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Sonntagsinterview : „Männer mit Waffen können auch nett sein“

22.05.2011 02:00 Uhrvon , Interview: Jens Mühling
Gerd RugeBild vergrößern
Gerd Ruge - Foto: picture-alliance/ dpa

In Moskau wartete der KGB auf ihn, in Afghanistan wurde er mit Steinen beworfen. Man muss was riskieren, sagt Gerd Ruge – das lehrte ihn sein Freund Boris Pasternak

Herr Ruge, woran denken Sie, wenn Sie das Wort „Freiheit“ hören?

An Postkarten.

Wie bitte?

Der Schriftsteller Boris Pasternak, den ich 1956 als Korrespondent in Moskau kennenlernte, schrieb mir Postkarten, wenn er mit mir in Kontakt treten wollte. Er sagte: „Briefe kontrolliert der KGB, Telefone werden abgehört, Postkarten interessieren niemanden.“ Pasternaks Freunde hielten das für naiv, aber in einem unfreien System braucht man genau diese Art von Naivität, um nicht verrückt zu werden. Man darf seinen Lebensraum nicht zu sehr verengen.

Was passiert mit Menschen, wenn sie unfrei leben?

Wer lange unter dem Druck einer geschlossenen, kontrollierten Gesellschaft lebt, dem fällt es schwer, etwas offen zu sagen, sich zu erklären.

Die Menschen sind kaum ansprechbar, weil sie zu vorsichtig geworden sind.

Vor 50 Jahren gehörten Sie zu den Gründungsmitgliedern von Amnesty International in Deutschland. Hatte das mit Ihren Moskauer Erfahrungen zu tun?

Ja, aber auch mit dem, was ich vorher als ganz junger Journalist in Amerika erlebte. Ich war überrascht, wie viel Verfolgung es dort gab, von Schwarzen, von Andersdenkenden. 1961 besuchte ich dann ein Sommerfest in Köln, wo ein schmalgesichtiger Engländer namens Eric Baker von der Gründung einer neuen Organisation erzählte: „Appeal for Amnesty“, wie es damals noch hieß.

Und Sie fingen gleich Feuer?

Das Konzept war sehr überzeugend. Jede Amnesty-Gruppe betreute drei Gefangene: einen aus dem kommunistischen Osten, einen aus dem demokratischen Westen und einen aus der Dritten Welt. Dass jemand bedingungslos für die Freiheit auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs eintrat, gab es vorher nicht.

Anfangs müssen Sie ein ziemlich chaotischer Haufen gewesen sein.

Wir wussten nicht einmal, wer die Kasse führen sollte. Am Ende übernahm sie der Schriftsteller Felix Rexhausen – der hatte wenigstens Volkswirtschaft studiert. Wir hatten die verschiedensten Leute an Bord: Wolfgang Leonhard war in der Sowjetunion aufgewachsen, wo man seine Mutter, eine deutsche Kommunistin, ins Lager steckte. Die Journalistin Carola Stern hatte ihre Erfahrungen in der DDR gemacht, andere Gründungsmitglieder waren in der Nazizeit mit Unfreiheit in Berührung gekommen. Ich hatte Freunde, die in Amerika den Kampf um die Bürgerrechte vorantrieben. Felix Rexhausen war einer der ersten bekennenden Schwulen. Er wusste, dass der Paragraf 175 nicht nur unter den Nazis, sondern noch in der Bundesrepublik Leben zerstörte.

Kämpft man leidenschaftlicher für die Freiheit, wenn man selbst die Erfahrung der Unfreiheit gemacht hat?

Schwer zu sagen. Zur Ausbildung gehört das natürlich nicht.

Waren Sie selbst schon mal nah an der Verhaftung?

Damals in Moskau hätte man mich nur rausgeschmissen. Bevor es eng wurde, erhielt ich einen Hinweis. „Das Innenministerium hat Ihr Visum gestrichen“, sagte mir ein Mann im sowjetischen Außenministerium. „Wir können es nur um drei Wochen verlängern. Sehen Sie zu, dass Sie draußen sind, bevor es Ärger gibt.“ Ich bin abgereist, Ärger gab es trotzdem: Es dauerte zwölf Jahre, bis ich wieder ein Visum bekam. Immerhin blieb das gute Gefühl, dass es nicht bloß sture Kader gab.

