie reagieren. Und sie haben umgekehrt mich intensiv angeschaut. Es gab zwar gewisse Momente von Zärtlichkeit, aber die dauerten nicht lange. Ich habe das Tapp- und Tastkino öfter vorgeführt, auch in Köln und London. In Köln wurde ich als Hure beschimpft.

In Wien haben Sie Drohbriefe bekommen. Man wollte Sie mit Säure überschütten.

Ja, die Drohungen waren oft sehr gefährlich, ich habe es richtig mit der Angst zu tun bekommen! Einer schrieb: „Wir warten auf Dich, dann passiert es!“ Aber Polizeischutz gab es trotzdem nicht. Ich habe halt besser aufgepasst.

Nun sind Sie Kommissärin des Österreichischen Pavillons auf der Biennale in Venedig …

Das ist natürlich eine schöne Auszeichnung und Aufgabe für mich als Künstlerin: Die Biennale in Venedig ist die beste Biennale der Welt. 1980 habe ich selbst im österreichischen Pavillon als Künstlerin ausgestellt.

Als Kuratoren beruft Österreich für diese offizielle Aufgabe nur gesetzte Vertreter der Kunst. Offenbar geben Sie keinen Zunder mehr.

Das stimmt nicht, es sind keine gesetzten Vertreter. Als ich vor zwei Jahren an der Internationalen Ausstellung der Biennale Venedig mit einer Performance und Installation teilnahm, bei der ich meine Stimmritze mit einem Laryngoskop vorgeführt und sichtbar gemacht habe, sorgte das durchaus für Aufsehen. Die Aufnahmen meiner Stimmritze waren auf vier Monitoren zu sehen, während ich meinen Text vortrug. Das war ein Tabubruch, denn den anatomischen Ursprung der Stimme zeigt man nicht. Es gibt ein unausgesprochenes Verbot, das Innere des Körpers nach außen zu öffnen. Meine Installation für die Moskauer Biennale 2007 aus 105 echten Kalaschnikows und Videos von chinesischen Hinrichtungen und Terroranschlägen im Irak provozierte ebenfalls.

Dafür zeigen Sie nun als Kuratorin Elke Krystufek, eine Künstlerin, die ebenfalls gerne provoziert. Bekannt wurde sie mit einer Performance, bei der sie öffentlich onanierte. Sehen Sie in Elke Krystufek eine Nachfolgerin für sich?

Das klingt zu epigonal. Trotzdem gibt es viele Auseinandersetzungen, die ich in den 60ern gesellschaftspolitisch geführt habe, die Krystufek jetzt ebenfalls behandelt. Damals waren die Reibungen stärker, aber sie sind immer noch virulent.

Würden Sie einer jungen Künstlerin heute immer noch zur Provokation raten?

Ja. Ich würde ihr dasselbe empfehlen, was ich mir damals zugemutet habe: die Herausforderung. Das war mein Motto. Ich wollte Aggressionen wecken, damit ein Dialog zustande kommt. Ich wollte Aufmerksamkeit für meine Kritik an der herrschenden künstlerischen Ästhetik und den gesellschaftspolitischen Zuständen.

Hat es sich gelohnt?

Die Gesellschaft ist heute bei weitem nicht mehr so prüde. Aber das Pendel kann leicht zurückschlagen, zurück zum Restriktiven. Es gibt noch immer diese konservativen Bewegungen; sie sind nur scheinbar an den Rand gedrängt, um dann plötzlich besonders präsent zu sein, zu dominieren.

Also engagieren Sie sich weiterhin als Feministin?

Heute schauen wir über Europa und Amerika hinaus. Bei einem Treffen zum Thema Genitalbeschneidung erklärten Feministen: „Das müssen wir bekämpfen, auch hier in Europa, vor allem in England, wo noch viele Ärzte diesen Eingriff vornehmen.“ Vertreterinnen der entsprechenden Länder erwiderten: „Das geht euch nichts an, das ist unsere Kultur. Wir lassen uns nicht vorschreiben, was bekämpft werden muss.“ Für mich war das verwirrend. Als Feministin würde ich sofort sagen: Schluss damit. Aber heute sind die Dinge komplizierter als damals, ähnlich wie beim Kopftuchverbot.

Die großen Auseinandersetzungen werden heute um religiöse Fragen geführt. Als Seismografin gesellschaftlicher Konflikte müsste das doch ein lohnendes Betätigungsfeld für Sie sein.

