Zeitung Heute : SOS auf hoher See

Frank Jansen

Flugzeuge als Waffen, Menschen als Bomben – diese Ausformungen des Terrorismus sind bedrohlicher Teil des Alltags geworden. Was muss passieren, damit Schiffe nicht zu Werkzeugen von Terroristen werden?

Die Gefahr wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Das Risiko terroristischer Angriffe auf Schiffe und Häfen ist nur selten ein Thema – obwohl die Szenarien der Sicherheitsexperten Schäden befürchten lassen, die über das Ausmaß des 11. September hinausgehen könnten. Ein Beispiel: Sollte es Terroristen gelingen, einen mit tausenden Tonnen Flüssiggas beladenen Tanker zu kidnappen, in eine Hafenstadt zu steuern und ihn dann zu sprengen, gäbe es Zerstörungen wie nach der Explosion einer Atombombe.

Diese Horrorvision ist allerdings nur eine von vielen denkbaren Terrorattacken, die von See ausgehen könnten. Und es geht nicht nur um Theorie: Im Oktober 2002 griffen Selbstmordattentäter Al Qaidas mit sprengstoffgefüllten, Motorbooten vor der Küste Jemens Schiffe an. Erst wurde der französische Tanker „Limburg“ getroffen (ein Seemann starb), sechs Tage später das US- Kriegsschiff „Cole“ (17 Amerikaner wurden getötet). Sicherheitsexperten erinnern auch an die Entführung des italienischen Kreuzfahrtschiffs „Achille Lauro“ im Oktober 1985. Terroristen der Palästinensischen Befreiungsfront (PLF) brachten 450 Urlauber in ihre Gewalt. Der im Rollstuhl sitzende jüdische Amerikaner Leon Klinghoffer wurde erschossen und über Bord geworfen. Auf Druck aus Ägypten gaben die Entführer das Schiff frei.

Die deutschen Sicherheitsbehörden bereiten sich auf den Ernstfall vor. Sollte vor der deutschen Küste eine Fähre oder ein anderes großes Schiff in die Hand von Kidnappern geraten, kämen wahrscheinlich die Spezialeinheit GSG 9 und Kampfschwimmer zum Einsatz, sagt Thomas Striethörster, Leitender Polizeidirektor im Bundesgrenzschutz. Dann berichtet er von Hinweisen, die fatal an die Vorbereitung der Anschläge des 11. September erinnern. Terroristen hätten vermutlich, so Striethörster, das Führen großer Schiffe trainiert. Und dies sei weniger kompliziert, als eine Passagiermaschine zu fliegen. Die Selbstmordpiloten des 11. September hatten bekanntlich monatelang in den USA Flugtrainings absolviert.

Striethörsters Äußerungen ergänzen die Warnungen, Konzepte und Vorschläge, die hunderte Experten Anfang der Woche bei einer Konferenz in Berlin im Auswärtigen Amt diskutiert haben. Dabei ging es um einen Aspekt des befürchteten maritimen Terrorismus: Den Missbrauch des weltweiten Güterverkehrs mit Containern. Die Sorgen sind vielfältig. Terroristen könnten in Containern sich selbst oder Sprengstoff von einem Land in einen anderes schmuggeln. Denkbar wäre auch, dass ein Container zur Bombe umfunktioniert wird und in einem Hafen explodiert. 90 Prozent des Containerverkehrs der Binnenschifffahrt „findet in Deutschland auf dem Rhein statt, der mitten durch Großstädte wie Köln, Düsseldorf und Duisburg führt“, sagt Maria Luise Haferkamp vom Bundesinnenministerium. „Eine gewaltige Explosion würde hier eine Vielzahl von Menschenleben fordern.“

Zur Hysterie neigt Haferkamp nicht. Sie betont, es gäbe keine Erkenntnisse, dass Terroristen Container genutzt haben. Doch Haferkamp und die anderen Konferenzteilnehmer wollen sich nicht von einem bisher unüblichen Terrorangriff überraschen lassen, wie am 11. September. Dieses präventive Denken hat die Internationale Schifffahrtsorganisation (164 Mitgliedstaaten) bereits umgesetzt. 2004 wurde der „ISPS-Code“ eingeführt, ein neuer Standard für die Kontrolle von Schiffen und Häfen. Ein Experte der Europäischen Kommission warnt jedoch auf der Konferenz vor allzu hohen Erwartungen: Das Sicherheitsbewusstsein vieler am Containerverkehr beteiligten Unternehmen sei schlecht.

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