Zeitung Heute : Späte Weitsicht

Als Kriegsheld gefeiert, als „Bulldozer“ gefürchtet – und zuletzt schien es, als könne ausgerechnet Scharon Israel Frieden bringen

Charles Landsmann[Tel Aviv]

Ariel Scharons Feierabend begann früh. Man weiß das nun alles, minutiös. Es gibt viele, die am gestrigen Tag seine letzten wachen Stunden zusammengetragen haben. Es waren vielleicht nicht die letzten wachen seines Lebens, aber doch wahrscheinlich die letzten, die Scharon als mächtigster Politiker Israels erlebt hat. Als ein Mann, der kurz davor war, einen neuen Weg für Israels Friedenspolitik zu bahnen, als der Schlaganfall ihn traf.

15 Uhr 40: Scharon verlässt sein Büro in Jerusalem und begibt sich auf seinen Landsitz in der Negev-Wüste, wo er den Abend mit seiner Familie verbringen will; vielleicht sind seine beiden Söhne Omri und Gilad da, vielleicht die drei Enkel. Die Farm ist eine Zuflucht für ihn, nachdem seine Frau Lili an Krebs gestorben war. Es ist eine grüne Oase, heißt es, wo Melonen und Bananen wachsen. Für den nächsten Tag, den Donnerstag, ist im Jerusalemer Hadassah-Krankenhaus eine Herzoperation angesetzt. Scharon ist 77 Jahre alt. Er ist schon lange kein gesunder Mann mehr, spätestens seit dem ersten Schlaganfall am 18. Dezember. Da ist ein kleines Loch in seinem Herzen, das mit einem Katheter geschlossen werden soll.

21 Uhr: Scharon fühlt sich unwohl. Es fällt die Entscheidung, ihn ins Hadassah zu bringen, auch wenn das fast zwei Stunden entfernt ist. Er wird in einen Rettungswagen getragen, der auf dem Landsitz bereitsteht.

22 Uhr 45: Kurz vor Jerusalem verschlechtert sich Scharons Zustand, er wird bewusstlos.

22 Uhr 56: Ankunft in der Hadassah-Klinik. Scharon hat Mühe zu atmen. Hirnblutung, diagnostizieren die Ärzte.

23 Uhr 30: Scharon liegt im Operationssaal, nach Stunden können die Ärzte die Blutungen stoppen. Israels Umbruch beginnt mitten in der Nacht. Kabinettssekretär Israel Maimon übergibt die Regierungsgeschäfte an Vizeministerpräsident Ehud Olmert.

In der Nacht: Ariel Scharon liegt jetzt auf der Intensivstation der Neurochirurgie. Er wird künstlich beatmet. Die Narkose soll den Druck im Gehirn niedrig halten und die Rekonvaleszenz unterstützen. Draußen vor dem Krankenhaus stellen die Sicherheitskräfte Planen auf, die als Sichtschutz dienen sollen. Vom Krankenzimmer aus scheinen sich die Wellen des Schrecks in der Klinik auszubreiten, an den Fenstern werden Schwestern fotografiert, die schockiert schauen oder zu weinen scheinen, die Hände vor das Gesicht geschlagen, vielleicht sind sie aber auch nur müde. Anderswo werden am Morgen Palästinenserjungs in Kameras lachen und Plakate hochhalten auf denen steht: „Sharon, go to hell.“

Die atemlose Chronologie des Umbruchs endet am Vormittag. Klinikdirektor Schlomo Mor-Josef teilt mit, dass Ariel Scharon, Israels Regierungschef, mindestens 24 Stunden lang im künstlichen Koma gehalten wird. Reaktionen schwappen durch die Medien. Neurochirurgen erklären vor Mikrofonen, nach einem derart schweren Schlaganfall sei eine völlige Erholung des Patienten unwahrscheinlich. „Das letzte Gefecht“ titelt die Zeitung „Jediot Ahronot“, zwei US-Gesandte und der japanische Ministerpräsident Koizumi verschieben ihre Nahostreisen, und der israelische Aktienmarkt bricht um acht Prozent ein. Ein Kabinettsmitglied sagt entmutigt, „es ist ziemlich klar dass wir Scharon nicht mehr im Amt des Ministerpräsidenten wiedersehen werden.“ Dann hält die Regierung eine Krisensitzung ab. Meni Masus, der Generalstaatsanwalt beschließt, dass die für den 28. März angesetzte Parlamentswahl nicht verschoben wird.

