Zeitung Heute : Spandau: Gemischte Gefühle

Harald Olkus

Der Tag, an dem die Einzelhändler in der Spandauer Altstadt Konkurrenz bekommen, rückt immer näher. Der Rohbau der Spandau Arcaden ist fast abgeschlossen, in weniger als zwei Wochen feiert der Bauherr des Einkaufszentrums, die Essener mfi, Richtfest. Das neue Freizeit- und Einkaufszentrum mit mehr als 125 Geschäften auf rund 33 000 Quadratmetern Handelsfläche entsteht direkt am Bahnhof, wenige Meter von der Spandauer Altstadt entfernt, die als traditionelle Einkaufsgegend zählt. Im zweiten Obergeschoss des Komplexes wird eine Wellness-Anlage einziehen und im 54 Meter hohen Turm will die Ibis-Kette ein Hotel eröffnen. Mehrere Restaurants sollen die Spandauer Arcaden auch nach Ladenschluss nicht veröden lassen.

Die Nachfrage nach den Flächen ist groß: Bereits im Sommer, eineinhalb Jahre vor der geplanten Eröffnung hatte die mfi schon 85 Prozent der Spandau Arcaden vermietet. Zu den Filialisten gehören Peek & Cloppenburg, H & M und Benetton. Die Planungen für ein Kino hat die mfi zugunsten des bestehenden Kinocenters Spandau wieder zurückgezogen. Dafür soll der Anteil von Büros und Praxen für Ärzte, Rechtsanwälte und Steuerberater erhöht werden.

Viele alteingesessene Spandauer Einzelhändler sehen der Eröffnung des Komplexes im November jedoch mit gemischten Gefühlen entgegen. Mit 39 500 Quadratmetern haben die insgesamt 225 Läden in der Altstadt schließlich nicht viel mehr Fläche zu bieten als die Arcaden allein. Katrin Neumann von der auf Einzelhandel spezialisierten Maklerfirma "Gruppe Immobilien" sieht darin allerdings kein Problem. "Spandau hat 220 000 Einwohner und verträgt deshalb ein Einkaufszentrum dieser Größe", sagt sie. Ihrer Ansicht nach stellen die Arcaden keine Konkurrenz für die Einzelhändler dar, sondern sie bringen nach Spandau, "was dort fehlt". Bisher würden die Spandauer in die Wilmersdorfer Straße oder zur Tauentzienstraße fahren, wenn sie zum Beispiel Kleidung einkaufen wollten. "Denn die großen Bekleidungshäuser gibt es in Spandau nicht. Die Altbaustruktur ist zu kleinteilig und bietet den Filialisten nicht die benötigten Flächen", sagt Katrin Neumann. Mit Eröffnung des Einkaufszentrums würden die Spandauer in ihrem Bezirk bleiben und somit auch die Altstadt beleben, meint sie.

Zwar will auch die Maklerin nicht ausschließen, dass einige Ladenbesitzer in der Altstadt aufgeben müssen. Negative Auswirkungen in einem Umfang, wie sie beispielsweise das Gesundbrunnencenter in Wedding für die Badstraße haben, kann sie sich in Spandau aber nicht vorstellen. Sie ist zuversichtlich, dass die frei werdenden Flächen auch künftig schnell wieder neue Mieter finden. Schon jetzt - quasi in Vorbereitung auf die neuen Bedingungen - finde in der Spandauer Altstadt ein erhöhter Um- und Zuzug statt. Kleinere Filialisten sowie Ärzte, Rechtsanwälte und Dienstleister zögen in frei werdende Ladenlokale.

Bisher gelinge es, das Niveau der Geschäfte relativ hoch zu halten. Nur wenige Ramsch- und Schnäppchenläden hätten sich bislang angesiedelt. "Und im Vergleich zu anderen Einkaufsstraßen haben wir in der Spandauer Altstadt auch wenig Leerstand", sagt die Maklerin. Kaum ein Laden sei länger als drei Monate unvermietet.

Die Eigentümer der Immobilien müssen allerdings sinkende Einnahmen hinnehmen. "Die Mietpreise können derzeit nur selten auf dem alten Niveau gehalten werden", räumt die Maklerin ein. Einbußen von zehn bis 15 Prozent seien durchaus üblich. Bei Ladenlokalen mit optimalem Zuschnitt, das heißt beispielsweise einer Größe von rund 100 Quadratmetern sowie sechs Meter breiter Straßenfront ohne Stufe, liegen die Mieten in der Breiten Straße bei 90 bis 100 Mark pro Quadratmeter. Am Markt müssen rund 20 Prozent mehr bezahlt werden. Und in der Nähe der Häuser von C & A oder Karstadt kostet der Quadratmeter Ladenfläche rund 180 Mark. Katrin Neumann erwartet auch nach der Eröffnung der Arcaden keine steigenden Mietpreise in der Altstadt. "Die Geschäftsleute werden erst einmal abwarten, was das Center bringt."

Im Gegensatz zu mfi-Geschäftsführer Roger Weiss, der sich durch das neue Einkaufszentrum einen Zuwachs an Käufern aus dem Umland verspricht, glaubt Katrin Neumann nicht, dass das Center viele Brandenburger nach Berlin locken wird. "Falkensee hat deutlich nachgeholt und im Havelpark Dallgow findet man auch fast alles", sagt die Maklerin. "Vom Umland kommen höchstens ehemalige Spandauer, die rausgezogen sind." Die Arcaden könnten künftig bestenfalls verhindern, dass die Spandauer häufiger zum Einkaufen ins Umland fahren.

Die Spandauer Arcaden sind neben den Schönhauser Allee Arkaden im neuen Bezirk Pankow und dem Cittipoint in der Müllerstraße in Wedding das dritte Einkaufscenter der Essener mfi in Berlin. Das 300-Millionen-Mark-Projekt wird finanziert von der mfi und der Bayerischen Landesbank München. Nach Fertigstellung der Arcaden soll die DIFA Deutsche Immobilien Fonds AG die Mehrheit der Gesellschaftsanteile der Spandauer Arcaden übernehmen. Die mfi bleibt am Objekt beteiligt und übernimmt das Centermanagement. Für das bei der Bezirksreform allein gebliebene Spandau sind die Arcaden das derzeit größte Bauprojekt des Bezirks.

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