Zeitung Heute : Spanische Fiesta: Wenn Bankkassierer Manolo zum Mauren mutiert

Hella Kaiser

An 360 Tagen im Jahr ist Caravaca de la Cruz ein gemütliches Landstädtchen im Süden Spaniens. Über dem mittelalterlichen Stadtkern thront eine Burg, es gibt ein paar Kirchen, eine Markthalle, eine Stierkampfarena und drei kleine Museen. Das alles macht sich - 60 Kilometer westlich von Murcia - ganz nett vor der Kulisse der Sierra de la Tablilla. Doch niemand würde ernsthaft daran denken, die kleine Stadt zu den sehenswertesten im Land zu erklären. An fünf Tagen im Mai aber wird sie zur abenteuerlichen, kunterbunten Bühne. Und die meisten der 20 000 Einwohner sind nicht wiederzuerkennen.

Der sonst immer glatt rasierte Bankkassierer Manolo schreitet vollbärtig in einem muslimischen Kostüm vorüber, der Obsthändler kommt in weißer Kutte mit aufgemaltem schwarzen Kreuz daher, Junge und Alte beiderlei Geschlechts legen sich rote Halstücher um. Pferde mit kunstvoll bestickten, goldglänzenden Brokatdecken werden herum geführt. Kaum ein Laden, an dem nicht in großen Lettern steht: "Hay vino!" An Rotwein, der beinahe unaufhörlich aus ledernen Beuteln in offene Münder gespritzt wird, mangelt es wirklich nicht. Kein Mensch grüßt mit "Buenos Dias". Bekannten und Fremden wird ein "Feliz Fiesta" entgegen geschmettert - es herrscht Ausnahmezustand in der Stadt.

Und warum das alles? Weil am 3. Mai des Jahres 1232 in Caravaca de la Cruz ein Wunder geschah. Es war die Zeit der Reconquista. Noch aber herrschte Sultan Abu-Zait über den kleinen Ort und sah keinen Grund, den christlichen Bewohnern ihren Glauben zu verbieten. Er lud sie gar zur Messe in den großen Saal seines Alcßzars, des maurischen Palastes, ein. Allein: Es fehlte ein Kreuz. Ohne das, so befand der Priester, ginge es nicht. Kaum ausgesprochen, schwebten zwei Engel durchs Fenster herein und stellten ein doppelarmiges Kreuz auf. Der Sultan, so heißt es in der Legende, sei so beeindruckt gewesen, dass er sich auf der Stelle taufen ließ. So wurde Caravaca de la Cruz zur christlichen Enklave, lange bevor das mächtige Maurenreich Al Andalus 1492 endgültig zerbrach.

Kein Wunder, dass die katholische Kirche zu diesem denkwürdigen Datum jährlich gern ihren Segen gibt. Eben dort, wo sich das alles zugetragen hat. Die Umrisse des Alcßzars sind noch da, auch wenn sich im Innern längst die Kirche Santuario de la Santissima y Vera Cruz befindet. Viele Menschen passen da hinein, aber heute, am Vorabend des Wunders, ist das Gotteshaus viel zu klein. So versammelt sich die Menschenmenge auf dem Burghof, um sich von den Priestern noch einmal die erstaunliche Geschichte erzählen zu lassen. Nach der abschließenden Segnung kommen die Frauen - wirklich jede hat einen Blumenstrauß in der Hand! - und stecken die bunten Gebinde in ein riesiges, doppelarmiges Kreuz vor dem Kirchenportal.

Die Wunderreliquie ist natürlich viel kleiner und ruht in der Sakristei, gut verschlossen in einer prächtigen Silberschatulle. Unter den funkelnden Edelsteinen des Kreuzes soll sich ein Stück jenes Holzes verbergen, an das einst Jesus Christus geschlagen wurde. Es habe, davon sind die Bewohner von Caravaca überzeugt, im Mittelalter viele Leben gerettet. Denn als die Stadt von Mauren umzingelt war und die Bewohner am verseuchten Wasser zu sterben drohten, schmuggelten ein paar todesmutige Männer mit Wein beladene Pferde hinein. Sie badeten das Kreuz in der Flüssigkeit, und der so "geheiligte" Wein habe alle gesund gemacht.

Sultan und Königspaar

Ob diese Medizin noch immer wirkt, darf bezweifelt werden. Aber zusehen bei der historischen Badezeremonie, das wollen sie doch alle in Caravaca. Deshalb gibt es am Morgen des 3. Mai kein Frühstück im Hotel Central. Wer sollte denn Kaffee kochen oder Toasts bereiten? "Hay Fiesta", sagt der Mann an der Rezeption knapp und ist ungehalten, weil er am wichtigsten Tag des Jahres hier sitzen muss. "Kommen Sie, kommen Sie, das dürfen Sie nicht verpassen!", ruft draußen ein älterer Mann und zupft energisch am Ärmel der Besucherin. Gedrängel überall. Der Ort des Geschehens, ein offenes, barockes Tempelchen, ist längst von Menschen umlagert.

