Zeitung Heute : Späte Jagd

Sie warten auf Anrufe, Tag für Tag: Sie suchen Naziverbrecher. Ein verzweifeltes Projekt

Christine-Felice Röhrs

Die Nazijägerin liest. Canetti. Die Blendung. Durch die Backsteinwände dringt das Dröhnen von Druckmaschinen, in einer Tonlage, die Kopfschmerzen macht. Sie wartet. Aber das Telefon klingelt nur ein Mal an diesem Tag. Es ist der Verrückte, er hat schon öfter angerufen. „Juden, ihr werdet verrecken.“

Es ist ein verzweifeltes, kleines Projekt. Schon der Name. Operation Last Chance. Die letzte Chance. Und dann ist es auch merkwürdig körperlos für so eine große Idee: nach 60 Jahren noch Täter aus der Nazizeit zu finden. Da ist ein Tisch in einem Kreuzberger Hinterhofbüro, ein Telefon, ein Tonband. Und da sind drei Geister, man kann sie ruhig so nennen, weil sie gesichtslos bleiben wollen. Der Nazijäger-Rechercheur will seinen Wohnort nicht nennen, die lesende Nazijäger-Telefonistin will ihren Namen nicht in der Zeitung haben, und die Dame, die in ihrer Firma den Schreibtisch zur Verfügung stellt, hat Angst vor unfreundlichem Besuch, deshalb bloß die Adresse nicht hinschreiben. Man müsse sich schon schützen, wenn man für so eine Organisation arbeite, sagen sie. Sie meinen: für das Simon-Wiesenthal-Zentrum. Das sitzt in Israel und Amerika und hat sich zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten. Auch Efraim Zuroff arbeitet dort. Es war seine Idee, die ganze Geschichte.

Zuroff ist ein bekannter Mann. Man nennt ihn auch „den letzten Nazijäger“. Nachdem Simon Wiesenthal und Serge Klarsfeld in Pension sind, ist er übrig; Zuroff ist erst 56. Aber sein Lebenswerk schwindet trotzdem, und nicht, weil er keine Kraft mehr dafür hat. Da draußen sind immer noch Menschen, die gequält und getötet haben und nie bestraft wurden – „Tausende“. Nur, dass es mit jedem Tag unwahrscheinlicher wird, sie zu erwischen. Die Täter sterben.

Deshalb hat Zuroff sich 2001 die Operation Last Chance ausgedacht. Zuerst fürs Baltikum, weil dort die Zahl der Opfer und der Kollaborateure besonders hoch gewesen sei, dann für Ungarn, Polen, Österreich. Immer gab es eine Telefonnummer und die Bitte: Mensch, erinner dich! 329 mutmaßliche Verdächtige wurden bisher genannt, sagt Zuroff, 79 Namen habe man nach Prüfung an die Behörden gegeben.

Und jetzt die Operation in Deutschland. Es ist ein Rechenspiel. Wie viele Täter gab es? Gestapo, Sicherheitspolizei, Waffen-SS, Einsatzgruppen – 90000 Steckbriefe wurden 1945 allein in Deutschland ausgestellt. 7000 Verbrechern hat man seitdem den Prozess gemacht. Wie viele Männer um die 90 leben in Deutschland noch? Sind Täter unter ihnen? Und gibt es immer noch Menschen, die sich an ihre Gesichter erinnern?

Das Gedächtnis kann eine Waffe sein, der Satz stammt von Zuroff. Ob sie nach 60 Jahren stumpf geworden ist?

Wo war der Fehler? Zu wenig Werbung?

Am Anfang, im Februar, waren es täglich um die 20 Anrufer – aber jetzt klingelt das Telefon manchmal tagelang gar nicht, sagt die Telefonistin. Und selbst dann sind sie Anrufe oft nicht sachdienlich. Es melden sich Menschen, die drücken ihre Zustimmung aus, sagt sie. Es gibt welche, die sagen, die Täter sind alt, man soll sie in Ruhe lassen. Manche fühlen sich von Neonazis bedroht, andere wollen mehr über den eigenen Vater wissen oder saßen mal im Taxi mit einem, der aussah wie einer, der früher mal Nazi war…

Stefan Klemp, der einzige fest angestellte Wiesenthal-Rechercheur in Deutschland – der mit dem geheimen Wohnsitz –, der alle Hinweise auf ihre Bedeutung überprüft und dann an die Polizei weiterleitet, sagt: „Es ist wenig im eigentlichen Sinn Nützliches dabei.“ Drei konkrete Hinweise bisher, sagt er. Und das Projekt läuft nur noch bis Ende April. Von einem der „konkreten“ Anrufe hat die Telefonistin erzählt. Ein Mann, der hasserfüllt sagt: „Na, habt ihr sie schon gefunden, die Juden, die wir in die Donau geschmissen haben?“ Er hat seinen Namen nicht gesagt, aber seine Nummer hat sie sich aufgeschrieben. Ist das konkret?

Oder ist es eher so, dass da einer nicht lockerlassen kann?

„Haaretz“, die große israelische Tageszeitung, hat neulich über den Nazijäger Zuroff geschrieben: Selbst innerhalb des Wiesenthal-Centers sei er mittlerweile allein. Die Leiter zögen es vor, ihre Gelder in mehr vorwärts gewandte Projekte zu investieren. Sie erlaubten Zuroff, den Namen des Instituts für die letzten Chancen zu nutzen, aber Geld gäben sie ihm dafür nicht. Stimmt das? „Nein“, sagt Zuroff am Telefon, schnell und scharf, man hört, er hat seinen Feldzug schon öfter verteidigen müssen. Er sagt: Immerhin zahle doch das Wiesenthal-Center sein Gehalt. Er habe nur zusätzliche Mittel für die Operation heranschaffen müssen.

Er hat sie allerdings nicht immer bekommen, „vor allem in Deutschland“. Der Zentralrat der Juden zum Beispiel hatte sich am Kopfgeld gestört. Das locke Denunzianten an. 10000 Euro für einen Tipp, der zur Festnahme führt – das Geld stammt letztendlich von einem Freund Zuroffs.

Es ist also nicht nur ein verzweifeltes, sondern auch ein armes Projekt. Ein eigenes Büro ist nicht drin. Man hat sich den Schreibtisch spenden lassen müssen. Noch zwei andere Tische stehen daneben, normaler Firmenalltag. Zwei Zimmer weiter wohnen drei rosafarbene Kakadus, das Hobby der Chefin. Manchmal kommen sie herausgewatschelt und fangen an, an einer Palette zu knabbern.

Fast alle hochrangigen Nazis, die vor 60 Jahren auch schon 40 Jahre alt waren, sind mittlerweile tot. Zuroff will jetzt die Jüngeren erwischen, die Niedrigeren im System – die, die den Finger am Abzug hatten. Die Dame, die Tisch und Telefon gespendet hat, springt auf und holt die Anzeigen, die man ursprünglich abdrucken lassen wollte. Sie sind dann auch erschienen, aber ohne diese Fotos: vier lachende Männer in Uniformen, die eine strampelnde Frau gepackt halten, sie hat nicht viel an. „Vergewaltigung“, sagt die Firmenchefin über die Entwürfe gebeugt, ihre Stimme wackelt vor Mitleid, ein lange vergangenes, nie geahndetes Verbrechen wird plötzlich gegenwärtig, die Angst der Frau, die Brutalität der Männer. Daneben steht: „Das Opfer ist wahrscheinlich Marianne Cohn, die am 8. Juli 1944 bei Annemasse in Frankreich ermordet wurde. Wer kennt die Männer auf den Fotos?“

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