Man muss den Schreck, der Israel ergriffen hat, vor dem politischen Hintergrund begreifen, anders ist sein Ausmaß nicht zu erklären. Anderswo werden Regierungschefs auch todkrank, aber für Israel bedeutet das in einer unsicheren Zeit einen neuen Tiefschlag – und den Beginn einer neuen großen Ungewissheit. Scharon war der große alte Silberrücken der israelischen Politik, ein Hardliner, der auch unverantwortlich handelte, aber dennoch der, der Durchsetzungskraft symbolisierte und Stehvermögen. Er hatte die Fäden in der Hand. Nun flattern sie lose. Gaza wird gerade zum Sicherheitsrisiko, und die großen Blöcke der israelischen Parteien bröckeln, seit Ariel Scharon sich am 21. November aus dem rechten Likud verabschiedet hat, um mit Kadima eine neue Partei der Mitte zu gründen. An deren Spitze wollte er sich am 28. März um das Mandat für eine dritte Amtszeit bewerben. Politischer Pragmatismus, weg vom Extremismus, das war sein Ziel. Und Umfragen zufolge hätte Scharon Ende März wohl gewonnen.

Seine schwere Krankheit erinnert daran, dass mit ihm nun eine Generation stirbt, die Israel noch in ihren Anfängen erlebt hat. Und aus deren Erlebniswelt sich auch ihr Vorgehen in der Politik erklärt.

Ariel Scharon wurde als Sohn osteuropäischer Einwanderer in einer Genossenschaftssiedlung bei Tel Aviv geboren. Mutter Vera und Vater Schmuel Scheinerman – Scharon nannten sie sich erst später – stammten aus Tiflis, Georgien. Nur durch Flucht war der Vater, zionistischer Rädelsführer, der Verhaftung entkommen. Draufzuhauen, um sich zu retten, das scheint eine Kindheitslehre des Ariel Scheinerman gewesen zu sein. Der Vater, heißt es, drückte ihm einen Knüppel in die Hand, damit er sich gegen die rüden, älteren Nachbarsjungen selbst verteidigte. Auch alle weiteren Stationen schienen automatisch zum wehrhaften Mann zu führen, der später zuerst als Kriegsheld gefeiert, dann als „blutrünstig“ gefürchtet war: Ariel Scharon wurde Mitglied der Haganah, der selbst organisierten Verteidigungskräfte des vorstaatlichen jüdischen Gemeinwesens. Er war Kämpfer im Unabhängigkeitskrieg. Dann, 1953, gründete er die „Einheit 101“ mit, die für fürchterliche Vergeltungsschläge gegen die Araber bekannt wurde. Und die privaten Schicksalsschläge trugen ein Übriges bei, den Mann härter zu machen: Die erste Frau Margalit starb früh, die zweite, ihre Schwester, an Krebs, der jüngste von drei Söhnen erschoss sich schließlich beim Spielen mit einer Waffe selbst und starb in Scharons Armen.

Im Sechstagekrieg von 1967, der mit der Eroberung des Westjordanlandes, der gesamten Sinai-Halbinsel sowie des Golan endet, erwirbt Ariel Scharon sich dann wieder viel Respekt, auch wenn seine Oberbefehlshaber jetzt schon schimpfen, der Arik nehme sich aber ein paar Freiheiten zu viel heraus. 1973, im Jom-Kippur-Krieg – die Ägypter und die Syrer hatten Israel überraschend am Feiertag überfallen – wird er wieder zum Einzelgänger. Er missachtet Befehle, führt seine Truppen auf eigene Faust über den Suezkanal – und wendet eine drohende Niederlage ab. Das Foto, wie er da steht, ganz Feldherr, einen Verbandsturban auf seinem verletzten Kopf, geht um die Welt. In Israel macht es ihn zum Volkshelden.

Aber: Oberbefehlshaber der Truppen, wie er es ersehnt hatte, wird er nicht. Er treibt Israel mit Halbwahrheiten und Fehlinformationen in den Libanon-Krieg, er macht sich schuldig mit den Massakern in den libanesischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila. Und schließlich muss er zurücktreten. Niemand rechnet mehr mit einem Comeback des Mannes, dem ein staatlicher Untersuchungsausschuss für alle Zeiten untersagt hatte, als Verteidigungsminister zu amtieren.

Und es geschieht wieder einmal, was den Staatsmann Scharon – im wahrsten Sinn: den Mann, der um den Staat kämpft – wohl charakterisiert. Er rappelt sich wieder auf. Er greift wieder nach der Macht. Und bekommt sie. Er schafft den Sprung in die Politik. Er hat verschiedene Ministerposten inne. Er zwingt die Rechte zum Zusammenschluss, eben den Likud – und macht sich in all seinen Ministerämtern an den ungezügelten Aufbau dessen, was bis vor zwei Jahren noch als sein eigentliches Lebenswerk galt: Ariel Scharon ist der Vater der Siedlungen.

