Zeitung Heute : Spanien denkt deutsch

Auf Lanzarote versucht Kanzler Schröder Regierungschef Aznar zu überzeugen. Bei der Bevölkerung ist das schon gelungen

Ralph Schulze[Costa Teguise]

Von Ralph Schulze,

Costa Teguise

Den Empfang auf der spanischen Kanareninsel Lanzarote hatte sich Spaniens konservativer Regierungschef Jose Maria Aznar etwas anders vorgestellt. „Lanzarote ist gegen den Krieg“, machte der höchste Inselpolitiker, der Sozialist Enrique Perez Parilla, schon seit Tagen Stimmung gegen den Premier. Und der Ministerpräsident der Kanarischen Inseln, Roman Rodriguez von der regionalistischen Kanarenkoalition rief gar zum Auftakt des deutsch-spanischen „Kriegsgipfels“ zur Rebellion auf „gegen jene Form der Machtausübung, die zu einem Krieg führt, der nicht gerechtfertigt ist“.

Von der „Rebellion“ des spanischen Volkes gegen den drohenden Irak-Krieg bekamen Aznar und Bundeskanzler Gerhard Schröder, die Dienstagabend zu einem Vier-Augen-Gespräch zusammentrafen und den Krisengipfel heute fortsetzen, zunächst wenig mit. Wohl auch weil der Gipfelort weit abgelegen und das Treffen hinter verschlossenen Türen stattfindet. In einem hässlichen, künstlichen Feriendorf namens Costa Teguise, das rücksichtslos in die Vulkanwüste an der Ostküste gepflanzt wurde und in dem es nur ein paar tausend ausländische Touristen, wenig Journalisten und noch weniger Spanier gibt. Die Großdemonstration der knapp 100 000 Inselbewohner gegen Aznars Kriegshaltung beginnt erst nach Abreise der Politiker am kommenden Samstag. Wie in allen großen Städten des Landes. Am Wochenende könnte Spanien eine der größten Protestwellen seiner Geschichte erleben, denn die Ablehnung eines Krieges zur gewaltsamen Entwaffnung des irakischen Regimes ist hier so massiv wie sonst nirgendwo: Je nach Umfrage lehnen zwischen 75 und 90 Prozent der Spanier einen Militärschlag ab. Da wird Schröder mit seinem rigorosen Nein zum Krieg und seinen „Ideen“ für eine friedliche Entwaffnung zum politischen Helden unter der spanischen Sonne. „El Mundo“, das zweitgrößte Blatt Spaniens, einst Sprachrohr Aznars, fordert den Konservativen nun auf: „Spanien sollte sich dem Plan von Frankreich und Deutschland anschließen.“ Und das nationale Presseflaggschiff „El Pais“ folgert aus der breiten öffentlichen Ablehnung und dem historischen Stimmungstief der spanischen Konservativen, dass Aznar „den Kontakt mit der Wirklichkeit verloren hat“.

Wohl wegen dieses harten Gegenwindes, den Buhrufen bei Parteiveranstaltungen, ging Aznar in Sachen Irak vorübergehend auf Tauchstation. Seit dem von ihm angezettelten Aufruf der acht europäischen Regierungschefs, der einem Kniefall vor US-Präsident George W. Bush gleichkam und einen Affront gegen Berlin und Paris bedeutete, war vom spanischen Regierungschef nichts mehr zu hören. Und trotzdem sickerte die Information durch, Aznar hielte wenig von den neuen deutsch-französischen Überlegungen, die ihm Schröder nun persönlich erläuterte. Aus spanischen Regierungskreisen verlautete zudem, dass „nicht daran gedacht sei, die Unterstützung für die USA aufzugeben“. Auch wenn Spanien „interessiert“ sei, nun mit Deutschland und erst recht auf dem EU-Sondergipfel am Montag „Übereinstimmungen“ zu erzielen.

Spaniens Verteidigungsminister Federico Trillo eilte seinem Regierungschef schon voraus. Deutschlands Weigerung, Amerikas Irak-Pläne zu billigen, sei ein „Bruch“, ja eine „Pleite“ für die westliche Allianz – er sei über Berlins Haltung höchst „frustriert“.

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