Zeitung Heute : Spät, aber doch

HELLMUT KOTSCHENREUTHER

Monteverdis "Marienvesper" mit der Berliner Cappella im SchauspielhausDer italienische Dirigent Fabio Luisi hat das vierte Lebensjahrzehnt zwar noch nicht ganz erreicht, zählt aber schon jetzt zu den begehrtesten Dirigenten seiner Generation.1995 akzeptierte er das Angebot, Chefdirigent des Wiener Tonkünstlerorchesters zu werden, demnächst wird er auch als Chefdirigent des Orchestre de la Suisse Romande amtieren.Seit 1996 ist er zudem einer von den drei Hauptdirigenten des MDR, des Sinfonieorchesters des Mitteldeutschen Rundfunks in Leipzig.Das Gastkonzert dieses Klangkörpers, mit dem Luisi im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt nicht nur Verdi und Berlioz, die beiden Komponisten des Programms, sondern auch das Publikum in seinen Bann zwang, erwies erneut sein Renommee.Das Pianissimo am Beginn zur Ouvertüre der Oper "Die Macht des Schicksals" hat man kaum je so hintergründig-ahnungsvoll gehört; und der Hörer, der es fertig brächte, der Spannung zu widerstehen, die der Dirigent und sein exzellent präpariertes Orchester bei ihrer wirkungsmächtigen musikalischen Inszenierung des Hexensabbats im Finalsatz der "Symphonie fantastique" von Berlioz entfesselten, müßte wohl noch geboren werden.Publikumswirksames Kernstück des Programms war eine Suite aus den "Romanzen", mit denen der junge Verdi sich zu etablieren versuchte.Spät, aber doch fanden sie das Wohlgefallen des großen Klangexperimentators Luciano Berio, der sich ihrer "psychologisierenden" Instrumentierung mit der ganzen Klangphantasie annahm, der er in seinen besten Momenten fähig ist.Acht von diesen Bearbeitungen waren für den russischen Tenor Sergej Larin ein willkommener, mit leidenschaftlicher Intelligenz genutzter Anlaß, seinem Berliner Publikum vorzuführen, was ihm nicht nur an vokaler Substanz, sondern auch an komädianischer Bravour und an medidativer Stille zu Gebote steht.HELLMUT KOTSCHENREUTHER

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