An wen denken Sie da noch?

An die Etagendame in meinem Hotel. Die sagte manchmal: „Heute sind ja wieder wahnsinnig viele Fliegen da.“ Dann wusste ich: Unten warten die KGB-Leute, die mich überwachen.

Wie lebt man mit diesem Gefühl ständiger Überwachung?

Mich hat das nicht sehr belastet. 30 Jahre später lernte ich einen ehemaligen KGB-Mann kennen, der sagte: „Sie waren unser schlimmster Fall! Wenn wir Ihre Wohnung durchsuchten, da war eine solche Unordnung, man brauchte Stunden, um etwas zu finden!“ Ich konnte darüber lachen.

Ihr Telefon wurde abgehört. Haben Sie sich Mühe gegeben, besonders undeutlich zu sprechen?

Nein. Das hätte auch nichts genützt.

Wie konnten Sie unter diesen Bedingungen als Journalist arbeiten?

Unsere Freiheit war vor allem durch die Zensur begrenzt. In der ersten Zeit in Moskau musste man jeden Artikel bei der Post abgeben. Dann bekam man ihn nach Stunden, manchmal auch erst nach zwei Tagen zurück. Wenn man dann ins große Telegrafenamt an der Twerskaja ging und einen Text nach Deutschland durchtelefonierte, konnte man keinen Satz sagen, der nicht im Manuskript stand, sonst wurde die Leitung abgewürgt.

Woher bekamen Sie Ihre Informationen?

Es gab Empfänge im Kreml, da konnte man mit den Leuten reden. Chruschtschow langweilte sich oft mit den Diplomaten und suchte den Kontakt zur Presse. Oft war er blau. Er schnappte sich den erstbesten englischen Korrespondenten und rief: „Aha, dem englischen Löwen haben wir den Schwanz abgekniffen!“ Das war nach der Suez-Krise. Das schrieb man auf, und die Zensur strich es wieder raus. Aber es überhaupt aufgeschrieben zu haben, war wichtig für einen selbst.

Bloß kam nichts davon in Deutschland an!

Doch. Man gab drei Seiten Manuskript bei der Zensur ab, davon strichen sie zwei Seiten raus. Was übrig blieb, vermittelte in seiner Verdichtung eine Vorstellung von den Ereignissen.

Heute haben die Korrespondenten mehr Freiheiten.

Und mehr technische Möglichkeiten. Das hat auch Nachteile. Wenn heute etwas passiert, soll der Korrespondent berichten, ohne vorher recherchieren zu können. Wir waren damals sturer.

Inwiefern?

Wir konnten länger nachdenken und auch sagen, dass wir nichts wissen. Die Redaktion fragte: „Wie ist es in Leningrad, ist die Armee schon einmarschiert?“ – „Kann sein, kann aber auch nicht sein.“

Sie machen schon lange keine Nachrichten mehr, sondern Fernsehfilme über fremde Länder.

Ich erzähle, wie aktuelle Entwicklungen in einem Land die Menschen berühren. Als ich vor fast 20 Jahren pensioniert wurde, hieß es: Mach doch mal was Längeres! Wir reisten also durch China, bis über die Grenze nach Russland, und am Ende wurde eine dreiteilige Filmreihe daraus.

Ihre Frau sagt, als Rentner seien Sie ein Versager.

Ja, das stimmt wohl leider. Jetzt schreibe ich auch schon wieder. Doch seit ich nicht mehr rauche, komme ich dabei schwer in Fahrt. Ich habe versucht, die Zigaretten durch Mineralwasser zu ersetzen, aber das war auch nichts.

In Ihren Filmen wirkt es leicht, wie Sie durch die Welt reisen und mit den Menschen ins Gespräch kommen. Haben Sie einen Trick?

Ich bin selbst überrascht, dass das so gut funktioniert. Die Leute müssen das Gefühl haben, man interessiere sich für sie und verstehe ein bisschen was von ihrem Leben.

