Sonntagsinterview : „Meine Beerdigung ist schon bezahlt“

Sarkozy auf dem Egotrip, Strauss-Kahn nicht mehr wählbar, in Paris regiert Inzucht: Alfred Grosser zur Lage der Grande Nation – und warum er seinen Vornamen hasst

von und Interview: Jens Mühling
Alfred Grosser.
Alfred Grosser.Foto: picture-alliance/ dpa

Herr Grosser, am Donnerstag feiern die Franzosen ihren Nationalfeiertag. Als Motto für das Jahr des Strauss-Kahn-Skandals schlägt die „Bild“-Zeitung vor: Liberté, Egalité, Sexualité.

Maßlos übertrieben! Strauss-Kahn ist nicht Frankreich, er ist ein besonderer Fall. Der Mann sollte sich psychiatrisch behandeln lassen. Selbst wenn der Sex mit dem Zimmermädchen einvernehmlich war, zeugt es doch von Zwanghaftigkeit, wenn jemand in seiner Position nicht widerstehen kann.

Die Journalistin Tristane Banon hat Strauss-Kahn ebenfalls wegen Vergewaltigung angezeigt, auch andere Frauen berichten von Zudringlichkeiten. Warum kommt das erst jetzt ans Licht? Lässt man Politikern in Frankreich zu viel durchgehen?

Vielleicht. Aber ich finde es richtig, dass Politisches und Privates hier stärker getrennt werden als in Amerika, wo Politiker ihre Laufbahn beenden müssen, nur, weil sie ihrer Frau untreu waren. Politisch brisant wird es doch erst, wenn ein Verteidigungsminister mit einer Spionin schläft.

Angeklagt ist Strauss-Kahn nicht wegen Untreue, sondern wegen eines Verbrechens.

Wenn ein Politiker Frauen vergewaltigt, hat das natürlich politische Bedeutung. Seit dem Skandal hat in Frankreich die Verachtung für Politiker zugenommen, was aber nur am Rande mit Sex zu tun hat. Entscheidender war, dass deutlich wurde, wie reich Strauss-Kahn ist. Die teure Wohnung, die Kaution – und das als Sozialist!

Hätten Sie Strauss-Kahn gewählt?

Wenn diese Geschichte nicht gewesen wäre – ja.

Bis 1992 haben Sie Politologie an der Pariser Elitehochschule Sciences Po gelehrt. Da hat Strauss-Kahn studiert. Und Nicolas Sarkozy. Und viele andere, die in Frankreich etwas zu sagen haben. Die haben ihr Handwerk alle bei Ihnen gelernt!

Wenn sie alle meine Vorlesungen besucht hätten, wäre Frankreich bestimmt ein besseres Land! Leider geraten Studenten nicht immer, wie man sich das wünscht. Ich unterhalte auch keine Beziehungen zu meinen ehemaligen Schülern, ich habe mich nie als Teil des politischen Milieus gefühlt.

Ist es gut für ein Land, wenn der halbe Politikbetrieb von der gleichen Uni kommt?

Nein, und Deutschland kann froh sein, dass es keine Hauptstadt wie Paris hat. Hier herrscht Inzucht – ein Wort, für das es keine gute französische Übersetzung gibt. In Paris stecken Politiker, Kulturschaffende und Journalisten unter einer Decke. Die Presse geht oft zu vorsichtig mit Politikern um, aus Angst, Quellen zu verlieren. Ich fand es immer gut, dass es in Deutschland nicht so ein Monopol gibt. Es gibt Berlin, aber auch Stuttgart und Hamburg.

Deshalb riecht Politik in Deutschland auch immer etwas provinziell. Dagegen Sarkozys Auftritte …

Hören Sie auf! Auf die kann ich verzichten. Er ist der erste französische Staatschef, den ich absolut nicht schätzen kann. Selbst Georges Pompidou, mit dem mich wenig verband, war ein hochkultivierter Mann, während Sarkozy Kultiviertheit nur vortäuscht. Er ist ständig auf dem Egotrip, will sich um alles kümmern, setzt überall seine Leute ein. Ich muss immer an dieses Bild vom G-20-Gipfel denken: Alle Regierenden stehen brav nebeneinander, die Hände an der Hose, nur Sarkozy drängt sich vor, als seien das im Hintergrund seine 19 Lakaien. Dieser ständige Geltungsdrang!

