Zeitung Heute : Spatenstich auf "digitalem Bauland"

KURT SAGATZ

Die ersten Bilder auf den digitalen Globus erscheinen seltsam vertraut.Doch bereits nach einigen Momenten wird klar, daß die virtuelle Umsetzung der Erde mit Hilfe des Projektes "Terravision" mehr ist als ein abfotografiertes und in den Computer eingescanntes Abbild der Wirklichkeit.Stufenlos und ohne Ruckeln fährt die imaginäre Kamera von Menschenhand gesteuert näher an die Erde heran.Der europäische Kontinent, erst nur in Umrissen zu erkennen, gewinnt zusehends Gestalt.Und weiter geht die Fahrt, Richtung Deutschland, genauer gesagt: die norddeutsche Tiefebene.Je näher das Bild an Hannover herankommt, desto detaillierter werden die Ansichten, bis schließlich unverkennbar das Messegelände mit dem Hermesturm auf der Leinwand auftaucht.Doch wer das Gelände der Deutschen Messe AG genauer kennt, merkt sofort, daß dort etwas nicht stimmt.Es sind Gebäude zu sehen, die dort in der Realität zumindest noch nicht stehen, denn die computergenerierten Bilder gewähren einen Blick in die Zukunft - auf die Expo 2000.

Für die Organisatoren der Weltausstellung hat diese Zukunft längst begonnen.Mit Hochdruck wird an der Vorbereitung des Geländes für die Expo gearbeitet, müssen Hallen und Länder-Pavillons geplant und Entwürfe abgesegnet werden.Die Deutsche Telekom hat der Expo-Gesellschaft mit "Terravision" ein Werkzeug an die Hand gegeben, um frühzeitig prüfen zu können, wie sich die Planungen in das Gesamtbild der Weltausstellung einfügen."Gestaltung des digitalen Baulands", nennt dies der zuständige Berkom-Abteilungsleiter Andreas Bläse Mit der Realisierung der Software-Lösung hat sich die Telekom an die Visualisierungsspezialisten der Berliner Multimedia-Firma art + com gewandt.Dort entstand die Idee zu "Terravision" bereits 1994.Schon bei der Börseneinführung der Telekom an der Wall Street und in Frankfurt wurde die beeindruckende Szenerie den staunenden Aktionären vorgeführt.Die dort geleistete Vorarbeit ist die Basis für das Expo-Projekt, das einerseits Planungshilfe und andererseits Ausweis für die Möglichkeiten der Computervisualisierung und somit bereits heute eines der ersten Ausstellungsgegenstände der im werden befindlichen Weltausstellung ist.

Für die Telekom ist das "Terravision"-Projekt zur Expo natürlich auch ein Exempel, welche technologischen Möglichkeiten die eigenen Netztechniken bieten.So ist es durchaus eine Herausforderung, die aufwendig in Echtzeit berechneten Computerbilder, für deren Erstellung noch immer Hochleistungsrechner von SGI benötigt werden, über ein Glasfaserkabel beispielsweise im Expo-Cafe in der Hannoveraner Innenstadt vorzuführen.Doch damit nicht genug: Es wird nun daran gedacht, die Einführung der Hochgeschwindigkeitstechnik auf Basis herkömmlicher Kupferadern - bekannt geworden unter dem Kürzel ADSL - in Hannover auf Mitte 1999 vorzuziehen, um die Leistungsfähigkeit dieser Übertragungstechnik bereits im Vorfeld der Expo unter Beweis zu stellen.

Man muß allerdings nicht erst in die Zukunft schauen, um zu erkennen, welche Formen der Zusammenarbeit auch über große Distanzen möglich sind.Beinahe täglich tauschen die Expo-Betreibergesellschaft in Hannover und die Leute von art + com in Berlin Daten via Telekom-Leitungen für das "Terravision"-Projekt aus, erläutert Projektleiter Gert Monath, der übrigens über die Architektur-Fotografie zur Erstellung der virtuellen Welten kam.Mehrmals wöchentlich wird dann die jeweils aktuelle Version erstellt, die wiederum via Datenleitung nach Hannover gelangt, um dort beispielsweise den Botschaftern der Teilnehmerländer gezeigt zu werden.

Die Simulation läßt sich nicht nur zur Planung des Gebäudes, sondern auch der Geländeinfrastruktur nutzen.So kann bereits heute überprüft werden, ob das geplante Beschilderungskonzept seinen Zweck erfüllt.Dies spart nicht zuletzt Kosten, ein wichtiges Thema für Expo-Chefin Birgit Breuel.Noch wichtiger ist es allerdings, mittels Simulation die Effektivität beispielsweise der Fluchtwege oder auch des Verkehrsmanagements zu kontrollieren.

Stück für Stück fügt sich durch die verschiedenen "Terravision"-Projekte ein immer dichteres virtuelles Abbild der Welt.Das dahinterstehende Datenmaterial sprengt dabei zunehmend die Kapazitäten einzelner Rechner.Hier kommt wiederum die Telekommunikation zu Hilfe, die als Bindeglied zwischen den verteilten Informationsträgern dient.Anstatt alle Informationen ständig lokal vorzuhalten, ermöglichen die Datenleitungen den ständigen Zugriff auf aktuelle Daten aus aller Welt, beispielsweise durch Verknüpfung virtueller Orte in "Terravision" mit Inhalten aus dem Internet.Am Beispiel der Expo könnte das so aussehen, daß der virtuelle Rundgang nicht vor den Ausstellungshallen und -Pavillons endet, sondern dort durch Brückenschläge ins World Wide Web beliebig erweitert wird.Damit könnte der Begriff Weltausstellung eine ganz neue, dem Gewicht der neuen Medien entsprechende Bedeutung erhalten.Die Optionen dafür sind vorhanden, die Expo-Gesellschaft muß sie nur noch nutzen.

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