Die erste Gerd-Ruge-Frage ist meistens: „Und, wie ist das Leben so?“

Genau. Man kann ja nicht gleich fragen: „Ist Ihr Gehalt im letzten Jahr gekürzt worden?“

So lautet doch immer Ihre zweite Frage!

Ja, aber erst mal muss man ein bisschen Vertrauen aufbauen.

Kostet es Sie Überwindung, Fremde anzusprechen?

Nein, eigentlich nicht.

Auch nicht, wenn sie Waffen tragen?

Dann muss man vorsichtig sein.

Ein Zitat aus Ihrem Afghanistan-Film: „Da kommen bewaffnete Männer, aber was für welche? Da muss man sie höflich fragen.“

Manchmal weiß man nicht, in welche Richtung es geht, wenn plötzlich Bewaffnete vor einem stehen. Aber manchmal sind die auch ganz nett.

Manchmal auch nicht: In Ihrem Afghanistan-Film werden Sie mit Steinen beworfen.

Das war auf einem kleinen Markt in der Wüste. Ich sah nur, dass da viele Leute zusammenstanden, also fuhren wir hin. Zuerst wurden wir auch nett empfangen, von einem älteren Mullah. Dann scharten sich immer mehr Menschen um uns und wurden unfreundlich. „Das sind Ausländer“, riefen sie, „das sind keine Moslems!“ Dann haben sie uns die Autoscheiben mit Steinen zerdeppert. Aber das waren nur Randalierer.

Einmal haben Sie sich die Freiheit genommen, in Afghanistan am Straßenrand ein Softeis zu essen. Danach mussten Sie eine Woche ins Krankenhaus.

Für das Softeis hat es sich gelohnt! Nein, ernsthaft: In großen Schwierigkeiten war ich eigentlich nie, höchstens mal in unangenehmen oder skurrilen Situationen. Einmal drehten wir in Weißrussland, da hörte ich, wie sich zwei ältere Männer über uns unterhielten. „Was ist denn hier los?“, fragte der eine. „Nichts besonderes“, sagte der andere, „die Faschisten drehen einen Film.“

Was nehmen Sie immer mit auf Reisen?

Früher hatte ich immer ein Allzweckwerkzeug dabei, einen Leatherman, aber so was wird einem ja heute am Flughafen gleich abgenommen. Das Leben wird immer schwieriger.

Wenn man ständig im Ausland unterwegs ist, fühlt man sich da nicht manchmal einsam?

Ach, nein. Als Korrespondent habe ich viele Partys gegeben, dafür habe ich in Russland und in Amerika meine Auslandsentschädigung investiert. Wenn man in Amerika Schwierigkeiten mit Aufnahmen am Weißen Haus hatte, haben wir die Mitarbeiter, die für Presse und Genehmigungen zuständig waren, mal zu einer Karnevalsfeier eingeladen.

Karneval? In Washington?

Ja. Wir nannten diese Partys „A kind of Kölner Karneval“. Jeder konnte sich verkleiden, wie er wollte, gerne auch mit Cowboyhut.

Da muss sich der Amerikaner nicht groß verkleiden.

Es war sehr lustig. In Moskau hatte ich auch Glück, da war ich mit einer berühmten Wunderheilerin befreundet. Es hieß gerüchteweise, dass sogar Breschnew sich von ihr behandeln ließ. Die kam oft zu meinen Partys. Das sprach sich schnell herum, und weil viele Leute Kontakt zu ihr suchten, tauchten bei den Partys dann oft Leute aus den Ministerien auf, die sonst nie gekommen wären. Wir hatten auch immer Künstler und Schriftsteller zu Gast. Mit denen konnte man sich in Moskau nur schwer privat treffen, aber wenn man sie offiziell zu einer Feier einlud, ging das. Also dachten wir uns immer Vorwände für Empfänge aus. Der Chefredakteur des Saarländischen Rundfunks besucht Moskau? Das muss gefeiert werden!

Sie dürften einiges an Wodka gekippt haben.