Den sagt man kleinen Männern ja gerne nach.

Stimmt, Napoleon war auch so. Das muss man Sarkozy lassen: Bisher hat er Frankreich weniger Katastrophen eingehandelt als Napoleon.

Wird er 2012 wiedergewählt?

Ich glaube ja. Die Linke ist zersplittert, der sozialistische Gegenkandidat könnte schon in der ersten Runde ausscheiden. Dann liefe es auf eine Wahl zwischen Sarkozy und Marine Le Pen hinaus …

… die Tochter von Jean-Marie Le Pen, Kandidatin der rechten Front National. Wen wählen eigentlich die jungen Migranten in den Pariser Vorstädten?

Sicher nicht Sarkozy, dessen Innenminister Claude Guéant die idiotischsten Dummheiten verbreitet – zum Beispiel, dass Migrantenkinder in der Schule versagen, weil sie keine Kultur haben. Wer, wenn nicht die Schulen, soll Bildungsnachteile ausgleichen? Kürzlich kam der lächerliche Vorschlag, Straffälligen die Staatsbürgerschaft zu entziehen, wenn sie zum Tatzeitpunkt noch keine zehn Jahre Franzosen sind. Gegenvorschlag: Wir entziehen allen den Pass, die ihr Geld in der Schweiz anlegen – die schaden dem Land mehr als jeder Ladendieb.

Sind das nicht nur Parolen, mit denen Sarkozy Le-Pen-Wähler gewinnen will?

Ausbaden müssen es die Migranten. Für viele bedeutet die Regierungspolitik, dass sie arbeitslos bleiben, dass sie ständig von der Polizei durchsucht werden. Zwei meiner Söhne haben immer, wenn sie nachts mit der U-Bahn zu Partys fuhren, Krawatten angezogen. Weil die Polizisten sie dann in Ruhe ließen. Es ist eine ständige Diskriminierung.

Auch Sie sind als Flüchtling nach Frankreich gekommen, 1933 floh Ihre Familie aus Deutschland. Können Sie sich an das Frankfurt Ihrer Kindheit erinnern?

Ich weiß noch, dass die Trambahn 3 zum Brentano-Schwimmbad fuhr, dass wir oft im Palmengarten spazieren gingen, und dass man auf dem Main Schlittschuh laufen konnte. Außerdem kann ich noch Hitler-Lieder auswendig: Als die gold’ne Abendsonne, sandte ihren letzten Schein, zog ein Regiment von Hitler, in ein kleines Städtlein ein. An eine Zeile erinnere ich mich nicht, die kam erst später dazu: Wenn Judenblut vom Messer spritzt …

Haben Ihre Eltern Ihnen erklärt, warum Sie Frankfurt verlassen mussten?

Natürlich, weil wir Juden waren. Mein Vater leitete in Frankfurt eine Kinderklinik und engagierte sich in der SPD und bei den Liberalen. Wir Kinder bekamen mit, dass er plötzlich überall rausgeworfen wurde. Ich selbst wurde als Judenkind geschlagen. Den Weggang nach Paris fand ich allerdings nicht bedrückend, sondern sehr abenteuerlich.

Bloß konnten Sie in Paris nicht lange bleiben ...

Als 1940 die Deutschen einrückten, war mein Vater schon tot, er war kurz nach der Ankunft in Frankreich gestorben. Ich war 15, meine Mutter setzte mich und meine Schwester auf Fahrräder, wir radelten etwa 500 Kilometer weit, bis Limoges. Was da alles auf den Straßen unterwegs war! Pferde, Fahrräder, alte Autos, alle flohen gen Süden.

Ihre Schwester überlebte die Flucht nicht.

Sie starb 1941 an einer Blutvergiftung, die sie sich beim Radfahren zugezogen hatte. Eine Spritze Penicillin hätte sie gerettet, aber es gab keins. Ich selbst hatte Glück. Eigentlich wollte ich zu den Widerstandsgruppen, die im Vercors-Gebirge kämpften. Ein Verbindungsmann sollte mich hinbringen, ich verpasste ihn, deshalb bin ich noch am Leben – alle, die dort kämpften, wurden getötet. Später lebte ich mit gefälschten Papieren in Marseille, ich unterrichtete an einer katholischen Schule.

Welche Fächer?

