Zeitung Heute : Sparbuch beim Vermieter

Jörn Pestlin

Genossenschaftliche Spareinrichtung - in Zeiten von Online Banking lässt dieses Wortungetüm eher an Rabattmarken oder einen Arbeiterbildungsverein zu Zeiten des Bismarckschen Sozialistengesetzes als an Geldanlage und Rendite denken. So verstaubt wie es der antiquierte Begriff vermuten lässt, sind solche Einrichtungen aber nicht.

Nach zweijähriger Antrags- und Vorbereitungszeit eröffnete im Mai letzten Jahres die Potsdamer Wohnungsgenossenschaft 1956 e.G. (PWG) eine solche Spareinrichtung. Ausschließlich ihre 3500 Mitglieder und deren Angehörige können hier ihr Geld anlegen. Im Land Brandenburg ist die PWG damit die erste und bundesweit die 39. Wohnungsgenossenschaft, die sich auf dieses Geschäftsfeld wagt. Äußerlich unterscheidet sich die Spareinrichtung in der PWG-Geschäftsstelle in der Potsdamer Zeppelinstraße 152 nicht von einer Bank. "Wir sind aber keine Bank", betont der Geschäftsleiter Holger Isendahl, "sondern als Spareinrichtung ein integrativer Bestandteil der Wohnungsgenossenschaft". Zudem erlaube das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen (BAKred) gar nicht die Bezeichnung Bank.

Im Vergleich zu einem normalen Kreditinstitut hat das Bundesaufsichtsamt das Aktionsfeld einer solchen Einrichtung stark eingeschränkt. "Wir dürfen weder Kredite vergeben noch Giro-Konten führen", erklärt Bankkaufmann Isendahl. Einer genossenschaftlichen Spareinrichtung sind nur Geldgeschäfte rund um das Sparbuch erlaubt - das aber zum beiderseitigen Nutzen. Die Wohnungsgenossenschaft kann auf diese Weise vor allem ihre Liquidität verbessern. "Wir wollen mit dem eingezahlten Geld hochverzinsliche Darlehen aus den 90er Jahren ablösen und künftig gar keine oder nur noch sehr geringe Darlehen für unsere Investitionen auf dem freien Kapitalmarkt aufnehmen", so Isendahl über die Ziele der Wohnungsgenossenschaft. Die so eingesparten Kreditzinsen kann die PWG - abzüglich der Personal- und Betriebskosten für die Spareinrichtung - den Sparern als Rendite zahlen. Und diese ist merklich höher als bei den großen Geldhäusern.

Das PWG-Sparbuch mit einer Kündigungsfrist von drei Monaten bringt den Anleger zur Zeit 3,25 Prozent Zinsen per anno - unabhängig von der Guthabenhöhe. Die Postbank zahlt im Vergleich dazu nur 2,50 Prozent - und die auch nur bei einem Kontostand von mindestens 10 000 Euro. Festzinssparer sind bei der Genossenschaft mit 4,25 Prozent bei einer Mindesteinlage von 2500 Euro beziehungsweise 4,5 Prozent bei 10 000 Euro dabei - bei vierjähriger Laufzeit.

Vor einem Dreivierteljahr lagen die Zinsen noch um 0,75 Prozent höher. "Auch an uns gehen die Leitzinssenkungen der EZB nicht spurlos vorüber", erklärt Isendahl. Reduzieren sich durch die Leitzinssenkung nämlich die Kosten für die Geldbeschaffung auf dem freien Kapitalmarkt, sinkt auch die Rendite auf Spareinlagen insgesamt - davon ist auch die PWG nicht ausgenommen. Der Zinsvorteil eines genossenschaftlichen Sparbuches bleibt zwar erhalten, aber auf einem niedrigeren Niveau.

Nach Auskunft des Geschäftsleiters der PWG-Spareinrichtung profitiert bereits rund ein Drittel aller 3500 Genossenschaftmitglieder von diesem Zinsvorteil. Bis Jahresbeginn zahlten die Sparer ingesamt 4,8 Millionen Euro auf ihre Konten ein. Das Einlagevolumen aller 39 genossenschaftlichen Spareinrichtungen in der Bundesrepublik beträgt rund 971 Millionen Euro. Die Sicherheit dieser Sparereinlagen sei mehrfach garantiert, versichert Isendahl. So verbieten die Richtlinien des BAKred einer genossenschaftlichen Spareinrichtung risikobehaftete oder spekulative Geldanlagen. Lediglich so genannte mündelsichere Anlagenformen wie Bundesanleihen - also Anleihen mit hundertprozentiger Rückzahlungsgarantie - sind erlaubt. Um Missmanagement frühzeitig zu erkennen oder Regelverstöße aufzudecken, muss Isendahl dem Bundesaufsichtsamt und der Landeszentralbank monatlich einen Liquiditätsnachweis vorlegen.

Außerdem hat sich die PWG dem seit 1974 bestehenden "Selbsthilfefonds zur Sicherung von Spareinlagen bei Wohnungsgenossenschaften" beim Bundesverband deutscher Wohnungsunternehmen e.V. angeschlossen. Ausschließlicher Zweck des Selbsthilfefonds ist es, im Falle der Insolvenz einer Mitgliedsgenossenschaft, die Einlagen der Sparer zu sichern. Bislang musste aber noch keine Genossenschaft auf diesen Fonds zurückgreifen.

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