Ja, klar. Und in Amerika einiges an Whisky. Am wenigsten getrunken haben wir in China, dafür gab es da meist 65-Prozentigen. Am schlimmsten ist es in der russischen Provinz, da bekommt man manchmal 90-Prozentigen. Dann gilt: Zuerst tief durchatmen. Ausatmen. Trinken, sofort Wasser hinterher kippen, erst danach wieder einatmen. Sonst verbrennt dir die Schärfe die Atemwege.

Ist Freiheit ein universeller Wert? In China und Russland hört man oft: Wir brauchen zuerst Sicherheit und Wohlstand, bevor wir über Freiheit nachdenken.

Ein bisschen verstehe ich das. Es war ja in den Nachkriegsjahren in Deutschland nicht wesentlich anders. In einem Land, in dem es vielen Menschen noch relativ schlecht geht, hat ein Politiker mehr Erfolg, wenn er Sicherheit verspricht. Das Ideal eines liberalen Rechtstaats ist in Russland nur einer Minderheit wichtig, die Mehrheit wünscht sich Ordnung und Sicherheit. Andere fordern nur persönliche Handlungsfreiheit – damit meine ich die neue russische Oberschicht, die das Freiheitsprinzip nicht unbedingt auf die gesamte Gesellschaft ausdehnen will, die wollen nur die Freiheit, reich zu sein. Aber die Freiheitsfrage der Russen müssen ja auch nicht wir entscheiden. Das können die Russen selber.

Ist es legitim, mit Gewalt für die eigene Freiheit zu kämpfen?

Schwierige Frage. Wenn Menschen auf vernünftige Art versuchen, über menschliche Freiheiten zu verhandeln, und ihre Regierung unterbindet das mit Gewalt, dann kommt der Punkt, an dem man fairerweise nicht mehr sagen kann: Das dürft ihr nicht.

Ein Beispiel?

Es war sicher legitim, Attentate auf Hitler und Stalin zu verüben. Schwieriger ist es bei den aktuellen Konflikten in Nordafrika. In Libyen gibt es Menschen, die das Gefühl haben, dass sie ihre Lage nur durch einen bürgerkriegsartigen Aufstand verbessern können. Aber sie werden dort auch Leute finden, die das keineswegs so empfinden. Ich sehe nicht, wie man sich da von außen als Schiedsrichter einmischen könnte.

Genau das tut doch Amnesty International: Nelson Mandelas Freiheitskampf war der Organisation Preise wert. Aber sie würde sich sicher nicht für den politischen Häftling Horst Mahler einsetzen.

Die deutsche Sektion nicht, die kann ja nur für Häftlinge in anderen Ländern aktiv werden. International kann man überlegen, ob Mahler ein Fall sein könnte, in Ländern mit anderer Geschichte kann sich die Frage anders stellen. Diese Art von Grenzziehung war immer schwierig bei Amnesty.

Können Sie die Flüchtlinge aus Nordafrika verstehen, die ihre Freiheit in Europa suchen?

Natürlich, unter solchen Lebensbedingungen ist der Anreiz zu fliehen enorm groß. Aber hat jeder das Recht, in die Gesellschaft mit dem höchstmöglichen Lebensstandard aufzusteigen? Das ergibt für mich als Naturgesetz keinen Sinn. Zudem schlagen sich nach Europa ja nicht die ärmsten Menschen aus den afrikanischen Ländern durch, sondern oft die stärkeren. Im Grunde fliehen häufig diejenigen, die es am wenigsten nötig haben. Das moralisch auseinanderzufriemeln ist kompliziert.

Gab es auf Ihren Reisen eine Begegnung, die Ihr Leben verändert hat?

Meine Freundschaft mit Boris Pasternak. Von ihm habe ich gelernt, dass man den Mut nicht verlieren darf und etwas riskieren muss. Nach seinem Tod schenkte mir ein ehemaliger KGB-Mann ein Foto von Pasternak und mir. Man sieht uns da aus der Vogelperspektive, der Fotograf muss sich in einem Baum versteckt haben. Wir stehen einfach nur da und unterhalten uns, scheinbar ganz sorglos.

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