Alle außer Deutsch, das stand nicht auf dem Lehrplan. Wenn ich in die Stadt musste, verkleidete ich mich als Priester, ich trug eine schwarze Soutane. Es ist ein Wunder, dass ich nie ertappt wurde.

Sie müssen die Deutschen gehasst haben. Trotzdem engagierten Sie sich nach dem Krieg für die deutsch-französische Verständigung.

Hass liegt mir fern. Ich erinnere mich, 1944, nach der Befreiung von Marseille, lernte ich einen jungen deutschen Kriegsgefangenen kennen. Er sprach sehr offen, weil er mich für einen Deutschen hielt – ich beherrschte beide Sprachen akzentfrei. Er erzählte von der Front, und ich stellte fest, dass er wirklich nichts von Hitlers Gräueltaten wusste.

Die Vertreibung aus Frankfurt konnten Sie vergeben?

1947, bei einer Informationsreise durch die drei Westzonen, besuchte ich auch Frankfurt. Der Ärztekammer warf ich vor, dass sie meinem Vater nicht beigestanden hatte. Aber ich lernte auch den wunderbaren neuen Bürgermeister kennen, Walter Kolb, der in Buchenwald gesessen hatte. Diesen Aspekt habe ich später immer betont: Deutsche und Franzosen haben gemeinsam unter Hitler gelitten und gemeinsam gegen Hitler gekämpft.

Sie haben einmal ironisch gefordert, den Karlspreis für europäische Einigung an Stalin zu verleihen, weil die Furcht vor ihm Europa zusammenschweißte. In diesem Sinn hat auch Deutschland Europa geeint.

Das Wunderbare war, dass die Furcht vor Deutschland nach dem Krieg überwunden wurde, dass man Deutschland nicht isolierte. Dafür kämpfte ich.

War es schwer, gegenseitige Vorurteile abzubauen?

Begegnungen halfen. Beim Schüleraustausch in den 50er Jahren glaubten die Franzosen noch, Deutschland sei furchtbar autoritär. Dann schrieben die Schüler nach Hause: In den deutschen Klassen herrscht totale Unordnung, die Schüler stellen Fragen, wann sie wollen! Die Deutschen wiederum hatten vom französischen Chaos gehört und waren baff, wie autoritär es in den Schulen zuging.

Sie sind seit mehr als sechs Jahrzehnten politisch aktiv. Warum sind Sie nie einer Partei beigetreten?

Weil ich frei reden möchte.

Manchmal hat man den Eindruck, dass Sie sich einfach ungern festlegen.

Da protestiere ich energisch! Wo sollte ich mich moralisch nicht festgelegt haben?

Jedenfalls gefällt es Ihnen, vor unterschiedlichem Publikum unterschiedliche Positionen einzunehmen.

Man muss immer für den sprechen, der nicht da ist, man muss dem Publikum klarmachen, dass auch der andere eine berechtigte Meinung hat. Das heißt nicht, dass ich keine eigene Meinung hätte. Ich verstehe mich als Moralpädagoge.

Was bitte tut ein Moralpädagoge?

Ein Beispiel: In Deutschland sprach ich einmal an aufeinanderfolgenden Tagen vor dem Deutschen Gewerkschaftsbund und vor katholischen Geistlichen über Erinnerungen an den Kriegsbeginn. Ich hätte nun den Gewerkschaftlern erzählen können, wie böse 1933 die Bischöfe waren, und den Katholiken, was die Gewerkschaften Schlimmes getan haben. Das wäre demagogisch gewesen. Als Pädagoge tat ich das Gegenteil: Ich konfrontierte beide Gruppen mit ihrer eigenen Vergangenheit.

Bestimmt haben Sie dabei genau so süffisant gelächelt, wie Sie es jetzt tun. Kann man Sie eigentlich überhaupt nicht wütend machen?

Schwer. Ich bin intellektuell pessimistisch und genetisch Optimist. Meine Gene versagen nur selten.

Im Fall Israel zum Beispiel.

Da sehe ich wirklich keinen Grund zu Optimismus.

Sie meinen, der Konflikt ist nicht zu beenden?

Außer katastrophal für Israel. Gewaltanwendung ist nicht die Lösung, sondern das Problem. Das ist schon Napoleon vorgeworfen worden: Man kann nicht alles mit Bajonetten erreichen.

Warum liegt Ihnen Israel überhaupt am Herzen?

