Zeitung Heute : Sophisticated Lady

MANUEL BRUG

Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis spielen BeethovenVON MANUEL BRUGWenn Anne-Sophie Mutters Musik- und Medien-Maschinerie startet, dann ist das inzwischen nicht nur beeindruckend, sondernd in seiner perfekten Handhabung auch beängstigend.Kaum ein Klassik-Star, vor allem nicht in Deutschland, ihrem Kerngebiet, der ähnlich umworben, ge- und verkauft wird.Beim Häppchen-Sender Klassik-Radio läuft ihre jüngste Penderecki-CD - dort wahrscheinlich als erstes Stück zeitgenössischer Musik - auf heavy rotation.Interviews und Portraits vorab werden aus dem eigenen Büro in München-Bogenhausen koordiniert und überwacht.Bildvorlagen sind vorgegeben, zum international in 30 Städten durchgezogen Beethoven-Zyklus wird in Eigenregie eine edle Pressemappe samt CD-Rom verschickt.Darin gibt es Frau Mutter mit Beethoven aus verschiedenen Blickwinkeln und Materialen, aus Gips, Bronze und als Totenmaske face to face zu bewundern. Wie da mit einem Edel-Image, pur, geradlinig, leistungsbewußt, gespielt wird, das eigene Abbild ein wichtiger, genau kalkulierter Teil der Message ist, als Vergleich fällt hierzulande nur noch Jil Sander ein.Beides Unternehmerinnen, Self-made-Karrierefrauen, hochpreisig - auch ein wenig unnahbar.Ein Hauch von Hollywood, dezenter Glamour mit genau justierten Scheinwerfern im Konzert, festgelegten Farben für die anschließend überreichten Blumensträuße, ist immer dabei.Das Startkonzert für Beethoven hierzulande war jedenfalls in München ein gesellschaftlich heißumkämpftes Bussi-Benefiz mit anschließender Trachtenpuppen-Versteigerung."Bild", sonst gerne nackten Tatsachen zugeneigt, rätselte schon vorab um angezogene: welche Farbe die Dior-Robe denn diesmal wohl habe? Und nach vollzogenem Saiten-Sprung stellte sogar die Schauspierin Veronika Ferres fest: "Das ist wirklich hohe Kunst." In der Berliner Philharmonie, da wo nach dem ersten Salzburger Auftritt vor zwanzig Jahren alles unter Karajans Schatten begann, ist solches dann schnell vergessen.Dann zählt nur noch der Augenblick, der musikalische.Anne-Sophie Mutter stellt sich, bereit für jedes Abenteuer.Anders als bei ihren letzten Berliner Auftritten wirkt sie, hinreißend in fließendem Silberlamée, gelöst, heiter und doch hochkonzentriert.Kein in Metall gegossener Interpretationsabzug folgt und auch kein Überdruck-Überschlag als Wille zur Gestaltung um jeden Preis.Ein wunderbar spontanes, spitzes, schlagfertiges, dann wieder beschauliches Dialogisieren hebt da für zwei Stunden an, staunenswert sicher, frei phrasierend, jede technische Hürde hinter sich lassend, nur Kür und doch nie allein um Schauwerte bedacht.Eine integre, intelligente Überprüfung von Notentext und der Umgang damit, stellenweise sogar swingend, sophisticated, klug, gut und witzig.Vergnügen und Meisterschaft.Ein großer, ganz intimer Abend. Was auch daran liegen mag, das Mutters langjähriger Begleiter Lambert Orkis endlich einmal nicht nur wie - na eben - der Mann am Klavier wirkt, deutlich nur zweite Geige spielen darf, sondern nachdrücklich in den Vordergrund rückt.Woran nicht nur Ludwig van Beethoven Schuld trägt, der seine Sonaten ausdrücklich als für "Klavier und Geige" auszeichnete, nicht andersherum.So dominierte vor allem vor der Pause, in der frühen Trias des Opus 12, nicht selten der Flügel. Mutter und Orkis fanden in diesen unverständlich selten gespielten Sonaten sofort einen gemeinsamen Tonfall, spielten sich die Bälle zu.Da wurde markant rhythmisiert, die Harmonik der Dreiklangbrechungen immer wieder neu ausgeleuchtet, die knappen Durchführungen analytisch durchforstet.Anne Sophie Mutter verzögert reizvoll, testet ihr beherrschtes Vibrato, hat vor allem in den farbig auf- und ausgebauten Variationen des Binnensatzes der Nr.1 immer neue, überraschende Trillervarianten, von zart bis kraftvoll, verhuscht bis gestählt in petto.Diese Musik, Experimentierfeld in vorgefundener Form, doch auch schon Neuland erkundend, wird nie neckisch für zu leicht befunden und als bessere Salonmusik weggespielt; beide setzen sich mit Vehemenz, aber ohne expressives Wüten für die vollgültigen Sonatenerstlinge ein. Licht und Schatten, so gibt es das Stück vor, im eingedunkelten Opus 23, wo wie meistens, zweiter und dritter Satz attacca genommen werden.Schöne, freudvolle Melodik dann in der Frühlingssonate, ein Auf- und Ausatmen, herrlich dolce im Adagio ausgesungen, fadenfeine Staccati im Scherzo streuend, noch einmal im Rondo-Finale resümierend mit Kraft und Überredungskunst. Anne-Sophie Mutter: edle Verpackung, deren Inhalt beeindruckend standhält.S-Klasse eben, die kein Elchtest umhaut, auch nicht eine ganze Beethoven-Halbzeit (fünf von zehn Sonaten) an einem Abend.Bleibt nur noch übrig, eine Empfehlung für die anderen beiden Konzerte auszusprechen. Termine: 17.und 22.Februar, jeweils 20 Uhr, in der Philharmonie.

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