Sorgerecht : Vaters Trauer

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Vor ein paar Tagen wurde ein Grundsatzurteil gefällt: Ledigen Vätern wird es bald leichter gemacht, ein Sorgerecht für ihre Kinder zu erhalten. In den Tagen darauf kommentierten fast alle Zeitungen dieses Urteil. Die einen begrüßten es, die anderen übten Kritik. Aber es schrieben, in allen Blättern, die ich aufschlug, Frauen. Das fand ich seltsam. Vatersein ist doch eher ein Männerthema.

Ein Bekannter hat vor zehn Jahren eine Frau kennengelernt. Schon nach ein paar Wochen war sie schwanger. Er wollte nicht heiraten, wollte keine feste Beziehung, am Anfang wollte er nicht einmal das Kind. Die Schwangerschaft kam ihm wie Erpressung vor. Ihr kam sein Rückzug wie Verrat vor. Nach und nach änderte er seine Meinung, das Kind betreffend. Er begann, sich auf seine Vaterschaft zu freuen. Aber da herrschte schon Krieg.

Er durfte seine Tochter alle zwei Wochen sehen. Um das zu erreichen, musste er klagen. Natürlich zahlt er Unterhalt. Eine Weile arbeitete er in Dubai, er flog alle zwei Wochen nach Deutschland, für dieses Treffen. Ungefähr jedes zweite Mal klingelte er vergeblich, dann hieß es, die Tochter sei krank, oder wolle ihn nicht sehen. Einige Male half ihm eine Frau vom Jugendamt, sprach lange mit der Mutter, und er durfte seine Tochter dann doch treffen, die keineswegs krank war. Manchmal reichte es nur zu einer kurzen Begegnung im Treppenhaus. Seine Briefe an die Tochter und seine Geburtstagsgeschenke warf die Mutter weg. Die Tochter durfte kein Foto ihres Vaters besitzen. Das Recht, mit ihr zu telefonieren, ein Mal pro Woche, erkämpfte er vor Gericht, er nahm sich eine bekannte, sehr teure Anwältin, eine profilierte Feministin, das hielt er für einen klugen Schachzug. Die Mutter darf am Telefon mithören.

Weil im totalen Krieg jede Waffe zum Einsatz kommt, tauchte irgendwann auch der Missbrauchsvorwurf auf. Gutachten, Gegengutachten, Vernehmung des Mädchens, sicher, er wurde freigesprochen, aber das, sagt er, ist die schlimmste Demütigung meines Lebens gewesen, dieses Verfahren. Und es bleibt immer etwas hängen. Seitdem durfte er die Tochter nur noch unter Aufsicht treffen, eine Stunde alle zwei Wochen, es war ständig jemand vom Jugendamt dabei.

Nachdem ich von dem Grundsatzurteil gehört hatte, wollte ich ihm gratulieren. Er hatte seine Tochter lange nicht gesehen, über ein Jahr. Ich habe aufgegeben, sagte er. Ich konnte nicht mehr, auch finanziell. Die Reisen, die Anwälte, jedes Mal diese Angst, vor jedem Treffen, wie finde ich in der kurzen Zeit einen Draht zu dem Mädchen, wie lockere ich die Situation auf. Für mich kommt das Urteil zu spät, sagte er. Ich warte, bis meine Tochter volljährig ist, dann kann ich mit ihr reden. Falls sie mich nicht hasst.

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