Sonntagsinterview : „Mein Wald ist voller Wildschweine“

Yoga? Schön und gut. Wenn Sting richtig entspannen will, pflückt er Oliven. Hier erklärt er, warum er Prinz Charles schätzt und wie er Roxanne am Leben hält

Interview: Esther Kogelboom
Sting.
Sting.Foto: dpa Bildfunk

Sting, 58, heißt mit bürgerlichem Namen Gordon Matthew Sumner. Bevor er mit „The Police“ Weltruhm erlangte, arbeitete der Brite als Englischlehrer. Am 21.9. tritt er im Rahmen der Symphonicities-Tournee mit großen Orchester in der Arena am Ostbahnhof auf. Sting ist Vater von sechs Kindern und verheiratet

Im Flur des Hotels D’Angleterre, Kopenhagen. Die Tür zu Stings Interviewsuite steht einen Spalt breit offen. Gedämpft sind die Fragen eines französischen Kollegen zu hören. Gelächter, dann schiebt Stings Managerin den Mann sanft hinaus. Drinnen sitzt Sting vor einem Glas Wasser. Er macht einen gelangweilten Eindruck – oder ist das sein ganz normaler Entspannungsgrad nach langjähriger Yoga-Praxis? Durch die Fenster der Ecksuite betrachtet er das Königliche Theater auf der anderen Straßenseite der Kongens Nytorv, wo er am Vorabend ein umjubeltes Konzert gegeben hat. Der Franzose verabschiedet sich draußen wortreich von Stings Managerin: „Au revoir, à bientôt …“

Mr. Sumner, als Miles Davis Sie 1985 im Studio aufforderte, ihn bei den Aufnahmen zu „You’re Under Arrest“ auf Französisch anzuschreien, musste Ihnen Ihre Frau Trudie helfen. Haben Sie die Sprache inzwischen gelernt?

Hmm? Guten Tag.

Guten Tag. Wir haben nur 40 Minuten Zeit, wir fangen besser gleich an. Was haben Sie gestern gefrühstückt?

Misosuppe mit Reis, warum?

Stings gelangweilter Gesichtsausdruck geht in einen sehr gelangweilten Ausdruck über.

Sie wurden vergangene Woche von der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“ mit den Worten zitiert: „Wenn ich nicht gut esse, kann ich nicht singen.“

Ich versuche seit fünf Jahren, mich makrobiotisch zu ernähren: kein Zucker, kein Salz, dafür viel Getreide und Gemüse. Das tut mir gut, mein Stoffwechsel ist in Schwung. Nichts bleibt lange in mir. Ich mag nicht, wenn es in mir sprudelt. Aber ich mache Ausnahmen: Pizza, Eis und Espresso müssen manchmal sein. Das sind meine „guilty pleasures“.

Ihre Welttournee dauert noch bis Ende März 2011. Wie schaffen Sie es, auf Reisen einen solch strengen Ernährungsplan einzuhalten?

Das ist doch einfach. Meine Köchin kümmert sich darum: Sie kauft die entsprechenden frischen Zutaten in der Stadt ein, wo wir gerade Station machen. Heute Morgen war sie zum Beispiel hier in Kopenhagen auf dem Markt. Vor einer Show brauche ich ein kleines Stück Fisch, wegen der Proteine.

Nach einem Konzert schlagen Sie richtig zu?

Im Gegenteil. Dann verzichte ich ganz aufs Essen und trinke ein schönes Glas Rotwein.

Wie haben Sie Ihre Köchin entdeckt?

Sie stammt aus Neuseeland, ist eine echte Missionarin und hat schon für Paul gearbeitet.

Paul?

Paul McCartney.

Sie haben vor kurzem in der Toskana einen Bioladen eröffnet. Aus missionarischem Eifer?