Religiöse Gefühle bedeuten mir nichts. Das ist eine große Menschheitslüge, das hat seine Wurzeln in der Angst. Genau diese nicht zu bewältigende Angst führt zur permanenten weltweiten Unterdrückung. Da brauche ich gar nicht in den Iran zu schauen, ich kann auch in Österreich bleiben, bei der römisch-katholischen Kirche.

Sie waren selbst Klosterschülerin. Kommt daher der Groll?

Ich war zum Teil gerne dort. Mir waren die Rituale wichtig. Am spannendsten fand ich die Osterrituale, bei denen es um das Opfer geht. Leid und Angst waren in den Ritualen gebündelt. Genervt hat mich nur die Marienverehrung. Ich bin überzeugt davon, dass eine Psychoanalyse da manches bei mir zutage bringen würde. Ich kann mich erinnern, wie es mich als Zehnjährige faszinierte, die Hostie zu empfangen. Hinterher war ich erstaunt, dass ich nichts empfand. Die Erleuchtung fiel aus. Auch beim Beichten wusste ich nie, was ich sagen sollte, weil es für mich die Sünde gar nicht gab.

Als Künstlerin haben Sie sich 1967 einen neuen Namen gegeben. Wollten Sie mit Ihrer Herkunft brechen?

Das hatte weniger familiäre Gründe. Ich wollte zwar auch nicht den Namen meines Vaters oder geschiedenen Mannes haben, aber mir ging es vor allem um meine Identität.

Der Vorname Valie ist die Abkürzung Ihres Vornamens Waltraud. Aber wie sind Sie auf Export gekommen? Durch die österreichische Zigarettenmarke, deren Logo Sie in einer Arbeit übernommen haben?

Das Objekt des Zigarettenpäckchens mit „Valie Export“ ist erst später entstanden, es diente mir zur Visualisierung meines Künstlernamens, den ich mir schon vorher angeeignet hatte. Ich kam darauf, weil ich selbst „Smart Export“ geraucht habe. Das wurde dann mein erstes Kunstobjekt. Den Namen Export, habe ich gewählt, weil ich meine Gedanken exportieren wollte: raus aus dem Hafen.

Das muss doch sehr anstrengend sein. Gibt es für Sie nicht Momente, in denen Sie wieder privat, einfach nur Waltraud Stockinger sein wollen?

Ich erinnere mich an einen solchen Moment, als ich 1980 in Venedig auf der Biennale als Künstlerin offiziell Österreich repräsentierte. Ich saß im Café Paradiso, als mich zwei junge Menschen ansprachen: „Sind Sie nicht Valie Export?“ Ich habe nur geantwortet: „Nein, Sie irren sich.“ Es stimmt, es gibt Momente, in denen ich die Nase voll habe. Aber sie sind kurz, nur Sekunden.

1970 haben Sie sich ein Strumpfband auf den Oberschenkel tätowieren lassen. Haben Sie die Tätowierung noch?

Ja. Meine Haut ist die Leinwand dieser künstlerischen Arbeit, mein Körper trägt sie mobil herum, ein mobiles Kunstwerk.

Sie mussten von etwas leben. Doch Ihre Kunst bestand aus Aktionen, von denen nichts Verkäufliches blieb.

Das war die Philosophie der 60er. Man hat eine Aktion gemacht, die danach dann abgeschlossen war. Im Nachhinein ist das schade. Ich selbst habe bescheiden gelebt, besaß weder Fernseher noch Plattenspieler, nur eine Kamera. Die Fotos habe ich im Badezimmer entwickelt. Gelebt habe ich von klassischen kreativen Jobs, indem ich Grafiken entworfen habe.

Wollten Sie mit Ihrer Kunst kein Geld verdienen?

Doch, aber die Zeiten waren nicht danach. Ich war zwei, drei Jahre lang nur im Underground unterwegs, in selbst finanzierten Galerien in London, Amsterdam und Zürich. Mitte der 70er begann ich, meine Fotoarbeiten zu verkaufen, die ersten „Körperfigurationen“, die noch aus der Performance entstanden sind. Dabei habe ich meinen Körper mit der Architektur verbunden. Ich habe mich um Häuserecken herum, an Straßenkanten entlang gelegt. Ich wollte damit auch einen psychischen Zustand darstellen, mich präsentieren als Gefangene meiner Zeit.

Berühmtheit hat auch eine andere Aktion von Ihnen im öffentlichen Raum erlangt, als Sie 1968 ihren damaligen Partner Peter Weibel mit Hundehalsband Gassi führen. War es schwer, ihn dazu zu überreden?

Wir haben ja zusammen diese Aktion erfunden. Uns hat es beiden Spaß gemacht. Natürlich haben alle verdutzt geschaut. Das war die Umkehrung der realen Verhältnisse: Der Mensch wird zum Hund, die Frau dominiert den Mann.