Meine Großeltern waren jüdisch, meine Eltern auch, deshalb interessieren mich Israels Fehler mehr als die eines afrikanischen Landes. Außerdem beleidigt das Leid der Palästinenser die Grundwerte des Judentums und des Christentums. Es sei denn, man geht davon aus, das erwählte Volk habe ein Recht, andere zu unterdrücken.

Der Publizist Henryk M. Broder schreibt, Ihre Israelkritik sei „die moderne Variante des Klassikers, am Antisemitismus seien die Juden schuld“.

Nicht meine Kritik ist rassistisch, sondern die israelische Politik. Die Palästinenser werden verachtet und misshandelt, weil sie Palästinenser sind.

Was hätte der Moralpädagoge Alfred Grosser einem palästinensischen Publikum zu sagen?

Eine Menge. Dass die Hamas böse ist. Dass man auch sehen muss, warum die israelischen Reaktionen sind, wie sie sind. Dass es kein Recht auf Heimat für Palästinenser gibt, die nie vertrieben wurden. Ähnlich absurde Ansprüche gibt es übrigens auch in Deutschland, wo die Enkel von Vertriebenen rechtlich immer noch als Vertriebene gelten.

Broder schreibt weiter, Sie hätten zu Israel gar nichts zu sagen, weil Sie „katholisch erzogen“ seien.

Ich habe sogar meine Bar-Mizwa gemacht! Allerdings nur, weil meine Mutter es wollte. Ich bin nicht gläubig. Allerdings bin ich in meinem Atheismus sehr christlich beeinflusst, da hat Broder recht. Ich sage immer: Es ist eine schöne Religion, noch schöner wäre sie nur, wenn sie wahr wäre.

Wünschten Sie, sie wäre wahr?

Das nicht, nein. Aber es ist wunderbar, dass Christen handeln, wie sie handeln. Und es gibt kaum eine andere Religion, die als Gott einen leidenden Menschen verehrt, nicht eine triumphale Figur.

Ihre vier Söhne tragen äußerst christliche Namen: Jean, Pierre, Marc und Paul.

Das liegt vor allem daran, dass ich meinen eigenen Vornamen hasse. Auf Deutsch geht es ja noch, aber auf Französisch? Alfräd. Klingt wie ein Zuhälter. Oder ein Friseur. In Frankreich gibt es einen Comic, der heißt „Zig et Puce et le pingouin Alfred“.

Ist doch nicht ehrenrührig, wie ein Pinguin zu heißen.

Aber meinen Söhnen wollte ich das ersparen. Auch wenn bei ihren Namen alle sagen: Da fehlen ja nur noch Lukas und Matthäus.

Wenn Ihnen das Christentum so nahe ist, was hält Sie davon ab, Christ zu sein?

Der Glaube! Gott ist eine Erfindung der Menschen. Jahrhundertelang glaubte man an einen grausamen Gott, heute ist er gütig. Was hat sich nun verändert: Gott oder das Bild, das man sich von ihm macht?

Vielleicht macht man sich jetzt das richtige Bild.

Und im nächsten Jahrhundert ist es wieder anders.

Es liegt an Ihnen, das zu verhindern.

Deshalb mache ich ja mit in der Kirche. Als Atheist bin ich im französischen Katholizismus ein akzeptierter Mitstreiter von außen. Meine Frau, mit der ich nach 52 Jahren Ehe noch immer im Honigmond stehe, ist in den 70er Jahren sehr gläubig geworden, so habe ich wunderbare Geistliche kennengelernt. Der engste unter diesen Vertrauten wird meine Totenmesse halten. Er wird sagen, dass ich den Christen nahestand, aber Atheist war.

Sie planen Ihre eigene Beerdigung?

Bezahlt ist sie schon. Meine Frau war gegen Einäscherung, also komme ich unter die Erde. Die Telefonnummer des Bestatters trage ich immer bei mir – wenn ich sterbe, muss man da bloß anrufen, dann geht alles seinen Gang.

Macht Sie das nicht traurig, Vorkehrungen für den letzten Weg zu treffen?

Gar nicht. Ich halte es mit Epikur: Wenn ich bin, ist der Tod nicht, wenn der Tod ist, bin ich nicht. So einfach ist das. Nur eins stört mich am Sterben.

Dass Sie die Trauerrede nicht selbst halten können?

Dass ich mich nicht über die Nachrufe ärgern kann.

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