Zeitung Heute : Sparen ist eine Selbstverständlichkeit

Diskutiert wird nur über die Anlageform und die Höhe – Vererben ist nicht so wichtig

Daniel Rhee-Piening

Jahrelang wurde den Deutschen nachgesagt, sei seien die Weltmeister im Sparen. Auch wenn dieses Bild zwischenzeitlich Risse bekommen hat, die jüngsten Zahlen machen den Bundesbürgern wieder alle Ehre. Die Deutschen haben im vergangenen Jahr erstmals seit der Wiedervereinigung wieder mehr gespart. 158 Milliarden Euro legten sie auf die hohe Kante. Allein das Geldvermögen wuchs auf 120,9 Milliarden Euro. Die Sparquote kletterte im vergangenen Jahr wieder auf 10,2 Prozent, erreichte damit allerdings alte Höhen nicht. Mitte der siebziger Jahre waren es zeitweise sogar mehr als 16 Prozent und im Jahr des Mauerfalls - 1989 - immerhin noch 14,8 Prozent.

Übertroffen werden die Deutschen in ihrem Spareifer derzeit in Europa noch von den Franzosen, den Belgiern, den Spaniern und den Niederländern. Die Franzosen beispielsweise geben immerhin 15,8 Prozent ihres verfügbaren Einkommens nicht aus. Dennoch, eines steht fest: Sparen in Deutschland ist weiterhin Bürgerpflicht.

Das Geldvermögen steigt nur langsam

Doch trotz dieses Eifers, das Geldvermögen der Deutschen ist im vergangenen Jahr nicht gewaltig gestiegen. Das neue Kapital hat nur zu einem geringen Zuwachs gereicht, denn die Kursverluste an den Aktienmärkten haben durchgeschlagen. Im vergangenen Jahr ist es netto nur um elf Milliarden Euro auf insgesamt 3653 Milliarden Euro gewachsen. Pro Haushalt ergibt dies aber immer noch die stolze Summe von 95100 Euro.

Schon vor Einführung der Riester-Rente hatte der durchschnittliche Deutsche, wenn er in den Ruhestand gin, ein finanzielles Vermögen angehäuft, von dem er zehn Jahre bequem leben könnte. Als ob es keine staatliche Rente gäbe.

Bei den Anlageformen haben die Bundesbürger prompt auf die drastischen Kursverluste an den Börsen reagiert, hat der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken festgestellt. Sie kehrten zurück zu den beliebtesten Anlagemöglichkeiten. Jeder zweite Euro wurde bei (Lebens-)Versicherungen gespart, jeder fünfte Euro wurde in Bankguthaben angelegt, während die Aktienbestände im vergangenen Jahr um 28,7 Milliarden Euro abgebaut wurden. Dennoch mussten die Sparer bedingt durch die Baisse an den Börsen schmerzliche Verluste hinnehmen. Allein beim Aktienvermögen sei – so wiederum die Volks- und Raiffeisenbanken – eine Einbuße von fast 100 Milliarden Euro zu verzeichnen, nur knapp 30 Milliarden Euro entfielen davon auf Aktienverkäufe. Das klassische Sparbuch konnte allerdings wegen der mageren Verzinsung keinen Boden gutmachen. Bevorzugt wurden Termingelder oder Sondersparformen aber auch Sparbriefe. Auch Tagesgeldkonten etwa bei den so genannten Autobanken oder den Direktbanken erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Gibt es dort doch bis zu 3,5 Prozent Zinsen vom ersten Euro an und dies mitunter bei täglicher Verfügbarkeit.

Nach wie vor beliebt sind auch Investmentfonds. Rund 40 Prozent ihrer Ersparnisse deponierten die Deutschen in dieser Form. Allerdings hat es auch hier Umschichtungen gegeben. Sicherheit geht auch hier vor. Aktienfonds sind out, Renten- und Geldmarktfonds sind in.

Nach einer Studie der Universität Mannheim zusammen mit dem Deutschen Institut für Altersvorsorge sparen die Bundesbürger sehr viel regelmäßiger und geplanter als bisher angenommen. Rund 40 Prozent der Haushalte sparen regelmäßig einen festen Betrag. Weitere 20 Prozent sparen ebenfalls regelmäßig, passen den Sparbetrag aber den Umständen an. Dennoch: Sparen scheint ein Wert an sich zu sein, haben die Forscher festgestellt. Nur ein knappes Viertel der Haushalte richtet sich bei der Entscheidung, ob überhaupt gespart wird, primär nach dem gerade verfügbaren Einkommen. Und selbst sieben Prozent jener Haushalte, die angaben, „am Monatsende hat das Geld nie gereicht“, schafften es, Teile ihres Einkommens zurückzulegen. Die Forscher ziehen daraus einen Schluss: Die Deutschen empfinden sogar ihre regelmäßigen Überweisungen auf das Sparbuch als Ausgaben. Auch dafür muss das Geld am Monatsende reichen.

Sparen, so haben die Forscher weiter herausgefunden, ist altersabhängig. Junge und Alte sparen weniger. Sowohl die Sparquote als auch die absolute Ersparnis steigen zunächst einmal an und erreichen im Alter von 30 bis 39 Jahren ihr Maximum. Danach geht es zwar mit der Quote und den Beträgen wieder bergab, aber auch die so genannten Alten sparen. Doch wer nun meint, die Alten dächten dabei an ihre Kinder und Enkel, irrt. Etwa 45 Prozent der Befragten gaben an, etwas zu vererben sei absolut unwichtig.

Traditionelle Motive

Triebfeder sind bei allen Altersgruppen traditionelle Motive. „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“ wussten die deutschen Großeltern. Nach diesem Spruch richten sich offenbar auch die Enkel. An erster Stelle stehen für die Bundesbürger die Rücklagen für unvorhergesehene Ereignisse (96 Prozent) und die Altersvorsorge (91,4 Prozent). Weniger wichtig werden Rücklagen für Urlaube sowie größere Anschaffungen eingeschätzt.

Doch nicht nur für den Einzelnen ist Sparen von Bedeutung, sonderen auch für die gesamte Volkswirtschaft. Darauf machen die Genossenschaftsbanken aufmerksam. Denn mit ihrem Spargroschen stellen die Verbraucher der Wirtschaft Investitionskapital zur Verfügung. Abzüglich der Ausgaben für Sachvermögen stellten die Bundesbürger der Wirtschaft und dem Staat über Aktien und Anleihen im vergangenen Jahr 99 Milliarden Euro zur Verfügung. Dazu kamen noch einmal 15,6 Milliarden Euro aus dem Finanzsektor. Den größten Teil beanspruchte der Staat – mehr als 53 Milliarden Euro.

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