Besitzen Sie das Hundehalsband noch? Heute hat es fast kunsthistorische Bedeutung.

Leider nicht. Ich habe das Halsband damals ausgeliehen in einem Geschäft, kein Geld zum Kaufen. Ich habe gesagt, dass ich es für ein paar Stunden brauche und dann wieder zurückbringe. Als Pfand musste ich meinen Pass hinterlegen.

Seit einigen Jahren hat der Feminismus wieder Konjunktur, allerdings unter anderen Vorzeichen. Junge Frauen wie Charlotte Roche exponieren sich als Autorinnen ebenfalls mit ungeschützter körperlicher Offenheit. Das müsste Sie doch eigentlich freuen.

Was heißt hier ungeschützt? Diese Frauen wissen genau, wie sie mit dem Markt umgehen müssen, dem weiblichen Publikum. Ich sehe da keine Provokation; für mich ist das affirmativ, ein Massenprodukt. Heute fehlt der Kampfgeist. Die Gesellschaft müsste agitiert werden.

Alice Schwarzer, Deutschlands bekannteste Feministin und aus Ihrer Generation, sorgte zuletzt für Aufregung durch ihre Teilnahme an einer Werbekampagne der „Bild“-Zeitung, die sie einst als Busenblatt bekämpft hatte. Können Sie Schwarzers Verhalten erklären?

Ja. Alice Schwarzer gibt eine Zeitschrift heraus, die „Emma“. Das ist etwas ganz anderes als Fotografie oder Performance. Eine Zeitschrift braucht tägliche, monatliche, jährliche Betreuung. Alice Schwarzer versucht ihr Publikum eben auf einem breiteren Forum zu erreichen. Für ihre PorNO-Kampagne Jahre vorher hatte ich allerdings kein Verständnis. Die war mir zu eng.

Sie finden es also in Ordnung, dass Schwarzer auch diesen Weg ging, um PR für „Emma“ zu machen? Ist das nicht das Ende der Glaubwürdigkeit?

Warum sollte sie nicht Werbung für ihr Produkt machen?

Wie man über Umwege zum Ziel gelangt, haben Sie 2000 mit der Verleihung des Oskar-Kokoschka-Preises bewiesen. Damals wollten Sie den Preis nicht aus den Händen eines Vertreters der neuen rechtslastigen Regierung entgegennehmen, bekommen haben Sie ihn aber dennoch.

Den Preis hatte mir die Jury der vorherigen Regierung verliehen. Als es dann zur Übergabe kommen sollte, hatte es in der Zwischenzeit einen Regierungswechsel gegeben, ÖVP und FPÖ waren am Ruder des Bootes „Österreich“. Das Preisgeld habe ich für ein Kolloquium gestiftet über faschistoide Elemente in der Sprache. Das war eine persönliche Reaktion auf Jörg Haider.

Auch Elfriede Jelinek hadert öffentlich mit ihrem Land. Hat sich denn der Blick auf Sie mit den Jahren und der international gewachsenen Reputation gar nicht geändert?

Nein, die Haltung des Landes ist geblieben, mir gegenüber wie bei Elfriede Jelinek. Dahinter steckt die Angst vor Personen, die etwas rausfinden, was eigentlich im Verborgenen bleiben soll, was nicht angepasst ist an die allgemein gültigen Vorstellungen.

Und wie bekommen Sie das zu spüren?

Ich habe nie eine Professur in Wien angeboten bekommen. Jetzt ist es nicht mehr relevant. Aber vor zehn Jahren hat es mich noch zornig gemacht, dass ich meine künstlerische Haltung in diesem Lande nicht vermitteln konnte.

Wären Sie gerne berufen worden?

Ja, früher einmal. Irgendwann hat es mich schon gekränkt. Ich habe in USA und Deutschland, unter anderem in Berlin und Köln, unterrichtet. Aber mein künstlerisches Gedankengut hätte ich gerne auch in Österreich weitergetragen.

Haben Sie trotzdem etwas bewirken können?

Natürlich. Mittlerweile haben sich die Darstellung von Frauen und Männern in der Öffentlichkeit stark geändert oder sind Kritik unterworfen. Der Weg zum Ziel ist lang. Ich werde aber weiter intensiv an dem Projekt mitarbeiten. Der moderne Feminismus dauert eh schon 60 Jahre und mehr; das geht nicht schnell. So eine Gesellschaft ist wie ein Gummiband, das sich schnell ein bisschen dehnt, aber dann jede progressive Bewegung abschnürt.

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