Nein, auf unserem Hof „Il Palagio“ wird einfach so viel geerntet. Herrliche Auberginen, Tomaten, Salat, Oliven … Das alles verkaufen wir jetzt an die Einheimischen und Touristen. Ist doch gut, wenn Lebensmittel keine langen Wege zurücklegen müssen, bevor sie auf den Tisch kommen. Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich einmal ein Geschäft eröffnen würde.

Prinz Charles ist auch so ein engagierter Biobauer wie Sie. Waren Sie schon auf seinem Hof in Cornwall?

Ja, ich habe ihn dort besucht. Klar kenne ich ihn, Prinz Charles hat ein gutes Herz. Seinen Kritikern, die ihm vorwerfen, seine Produkte seien elitär, kann ich nur sagen: Das Prinzip, das dahinter steckt, ist jedem zugänglich. Er hat recht, wenn er fordert: Es sollte mehr Gärten in Städten geben, wo die Menschen selber Gemüse ziehen können.

Wann haben Sie zuletzt für sich allein etwas gekocht?

Warten Sie … Das war, glaube ich, als Student. Na ja, was man so kochen nennt: Es gab eine Dose Baked Beans auf Toast. Ich war nie ein guter Koch, zum Glück habe ich Leute, die das für mich übernehmen.

Gibt es denn nichts, was Sie selber zubereiten? Ein Butterbrot vielleicht?

Das nicht, aber von Zeit zu Zeit ernte ich meine Oliven. Das Pflücken hat eine geradezu therapeutische Wirkung auf mich. Es ist ausgezeichnet für die Seele – ich fühle mich dann als Teil einer uralten Tradition.

Wenn bald die Sangiovese-Trauben für Ihren Chianti „Sister Moon“ gelesen werden, sind Sie gar nicht da. Bedauern Sie das?

Ich ernte sowieso lieber Oliven. Weintrauben? Das ist mir zu mühsam.

Sie sind zufrieden mit der Qualität des Tropfens?

Er schmeckt nicht schlecht, was daran liegen könnte, dass wir nach den Theorien von Rudolf Steiner vorgehen. Das ist im Prinzip Voodoo, man pflanzt und erntet nach den Mondphasen. Wir produzieren bis zu 50 000 Flaschen.

Schon mal ein Tier getötet, um es danach zu verspeisen?

Ja, ich war mal Vögel schießen. Gleich mit dem ersten Schuss habe ich einen erlegt. Ich habe ihn nach Hause gebracht, wo wir ihn zubereitet und gegessen haben. Na ja, es war eine Erfahrung.

Haben Sie Jonathan Safran Foers Buch „Tiere essen“ gelesen?

Nein.

Rosmarin oder Basilikum?

Basilikum, weil es schöner aussieht.

Orangen- oder Erdbeermarmelade?

Orangenmarmelade! Ich bin Brite!

Auf Ihrem Hof in England halten Sie auch Hühner. Wie lösen Sie das Problem mit den Füchsen?

Wir mussten den Hühnerstall verbarrikadieren. In Italien haben wir dafür Schwierigkeiten mit den cinghiali …

… Entschuldigung, womit bitte?

Sting grunzt.

Schweine?

Sting grunzt lauter.

Wildschweine?

Ja. Mein Wald ist voller Wildschweine. Die sind ganz schön gefährlich, mir jedoch grundsätzlich nicht unsympathisch.

Und warum?

Wie, warum? Weil sie eben wild sind. Ich habe in meinem italienischen Wald beim Spazierengehen auch eine Schlange gesehen. Wunderschön! Fürchten Sie sich etwa vor Schlangen?

Sting verändert zum ersten Mal seine Position. Er nimmt eine kerzengerade Haltung ein. Das Wildschwein- und Schlangenthema erweist sich als nicht besonders ergiebig.

Mr. Sumner, das Hotel, in dem wir uns gerade befinden – es unterscheidet sich sehr von der Absteige, in der Sie 1977 in Paris unterkamen?

Welche Absteige meinen Sie?

