Zeitung Heute : Sowohl als auch, aber nicht zu sehr

PETER HERBSTREUTH

"Musterwohnen", eine Ausstellung in leeren Wohnungen des Hofgartens am GendarmenmarktVON PETER HERBSTREUTHDer Leerstand von Neubauten in der Friedrichstadt animiert die "Developer", mit Zwischennutzungen die Gebäude im Gespräch zu halten.Parties im Penthouse, Galerien im Parterre, Fotosessions auf dem Dachgarten, Flurkunst in Bürotrakten oder, wie jetzt, "Musterwohnen" mit acht Künstlern in den Apartments eines von Max Dudler erbauten Blocks.Bei solcherart Veranstaltungen wird bereits mit der Einladungskarte deutlich, daß die beteiligten Künstler lediglich Bauern im Spiel der Könige sind. Das Immobilienunternehmen Hines, das den Hofgarten am Gendarmenmarkt vermietet, verwaltet weltweit elf Millionen Quadratmeter und gehört zu den größten Besitzern von Immobilienportfolios überhaupt.Noch steht ein Teil der Apartments, Büros und Ladenflächen im Quartier 208 leer.Deshalb hat das Art Consulting Büro Heimer & Döring, das bereits vor einem Jahr mit einer Ausstellung in Zusammenarbeit mit Matt Mullican und davor mit Franz Erhardt Walther leerstehende Funktionsräume in der Friedrichstadt bespielte, auch hier die Initiative ergriffen, um der Leere ein Gesicht zu geben. Die Künstler haben in den Apartments Möbel plaziert, bringen die gutgeschnittenen Räume in ihrem Gebrauchs- und Anschauungswert zur Geltung und nutzen die Chance für ein product-placement in eigener Sache.Art & Language, Siah Armajani, das Atelier van Lieshout, Thomas Grünfeld, Thomas Locher, Richard Merkle, Gerwald Rockenschaub, Heimo Zobernig setzten ihre Werke kühl dem Profantest aus.Aber nur einer antwortet der Situation mit Finten. Thomas Locher wollte sich auf die funktionsbestimmten Kubikmeter seines Raums nicht beschränken und fügte ein Statement des Philosophen Lévinas zur Idee des Unendlichen hinzu.Das Unverrechenbare sollte in dem auf Effizienz durchkalkulierten Raum wenigstens angemerkt werden.Darüberhinaus zeichnete er eine Tür auf eine schwarzgemalte Querwand und beschriftete sie mit Aussagen über Relationen: Alle Entscheidungen würden unter einsehbaren Voraussetzungen getroffen, seien aber letztlich nicht begründbar, heißt es da.Damit hat Locher sowohl einen Kommentar zur Ausstellung wie zur eigenen Arbeit abgegeben.Denn in diesem Zwischenreich siedelt sein Werk.Wer es als Vorstellungsraum wie ein geistiges Gebiet bewohnen will, gesellt sich zu Eingeweihten.Das ist "Musterwohnen" eigener Art und um Welten entfernt von allen anderen Beteiligten. Die Ausstellung favorisiert das Reich der Brauchbarkeit.So sagt Siah Armajani gegen die von Kant bestimmten Traditionen, Kunst sei dann gut, wenn sie zweckmäßig ist.In einem Apartmenthaus ist eine solche Aussage der Offenbarungseid einer künstlerischen Position.Das Werk läßt sich vom Möbeldesign nicht mehr unterscheiden.Armajani stellt einen "Stuhl für Martin Gropius" in den Raum.Die Vorderseite dient zum Sitzen, die Rückseite als Regal.Daneben postiert er eine Vase.Damit ist dem Gebrauch und der Anschauung Genüge getan.Die Devise heißt: sowohl - als auch, aber nicht zu sehr.Dem schließen sich die übrigen Künstler an,mal witzig mit einem "modularen Multifrauenbett" wie das Atelier van Lieshout, mal ironisch mit geformten Vorhängen wie Heimo Zobernig, mal didaktisch mit Bildern, die zu Möbelbildern werden, wie Art & Language.Aber außer Locher haben alle das Terrain der Kunst preisgegeben.Im Klartext: Es gibt keinen Grund, Künstlerpreise für Designerware zu bezahlen. Der als innovativ gedachte Vorstoß ging nach hinten los.Man hat sich arrangiert und versucht, ein paar Krümel vom großen Kuchen abzubekommen.Aber im Spiel der Könige muß Kunst ihr Terrain als Eigenwert plausibel machen.Denn Kunst ist eine Dame mit Zicken.Konfliktfreie Objekte entsprechen ihr nicht.Die Schau demonstriert das Tabu, den Gedanken an Zweck-, gar Handlungsfreiheit zu riskieren.Die Künstler haben das Zweitbeste daraus gemacht und ihre selbstverschuldete Ohnmacht ins Bild gesetzt.Was bleibt, regeln die Makler. Hofgarten am Gendarmenmarkt, Behrenstraße 28, 6.Stock; bis 1.Februar.Donnerstag und Freitag 14 - 20 Uhr, Sonnabend und Sonntag 13 - 18 Uhr. 

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