Zeitung Heute : Sorge dich nicht, töte!

CHRISTOPH FUNKE

Kinder der Grausamkeit: "Das große Heft" als TheaterstückVON CHRISTOPH FUNKEDas allmähliche Heranführen des Menschen an eine große, edle Bestimmung ist in Agota Kristofs Roman "Das große Heft" eine längst vergessene Maßnahme aus nicht mehr ergründbarer Vorzeit.Humanistische Pädagogik jeder nur denkbaren Spielart wird zurückgenommen.Erziehung meint nun Hineinfinden ins Zweckmäßige, Brauchbare.Geübt werden Fähigkeiten, die das Überleben in schlimmen Zeiten ermöglichen.Als alleiniger Maßstab gilt das genaue Erfassen des Tatsächlichen, Gefühle sind "nicht gut".Nur die materiellen Daseinsbedingungen zählen, so wie sie der Alltag liefert. Abgehandelt wird das wie in einem physikalischen Versuch an der Geschichte eines Zwillingspärchens.Die beiden Jungen, Kinder noch und zugleich von durchaus erwachsener Intelligenz, kommen in kriegerischen Zeiten aus der Stadt aufs Land, zur Großmutter.Sie erziehen sich selbst, machen ein System von "Übungen" durch, härten sich ab, körperlich und seelisch.Die menschliche Geschichte der Grausamkeit, des Egoismus, der rüden Sinnlichkeit beobachten die Zwillinge gleichsam im Schnelldurchlauf.Was ihnen an Einsichten zuwächst, vermerken sie im "großen Heft".Lehrer und Lernende zugleich, bilden die Knaben/Erwachsenen vor allem die Fähigkeit zum Töten aus.Sie helfen der Großmutter in die andere Welt, präparieren das Skelett der durch eine Granate mit ihrem Baby getöteten Mutter, schicken den Vater an der Grenze, beim Verlassen des Landes, auf eine Mine. Das Theater zum Westlichen Stadthirschen hat den Roman der seit 1956 in der Schweiz lebenden Ungarin Agota Kristof (Jahrgang 1935) in eine Spielfassung gebracht.Und dabei erweist sich, wie nachdenklich, wie verzweifelt, wie aufgewühlt der scheinbar so sachliche, lakonische Bericht von der "Ertüchtigung" des Zwillingspärchens ist.Drei Schauspieler, zwei Schauspielerinnen erzählen, gehen zögernd in die Rollen hinein, finden wieder zum Erzählen zurück.Nur mit großer Vorsicht bauen die Spieler Szenen auf, meiden Anschauliches.Sie bleiben Kommentatoren, Auskunftgebende im Sinne eines streng epischen Theaters.Gespanntheit bestimmt das Spiel, aus dem alles Zufällige wie weggebrannt ist.Klug und sicher hat Erick Aufderheyde im äußerst sparsamen, nur von der Bewegung grauer Wände bestimmten Bühnenbild (Isolde Wittke) den Bericht der Zwillinge choreographisch gesteuert, mit einer behutsamen musikalischen Begleitung durch Peter Haas und Arik Hayut. Es gelingt den Spielern, einen seltsam sachlichen, hermetisch verschlossenen Raum für die Geschichte der Agota Kristof zu schaffen.Und der Text, getrennt in Beschreibung und direkte Aussage, offenbart dabei seine Tiefendimension.Agota Kristof schrieb, eigene Erfahrung zugrundelegend, eine unnachsichtig böse Menschen-Geschichte aus diesem Jahrhundert.Daß sie jede Hoffnung verweigert, zieht die Aufführung behutsam in Zweifel, und bleibt doch der Härte der Schilderung nichts schuldig. Theater zum Westlichen Stadthirschen, Fr.bis Mo., 20 Uhr.

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