Zeitung Heute : "Speicherbares ist abrufbar"

REINHART BÜNGER

"Neue Technologien haben stets Phantasie, Spieltrieb und Unternehmensgeist der Menschen beflügelt", so umriß Georg Kofler, Vorstandschef der Münchner Pro Sieben AG, seine Firmenphilosophie anno 1993 anläßlich eines Kongresses des "Münchner Kreises" vor Kommunikationswissenschaftlern.Was damals als Flackern in der grauen Theorie in der Kommunikationswelt von morgen aufleuchtete, soll sechs Jahre später endlich heitere Realität werden: Mit dem Kauf aller Gesellschafteranteile der ehemaligen DDR-Nachrichtenagentur ADN hat Kofler über eine Tochterfirma der Pro 7-Digital Media AG einen Transmissionsriemen geschlossen, der die Digitalisierung am entscheidenden Punkt befördern soll.Bisher nämlich ging das Interesse des Nutzers an neuer PC- und TV-Technik einher mit einem erheblichen Desinteresse an herkömmlichen Softwareangeboten.

"Den Kunden müssen neue, attraktive Programme und Dienste geboten werden", meint Kofler, "ohne Entertainment und ohne neue inhaltliche Anwendungsmöglichkeiten bleibt die schönste Technik kalt und unverkäuflich." Wohl dem, der in der Übergangssitutation von den analogen Übertragungstechniken zum digitalen Fernsehen die richtige Software besitzt.Ausgestattet mit einem Programmfundus im Wert von mehreren Milliarden DM kann der Privatsender mit dem jugendlichen Image weit über das Jahr 2000 aus dem vollen schöpfen und sich als Spielfilmsender profilieren.Das Fernseh- (und Kern-)Segment des börsennotierten Unternehmens ist gut bestückt.Mit dem Kauf den ADN soll nun das Segment Multimedia ausgebaut werden.Im vergangenen Jahr setzte Kofler mit Onlineangeboten, Videotext, Auslandswerbefenstern und Business Communication 22,9 Millionen DM um.Die interessanteste Software, die in diesem Bereich zu haben ist, setzt sich aus Wirtschaftsnachrichten zusammen.Unternehmenssprecher Torsten Rossmann macht auf Anfrage keinen Hehl daraus, daß vor allem diese News Pro 7 zum Kauf von ADN bewegten: "Es geht uns vor allem um die Wirtschaftsnachrichten - entscheidend ist, daß man die Originalrechte hat." Die Online-Angebote der Pro 7-Media-AG und die Videotexte der Sender Kabel 1 und Pro 7 sollten mithilfe der Agentur angereichert werden.Damit macht Kofler dem gedruckten (Wirtschafts-)Wort Konkurrenz.Große deutsche Tageszeitungen wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die "Süddeutsche Zeitung", "Die Welt" haben soeben den Wirtschaftsteil erweitert; auch Regionalzeitungen wie das "Hamburger Abendblatt" und die "Stuttgarter Zeitung" folgten dem Trend, der sich auch in den Bemühungen der Londoner "Financial Times" um eine deutschsprachige Ausgabe ausdrückt.Neben dem Rechtebesitz an Wirtschaftsnachrichten steht beim Pro 7-Deal mit ADN ein zweiter Aspekt im Vordergrund: die Aktualität und der technische Zustand der News."Was speicherbar ist, ist auch abrufbar", gibt Rossmann den einfachen Gedankengang wieder, der den Münchner Sender nach Berlin führte.In vier Jahren, so die Pro 7-Prognose, besitzen ein Drittel der Haushalte einen internetfähigen PC.Spätestens dann soll wahr werden, was der quirlige Medienunternehmer aus Südtirol dem Münchner Kreis 1993 entwickelte: "Ein erheblicher Teil der Produkt- und Dienstleistungsangebote, die heute in Gestalt von vielen Tonnen Papier die Briefkästen der Konsumenten verstopfen, wird auf elektronischen Wegen in die Haushalte kommen."

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