Zeitung Heute : Sozialerlebnis light

BERND GUGGENBERGER

VON BERND GUGGENBERGERDie Begegnungen im Netz offerieren das Soziale streßfrei; ein Sozialgenuß garantiert ohne Reuenarben; das Sozialversprechen ohne die psychologische Lastenbilanz der sozialen Realbegegnung, das Sozialerlebnis light und dosierbar im Internet, statt pur an der Straßenbahnbaltestelle.Nirgends geht es darum, sich selber mit Haut und Haaren einzubringen, es geht auch nicht um gleichberechtigte Teilhabe und die Auseinandersetzung mit Meinung und Absicht der Anderen. Wenn die Kommunikation im Internet sich erfolgreich mit dem partizipatorischen Gestus schmückt, beruht das auf einer optischen Täuschung: In Wahrheit ist es nicht das Ziel, erfolgreich mit Anderen zu kommunizieren und sich mit ihnen gemeinschaftlich zur Lösung von politischen Problemen zusammenzufinden.In den Light- Versionen demokratischer Teilhabe geht es vielmehr darum, Probleme, wie sie sich aus verantwortlicher politischer Einmischung und folgenreichen Sozialkonturen ergeben können, strikt zu vermeiden.Die Attraktivität der Netzbegegnung beruht nicht auf der Erfahrung engagierter Teilhabe, sondern der fast gegenteiligen Gewißheit, sich jederzeit wieder ausklinken zu können, wenn Schwierigkeiten auftreten, wenn es mühsam wird oder langweilig.In der Wirklichkeit muß man Menschen und Situationen aushalten; im Internet klickt man sich weiter, wenn es nicht mehr weitergeht.Wer sich so mühelos, unverbindlich und verantwortungsentlastet ins Bildschirm-Thing der Weltdorfversammlungen einklinkt, kann sich auch jederzeit wieder ausklinken.Wer dagegen eine schlichte politische Versammlung oder eine Podiumsdiskussion besucht, beglaubigt seine auf die Gemeinschaft zielende Ernsthaftigkeit schon dadurch, daß er Sofa und heimischen Herd verläßt und sich physisch an den gemeinsamen Ort begibt.Schon allein der soziale Koordinationsaufwand dieser abgestimmten Bewegungen im Raum gibt allem, was danach gesagt und verhandelt wird, eine eigene Schwere und Bedeutung.Wer zu den anderen geht oder fährt, zeigt an, daß es ihm ernst ist.Dem partizipativen Bildschirmtechtelmechtel fehlt in jeder Phase diese beglaubigende Ernsthaftigkeit.Sich versuchsweise und spielerisch auf die Welt und Wirklichkeit einzulassen ist eine Sache - und gewiß keine, die zu verurteilen oder zu verachten Grund wäre.Sie ersetzt aber keineswegs die Einmischung in die Wirklichkeit unter den Risikobedingungen des Ernstfalls. Der Autor ist Privatdozent am Fachbereich Politik der FU Berlin.

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