Von den Pferden ganz zu schweigen. 70 Tiere, eins schöner ausstaffiert als das andere, werden heute beim Wettrennen antreten. Längst ist der Weg hinauf zum ehemaligen Alcázar mit Sand bestreut, immer mehr Neugierige säumen das rund 80 Meter lange, steile Stück unterhalb der Burg. "Kommen Sie sofort von der Pinie herunter", tönt es durch ein Megaphon. Weil das Fernsehen um seine Übertragungskabel bangt, muss sich der waghalsige Kletterer in die dichten Reihen quetschen. In der verbleibenden Gasse marschieren abwechselnd fahnenschwingende Christen und düster blickende Mauren vorbei. Trompeter und Trommler dazwischen, die ihr Äußerstes geben.

Ein prächtig angezogener Sultan reitet auf einem Schimmel, das christliche Königspaar sitzt stolz auf zwei Rappen. "Muy guapa, la reina", loben zwei ältere Männer die Schönheit der jungen Frau. Eine Dame packt belegte Brötchen aus, eine andere zeigt stolz ihr gerade gekauftes, silbernes Kreuz. Von diesem Schmuckstück - "es bringt Glück!" - könne man gar nicht genügend haben. Eine Mutter mit Kinderkarre steht in der ersten Reihe. Himmel, ist das nicht gefährlich? Denn nun geht das Rennen der "Caballos del vino" los. Das erste mit Weinschläuchen beladene Tier galoppiert, von vier Männern an Stricken gehalten, den Hang hinauf. Ob das Pferd die Menschen zieht oder die Menschen das Pferd, bleibt unklar. Zu schnell keuchen die seltsamen Gespanne durch die immer schmaler werdende Gasse. Ständig stellen sich junge Burschen in den Weg, um Bruchteile vor einem möglichen Zusammenstoß zurückzuweichen.

Müssen Spanier denn immer und überall ihren Mut beweisen? "Hay Fiesta", sagt einer lachend und erzählt, dass es in den vergangenen Jahren immer mal wieder Verletzte gab. Heute haben die Rot-Kreuz-Helfer wenig zu tun. Die Schürfwunden eines Mannes, der von seinem Pferd ein paar Meter mitgeschleift wurde, sind ja nicht der Rede wert. Das Opfer ist trotzdem den Tränen nah. Ein ganzes Jahr hatte sich der Mann auf das Rennen vorbereitet, und dann diese Schmach. "Disqualifiziert", befindet die unerbittliche Wettkampfleitung.

Fast drei Stunden dauert das seltsame Spektakel, und am Ende erhält Vorjahressieger Calesera die begehrte Trophäe. Zehn Sekunden und 168 Tausendstel verrät die elektronische Messtafel. Lachend flößen sich die vier Mitläufer den zuvor auf dem Pferderücken durchgeschüttelten Wein in den Mund. Die langsameren Pferde können noch auf einen Schönheitspreis hoffen. Die prächtigste Decke, die extravagantesten Stulpen, der interessanteste Kopfputz werden prämiert. "Manche Familien geben bis zu drei Millionen Peseten (rund 33 000 Mark) dafür aus", raunt ein Mann mit respektvollem Unterton.

Vor der Farmacia hat sich eine lange Schlange gebildet. Kopfschmerzmittel sind fast ausverkauft, dabei ist nicht mal Halbzeit in Caravaca de la Cruz. Schon wappnen sich alle für die Schlacht zwischen Mauren und Christen. Zum Sonnenuntergang krachen Schüsse auf dem Burghof, unentwegt läuten die Kirchenglocken. Nachdem gehörig mit Schwertern herumgefuchtelt wurde, ordnen sich alle Beteiligten wieder zum Umzug. Christinnen in züchtigen, grauen Kutten reihen sich ein, Maurenmädchen laufen in verführerischen Bauchtanzgewändern mit. "Wie schön unsere Jugend ist", meint ein alter Senor lächelnd zufrieden. Und rückt seinem siebenjährigen Enkel den Turban zurecht.

Niemand wird schlafen in dieser Nacht. Noch im Morgengrauen laufen Christen und Mauren, nun zu lustigen Pulks vereint, die Gran Vía, die Hauptstraße entlang. Zwei Tage noch. Dann wird sich Manolo wieder rasieren, und der Obsthändler packt sein Kostüm weg. Manch eine Frau aber stickt schon wieder an einer Pferdedecke, auf Tausende von roten Halstüchern wird der Schriftzug "Caballos del vino" gedruckt und in den Schmuckwerkstätten von Tudela und Chavo fertigen sie neue silberne und goldene Kreuze an. Nach der Fiesta ist vor der Fiesta. Und niemand soll je sagen dürfen, dass Caravaca de la Cruz nicht weiß, was es einem Wunder schuldig ist.

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