Zeitung Heute : Spaß strengt an

CHRISTOPH FUNKE

Büchners "Dantons Tod" im Berliner Theater unterm DachVON CHRISTOPH FUNKEDie Revolution als Clownsspiel.Und auch die Clowns sind nicht frei.Aber sie halten zusammen, drei Männer mit dick wattierten Schenkeln und Bäuchen, von leichter Gaze umhüllt, stark geschminkt - rot, weiß, schwarz: Ritter, Tod und Teufel oder Danton, Robespierre und Camille Desmoulins.Denn wir sind bei Büchner, auf dem Programmzettel steht: Koproduktion des Theaters des Lachens Frankfurt (Oder) und des Theaters unterm Dach Berlin: Dantons Tod. Die Drei auf der glühbirnengeränderten Bühne (Marianne Hollenstein) treiben Unfug.Die Couch muß in den Keller sagen sie immer wieder, und mit dem "Schlüpper" haben sie so ihre Schwierigkeiten.Sie halten Reden, werfen sich in Posen des klassischen Balletts, versuchen einen Striptease, duellieren sich, singen voller Rührung und spielen Teddybär.Alltägliches, Belangloses, Nichtiges werden sie nicht los.Büchners hochgeladener Text kippt in Dialekt, Straßenidiom, Biertisch-Gesülze.Die Revolutionäre sind fett geworden, und sie langweilen sich.Spaß muß her, aber das strengt doch auch an.Denn was bringt das schneidige Agitieren auf dem winzigen Holzbrettchen schon ein? Hört noch einer zu? Und bringt es was, sich heute an das tugendhafte Kopfabschlagen von damals zu erinnern? Aber der Unfug, der da getrieben wird, hat Format.Die drei Clowns sprühen vor Witz, wenn sie sich in Stellung bringen, die Szenen zurufen, in die sie gerade eingestiegen sind, martialisch mit dem mächtigen Schwert hantieren - oder sich einfach in den Bauch stupsen.Ralf Bockholt, Thomas Jahn und Frank Panhans gehen, stolpern, schreiten barfuß über ihren roten Teppich und schweben immer eine Handbreit über dem Boden.Nichts ist wirklich.Sie spielen viele Rollen, Männer und Frauen.Sie finden sich in einen Text und lassen ihn ärgerlich beiseite.Sie werden gepackt vom Pathos und verlachen es.Die Spieler von heute überantworten das Wissen von heute an bunte Gesellen, an Gliederschlenkerer.So können sie Geschichte ernst befragen - und nach Späßen durchstöbern.Sie brauchen nichts als einen stoffbespannten Rahmen und winzige Brettchen zum Posieren, um ein Drama in achtzig pausenlosen Minuten mutwillig zu zertrümmern und neu hinzusetzen.Am Ende sind alle tot, auf dem schwarzen Tuch - und nach dem Tod kommt noch das große Gelächter.Licht ausblasen! Dunkel. Das "Theater des Lachens" in Frankfurt (Oder) gibt es seit fünf Jahren.Die Synthese von Puppenspiel und Schauspiel prägt die Arbeit der Truppe, die besonders seit ihrer Inszenierung "Kohlhaas" nach Kleist erfolgreich ist und bereits mit mancherlei Preisen bedacht wurde.Mit "Dantons Tod" wird unter der Regie von Astrid Griesbach dieser respektlose Umgang mit großer Dramatik fortgesetzt, nicht um zu verhöhnen, sondern um zu erhellen.Die drei Darsteller lesen den Büchner-Text mit dem kindlichen Trotz dick und alt gewordener Kinder, die in das Paradies der Naivität, der Unschuld und, das vor allem, der Gläubigkeit gegenüber heroischen historischen Abläufen zurückwollen.Sie schaffen es nicht, aber sie führen ihr Scheitern zu vehement, so ausdrucksstark, so gestisch befeuert und mit runden, staunenden Augen inmitten tiefschwarzer Schminke vor, daß sich Trauer und Ohnmacht in Überlegenheit verwandeln.Ein revolutionäres Bauchgrimmen, das die Zuschauer nur zu gut kennen, werden die Clowns freilich dennoch nicht los.Beifall, Bravorufe.Theater unterm Dach, Danziger Straße, wieder am 4.und 5.Dezember und vom 16.bis 18.Januar 1998, jeweils 20 Uhr.

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