Dass er, noch in den Endsiebzigern, als einer der ersten Politiker Israels überhaupt von einem palästinensischen Staat spricht, gilt als Finte. Denn: Der palästinensische Staat, den Ariel Scharon meint, soll nicht im Gazastreifen und im Westjordanland entstehen, sondern am Ostufer des Jordans – anstelle des haschemitischen Königreiches Jordanien. Als Jitzchak Rabin und Schimon Peres dann in den Osloer Verträgen mit PLO-Chef Arafat die gegenseitige Anerkennung vereinbaren, tobt Scharon vom Balkon über dem Jerusalemer Zions-Platz in einer berüchtigten Hasskundgebung gegen „die Kapitulation vor dem Terror“. Später, als er Ende der 90er Jahre kurz Außenminister ist, weigert er sich, Palästinenserpräsident Arafat „die blutige Mörderhand“ zu drücken.

Das Palästinenserproblem hat Ariel Scharon fast sein ganzes Leben lang beschäftigt. Schon seine Mutter hatte den Arabern in den umliegenden Dörfern so sehr misstraut, dass sie bis zu ihrem Lebensende mit einem Karabiner unter dem Kopfkissen schlief. Es kursiert die Geschichte, dass sie ihn am Ende jedes Telefongesprächs ermahnt hat: Arik, trau den Arabern nicht. Die Säuberungsaktionen, die er in den 50er Jahren in den Palästinensergebieten befiehlt, sind brutal effizient, in den 70er Jahren lässt er die Eltern Steine werfender Kinder in der Wüste aussetzen. 1987 bezieht er ein Haus in der arabischen Altstadt von Jerusalem und lässt als größte aller Provokationen die israelische Flagge wehen. Und im Jahr 2000 wird er zum Auslöser der zweiten Intifada, als er, der Jude, mittlerweile Chef der Likud-Partei, demonstrativ auf den Tempelberg in Jerusalem marschiert, Heiligtum der Muslime. „Bulldozer“ lautet ein Spitzname, der bis heute immer wieder hervorgekramt wird. Den Nahostkonflikt kann Bulldozer in zwei Sätzen erklären: „Die Araber wollen uns Juden nicht hier haben. Und das ist das Geheimnis der Geschichte.

Wann genau bei dem notorischen Palästinenserhasser die Einsicht reifte, dass das Problem auch mittels „schmerzlicher Verzichte“ israelischerseits gelöst werden musste, weiß wohl niemand. Sicher ist nur, dass Scharon mit dieser Ankündigung den letzten Wahlkampf bestritt und siegte. Der Rückzug von 8000 israelischen Siedlern aus dem Gazastreifen im August war dann schließlich ein ebenso einsamer Beschluss, letztlich konsequent und doch widersprüchlich. Wie das ganze Leben von Ariel Scharon.

Scharon war – ist noch – der starke Mann, nach dem ein Großteil der Israelis sich gesehnt hat. Er war, solange er noch in der von ihm mitgegründeten populistisch- nationalistischen Likud-Partei war, für deren Wählermassen der ungekrönte „König Israels“, den sie in blindem Machttaumel hochleben ließen. Seine schwerwiegenden ethisch-moralischen Defekte haben sie nicht sehen wollen. Denn Scharon ist auch der „Vater der Korrupten“, wie erst vor wenigen Tagen der spitzzüngige Linke Jossi Sarid im Zusammenhang mit den Untersuchungen wegen Geldwäsche und Bestechung gegen Scharons jüngeren Sohn Gilad und dem Schuldspruch gegen den älteren Sohn Omri festhielt. Exakt 24 Stunden bevor Scharon Senior sein Unwohlsein befiel, zu Beginn der dramatischen Ereignisse, hatte ein TV-Sender ein polizeiliches Dokument enthüllt. Demzufolge existieren Beweise, dass die österreichischen Brüder Schaff, Casinobesitzer, den Scharons drei Millionen Dollar haben zukommen lassen.

Das alles ist in nächsten Stunden erst einmal unwichtig. Ariel Scharon, Provokateur und Macher von Geschichte gleichermaßen, muss erst wieder aufwachen. Selbst der palästinensische Präsident Abbas hat besorgt schon mit der israelischen Regierung telefoniert. Und US-Präsident Bush hat Scharon als „Mann des Mutes und des Friedens“ gewürdigt. Ein Nachruf vor der Zeit.

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