Die hinter dem Gare Saint Lazare, wo Sie Ihren ersten Hit „Roxanne“ geschrieben haben sollen.

Ach so. Ja, in der Tat. Im Foyer des Hotels hing ein Plakat der Comédie Française für Cyrano de Bergerac. Die Frau, die Cyrano nicht zurückliebt, heißt Roxanne, draußen vor der Tür boten Frauen ihre Dienste an … so kam eines zum anderen.

Seit 33 Jahren leben Sie mit dem Song.

Damals ahnte ich bereits, dass in Roxanne etwas Einzigartiges steckt – etwas, das originär von mir stammt. Das hat sich bewahrheitet. Schön ist: Das Lied lebt, es ist fast wie eine Kreatur, die ich geschaffen habe. Stell sie in die Vitrine ins Museum, und sie geht ein, bleibt für immer so wie vor 33 Jahren. Roxanne halte ich am Leben, indem ich ihr öfter mal etwas Neues zum Anziehen gebe. Gerade trägt sie die glamouröse Robe eines Symphonieorchesters.

Auf dem ersten Police-Album „Outlandos d’Amour“ klingt Roxanne noch wütend. Heute singen Sie den Song fast eine Oktave tiefer und als Ballade, langsam untermalt von vielen Streichern. Ist Roxanne erschöpft?

Damals war Roxanne ein wütender Song über Eifersucht und Kontrolle. Mittlerweile klingt er fast romantisch, aber nicht müde – und ich entdecke jede Nacht einen neuen Aspekt, mal in der Melodie, mal in der Harmonie.

Die Variationsmöglichkeiten sind endlos?

Ja. Ich verlasse mich darauf, dass mir immer wieder etwas einfällt.

Steven Mercurio und sein Londoner Royal Philharmonic Concert Orchestra auf der Bühne im Rücken – wie erleben Sie diese gewaltige musikalische Energie?

Dieser satte Klang fühlt sich ganz natürlich an. Mir geht es bestens dabei. Mit einem solchen Orchester zu arbeiten, ist eine Riesenehre. Ich habe ja auch den mit Abstand besten Platz auf der Bühne.

Sie stehen ein bisschen vor dem Geschehen, so wie ein stolzer Crooner in Las Vegas. Sie moderieren Songs an und ab, machen Witze, flirten mit dem Publikum …

Wie ein Crooner? Meinen Sie das ernst? Das wollte ich eigentlich vermeiden. Meine Show ist doch nicht so aalglatt wie eine Vegas-Show.

Wie lange haben Sie vor Beginn der Tour mit den Musikern geprobt?

Nur sehr kurz. Das Schöne ist ja: So ein Orchester spielt wie auf Knopfdruck vom Blatt ab. Das geht so viel schneller als mit einer gewissen Band zu arbeiten.

Jetzt sind Sie also der Chef. Genießen Sie, dass damit die Machtfrage – im Gegensatz zu der Zeit mit The Police – eindeutig geklärt ist?

Das spielt für mich keine Rolle. Ich bin privilegiert und dankbar.

Sind Sie jetzt auf den Geschmack gekommen? Wollen Sie Musik für Orchester komponieren?

Ja. Das könnte ich mir gut vorstellen, es macht viel Spaß.

Sie haben einmal gesagt, Sie seien erleichtert, dass Sie vor Ihrem 27. Lebensjahr keinen Erfolg hatten. Warum das?

Weil es unglaublich schwierig ist, mit frühem Erfolg klarzukommen. Ich würde sogar sagen, mit frühem Erfolg umzugehen, kann genauso schwer sein, wie totales Versagen verkraften zu müssen. Es bringt einen Haufen Probleme mit sich.

Und welche Probleme meinen Sie?

