Zeitung Heute : „Sparringspartner der Chefredakteure“

Urban Media GmbH

Herr Stolte, nach unserer Rechnung sind Sie länger beim ZDF, als das ZDF auf Sendung ist.

Ich habe am 1.Mai1962 beim ZDF angefangen. Das heißt, es werden bald ziemlich genau 40 Jahre.

Und jetzt gehen Sie nach Berlin.

Ich hoffe nur, dass Berlin so spannend wird wie meine Zeit beim ZDF.

Sie werden Anfang April Herausgeber von „Welt“ und „Berliner Morgenpost“. Haben Sie geahnt, wie spannend es dort zugehen würde?

Nein. Die neue Aufgabe verdankt sich ohnehin einem Zufall. Den ich allerdings freudig ergriffen habe.

Wann ist man zum ersten Mal an Sie herangetreten?

Mathias Döpfner, …...

...der neue Springer-Vorstandsvorsitzende…

… hat mich Ende August 2001 gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, nach Berlin zu kommen, um im Hause Springer eine Aufgabe zu übernehmen. Ich sollte Herausgeber der „Welt“ werden, und es war von einer weiteren Zeitung die Rede. Dass es die „Morgenpost“ werden würde, kam nicht zur Sprache. Und ich habe auch nicht nachgefragt. Einige Wochen später wurde ich informiert.

Werden Sie sich in den Redaktionsalltag einmischen?

Ich werde Ihnen hier mit Sicherheit keine Erklärungen darüber abgeben, was ich zu tun gedenke, bevor ich nicht bei der Redaktion angekommen bin. Nur soviel: Ich werde beiden Chefredakteuren, wenn Sie so wollen, als Sparringspartner zur Seite stehen.

Ihren Traum vom Glück haben Sie einmal so formuliert: Harmonie ohne Langeweile. Jetzt kommen Sie zu Zeitungen, in denen es zurzeit zwar keine Langeweile, aber sicher auch keine Harmonie gibt. Haben Sie keinen Bammel?

Ich wurde immer gebraucht, wo es schwierig war. Leichte Aufgaben hat mir noch keiner angeboten.

Was reizt Sie mehr: die neue Aufgabe oder die Stadt?

Es ist die Herausforderung, Zeitung zu machen. Die Zeitung ist doch immer noch die Grundlage aller journalistischen Tä tigkeit. Und nach Berlin komme ich gewissermaßen zurück. Ich habe als Kind in Charlottenburg gelebt, ehe meine Familie 1943 als Folge des kriegsbedingten Verlustes ihrer Wohnung nach Saarbrücken evakuiert wurde.

Werden Sie nach Berlin ziehen?

Man kann nur dann eine Zeitung in Berlin mitgestalten, wenn man weiß, was in der Stadt vor sich geht. Man muss die Stadt fühlen, sonst begreift man nichts. Wir werden erst einmal in der Nähe des Gendarmenmarktes wohnen.

Sie werden also Berliner?

Ich habe es immer so gehalten, dass der Arbeitgeber und die Mitarbeiter wissen: Hier kommt einer, der nicht auf Durchreise ist.

Die Zahl der Zeitungsleser in Berlin nimmt ab. Wie wollen Sie diesen Trend stoppen?

Ich glaube nicht, dass es berlinspezifische Gründe sind. Es herrscht ganz allgemein unter den Medien eine Konkurrenz, die manchmal auch die gegenseitige Vernichtung zum Ziel hat. Das nützt keinem, das schadet nur. Was Berlin betrifft: Es geht darum, diesen Prozess des Leser-Rückgangs zu stoppen. Erst danach kann es eine Wende zum Besseren geben. Das wird meine Aufgabe sein.

Was kann die Zeitung vom Fernsehen lernen?

Für die Leser einer Zeitung gilt das Gleiche, was für die Fernsehzuschauer gilt: Lerne sie kennen, nimm sie ernst, und versuche, ein Angebot zu machen, das Information, Beratung und Unterhaltung vereint. Aber sieh’ davon ab, die Leser mit deinen persönlichen Wü nschen zu indoktrinieren.

Erscheint Ihnen die „Berliner Morgenpost“ nicht ein bisschen zu regional?

Ich wäre glücklich, wenn es in Mainz eine so lebendige und intelligent gemachte Stadtzeitung gäbe.

Was war das jetzt: vorauseilende PR?

Eine überprüfte Feststellung.

Berlin gilt, zumindest was die Stadtpolitik betrifft, immer noch als sehr provinziell.

Sie scheinen noch keine Provinz kennen gelernt zu haben. Außerdem lege ich dem Wort Provinz nicht den negativen Beigeschmack bei, den Sie offensichtlich mit Ihrer Frage unterstellen…

… möglicherweise unterstellen…

…also gut, möglicherweise unterstellen. Mainz und Berlin sind nun wirklich inkommensurabel. Wenn man Berlin mit anderen Städten vergleichen will, dann vielleicht mit Hamburg, Köln oder München. Mainz hat ja nicht einmal die Größe eines Berliner Stadtteils.

Und trotzdem gehen Glü cksgefühle durch diese Metropole Berlin, wenn zum Beispiel die Reiterstaffel der Polizei gerettet wird.

Gott sei Dank ist das so. Je mehr die Menschen mit den Problemen der Ferne konfrontiert werden, desto größer ist ihr Bedü rfnis nach Nähe und Überschaubarkeit. So wie sie wissen wollen, dass das, was ihnen ans Herz gewachsen ist, erhalten bleibt. Das gehört zum Wesen des Menschen.

Was wissen Sie „von denen da unten“?

Sie unterliegen offensichtlich dem irrigen Eindruck, ich hätte mich nur mit dem Schieben großer Wolken befasst. Ich habe mich als Intendant ums Große ebenso wie ums Kleine gekümmert. Wer nicht die Kraft und die Liebe zum Detail hat, wird sein Ziel auch im Großen verfehlen. Sie glauben gar nicht, wie viel scheinbar Unbedeutendes ich in meinem Leben schon mit Gewinn gemacht habe.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ ist Ihre Lieblingszeitung. Werden Sie auch die „ Welt“ lieben können?

Ich werde mithelfen, dass die „Welt“ es mir schwer macht, weiter die „Frankfurter Allgemeine“ lesen zu müssen.

Aber noch steht die „FAZ“ ganz oben?

Die „FAZ“ und die „Neue Zürcher Zeitung“ sind die beiden führenden deutschsprachigen Zeitungen, die jedenfalls meinem Lesebedürfnis in einem hohem Maß entsprechen. Wenn die „Welt“ aufschließen könnte, dann wä re das eine großartige Sache.

Herausgeber schreiben gern Kolumnen. Sie auch?

Sie werden bemerkt haben, dass Intendanten dazu neigen, Fernsehdiskussionen zu leiten, manche neigen sogar dazu, als Schauspieler in eigenen Fernsehfilmen aufzutreten. Und Sie werden auch bemerkt haben, dass ich das alles nicht getan habe. Ich werde meine Zeit nicht damit vergeuden, tüchtige Schreiber aus dem Blatt zu drängen.

Herr Stolte, warum genießen Sie nach 40 Jahren ZDF nicht ganz einfach das Leben?

Den lieben langen Tag nur noch Rosen zu schneiden und den Hund auszuführen, entspricht in keiner Weise meiner Vorstellung von einem schönen Leben, schon gar nicht von einem tätigen Menschen.

Das Gespräch führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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