Michael Jackson hatte nie ein richtiges Leben. Er war ein genialer Performer, konnte aber nie einfach eine Straße entlanggehen, ohne ein Star zu sein. Das ist doch grausam! Ich war Lehrer, ich hatte eine Frau, ein Kind, einen Job, eine Hypothek, die ich abstottern musste. Das hat mich geerdet. Als ich dann berühmt wurde, konnte ich meinen Ruhm ganz objektiv wie durch die Augen einer anderen Person betrachten. Wenn man jedoch direkt von der Schulbank weg berühmt wird, geht das natürlich nicht. Man entwickelt keine Haltung zu sich selbst und wird früher oder später verrückt.

Sie glauben also nicht, dass Sie verrückt sind?

Nein, nicht im Mindesten.

Aber irgendwelche kleinen Neurosen werden Sie ab und zu an sich entdecken, oder?

Wenn mir etwas in diese Richtung auffällt, dann halte ich mir einfach vor Augen, wo ich herkomme.

Sie sind in Newcastle, Nordengland, als Sohn eines Milchmanns aufgewachsen. Die Ehe Ihrer Eltern war sehr unglücklich, bei Ihnen zu Hause herrschte eine beklemmende Atmosphäre. Das schreiben Sie in Ihrer Autobiografie „Broken Music“.

Hmm.

Wann saßen Sie zuletzt mit Ihren sechs Kindern um einen Tisch?

Ob Sie es glauben oder nicht: Vor zwei Wochen in der Toskana. Alle haben noch ihre Freundinnen und Freunde mitgebracht. Wir waren, glaube ich, so um die 30 Leute. Ich habe den Abend sehr genossen.

Ihre 20-jährige Tochter Coco hat eine Band namens „I blåme Coco“. In einem ihrer Liedtexte heißt es: „Forget my dad, you need to hear my band“. Singen Sie zusammen?

Ich bin sehr stolz auf sie, doch ich kann die Songs meiner Tochter nicht singen. Wir stimmen höchstens mal „Message In A Bottle“ zusammen an.

Die alten Hits ziehen immer noch am besten. Glauben Sie, dass Sie nach den Experimenten mit Barockmusik, Laute und Symphonieorchester irgendwann noch ein Popalbum aufnehmen werden?

Ach, ich werde von meiner Neugier und meinem Instinkt gelenkt. Im Moment tue ich genau das, was ich will. Wenn ich irgendwann spüre, dass ich ein Popalbum machen will, dann tu ich das halt. Ich weiß noch nicht, was ich als Nächstes vorhabe. Außer, dass ich bis März auf dieser Tour sein werde. Danach kümmere ich mich erst mal um meine Weintrauben.

Sie sagten neulich einmal verächtlich, Rockmusik werde inzwischen angebetet wie eine heilige Kuh.

Ja, ich finde es unmöglich, Rock ’n’ Roll als Religion zu betrachten. Wer legt denn fest, was Rock ist und was nicht? Dieses Konzept ist mir zu starr. Früher bedeutete Rock einfach, sich alle Freiheiten zu nehmen. Heute ist das anders. Aber es ist wahrscheinlich menschlich, etwas, das uns gefällt, in eine Schublade zu stecken – damit es so bleibt, wie es ist. Indem du etwas einen Namen gibst, kontrollierst du es.

Ihr Name wird für alle Zeit „Sting“ sein: Stachel. Bereuen Sie es, dass Sie in Ihrem ersten Leben diesen schwarz-gelb gestreiften Pullover trugen und damit wie eine Wespe aussahen?

Nein. Ich bereue gar nichts. Weil ich sehr glücklich bin. Es ist doch so: Du drehst an einem winzigen Rädchen, und alles wäre womöglich ganz anders gekommen, als es jetzt ist. Nein, da lasse ich die Finger von.

Stellen Sie sich nur mal vor, Ihr erster Spitzname hätte sich durchgesetzt …

Mein erster Spitzname?

In der Schule hat man Sie doch „Lurch“ genannt, nach dem tollpatschigen Butler der „Addam’s Family“?

Ich hätte wohl ebenso gut Lurch heißen können.

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