Spenden : 3 … 2 … 1 … deins!

Trotz Weltwirtschaftskrise – die Deutschen spenden Geld. Sie geben es den klassischen Großorganisationen der Entwicklungshilfe, aber auch einem Berliner und seiner Stiftung. Deren Idee: Helfen von Mensch zu Mensch, via Internet

Katja Reimann
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Big Spender. Till Behnke, Gründer und Geschäftsführer des Wohltätigkeitsportals betterplace.org. Foto: Mike Wolff

Als Till Behnke das Flugzeug aus Deutschland verließ, nahm ihm die Hitze Südafrikas die Luft zum Atmen. Es war das Jahr 2000. Behnke kam zum Rugbyspielen nach Kapstadt, als Vertragsspieler im Privatklub der Universität. Sonne, Strand und Mädchen. So stellte er sich das vor. Der Bus, der vom Flughafen in die Innenstadt fuhr, durchquerte die Armenviertel, die Townships, in die sich Weiße nicht trauen und Touristen schon gar nicht. Behnke wusste nicht, wohin schauen. Vor Schreck.

In einem dieser Viertel wohnte ein Mann namens Lethu. Er hatte eine Frau und drei Kinder und sonst nicht viel. Für ihn rührte Till Behnke, Monate nach seiner Ankunft, Mörtel an, mitten im Township. Für eine Organisation, die an der Universität um Helfer warb. Gemeinsam mit lokalen Handwerkern bauten sie ein kleines Haus für Lethus Familie. Aus Stein. Nicht aus Wellblech und Holz.

Lethu war glücklich, Till Behnke war glücklich. Das Gefühl vergaß er nicht.

Heute, acht Jahre, ein Studium und eine Fast-Karriere später, sitzt Behnke – 29 Jahre alt, mittelgroß, braune Haare, blaue Augen – in Berlin-Kreuzberg unterm Schrägdach einer alten Fabrik. Auf 300 Quadratmetern verteilen sich um ihn herum Holztische, Laptops, Kabel, Telefone, ein Faxgerät. Von hier aus versucht Behnke das gute Gefühl von damals zu verbreiten. Von hier aus betreibt er die Stiftung Betterplace, sie ist sein Versuch, die Welt besser zu machen.

Die Stiftung ist im Grunde nur eine Internetplattform. Betterplace.org. Sie bringt Hilfesuchende und Helfer zusammen. Projekte aus aller Welt – soziale, ökologische –, die Unterstützung suchen, stellen sich dort vor. Das kann ein Rentnerehepaar im Libanon sein, das nach einem Wohnungsbrand alles verloren hat und nun 500 Euro erbittet. Oder die Kita Silberstern in Berlin-Wedding, die für ein Schaukelpferd Geld sammelt. Für jedes Projekt gibt es ein sogenanntes Vertrauensnetz aus Fürsprechern und Menschen, die das Projekt gesehen haben: Entwicklungshelfer, Touristen oder Nachbarn. Aus Blogeinträgen, Fotos und Kommentaren entsteht ein Bewertungssystem. Wer dem traut, der spendet. Das Geld soll direkt an die gehen, die es brauchen, und nicht in den Verwaltungsstrukturen großer Organisationen verschwinden.

Denn große Organisationen haben Vertrauen verloren, zum Beispiel das Kinderhilfswerk Unicef nach dem Bekanntwerden von Verschwendungs- und Misswirtschaftsvorwürfen vor eineinhalb Jahren. Doch es ist nicht so, dass deshalb weniger gespendet wird, die Weltwirtschaftskrise scheint das Bewusstsein für Not geweitet zu haben. Die Menschen würden erkennen, dass in Krisenzeiten noch mehr gebraucht werde als ohnehin schon, sagen beispielsweise die Leute vom Deutschen Roten Kreuz. Aber laut Deutschem Spendenrat – dem Dachverband spendensammelnder gemeinnütziger Organisationen – wächst eben auch der Wunsch zu sehen, was das gegebene Geld bewirkt.

Das weiß auch der Berliner Pfarrer Martin Germer, der beim gerade laufenden Fundraising-Kongress in Fulda über die Sammelaktion für den Ruinenturm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche berichten soll. Die Kirche hat im November 2007 eine Internetseite für ihre Spendenaktion eingerichtet. Man sieht, worum es geht, wird mehr oder weniger aktuell auf dem Stand gehalten. „200 000 Euro fehlen noch“, steht oben auf der Seite. Es gibt viele Kleinspender und einige große, darunter die Berliner Wall AG.

Auch Betterplace ging im November 2007 ans Netz. 10 000 Menschen haben sich dort bisher registrieren lassen, 800 soziale Projekte aus mehr als 100 Ländern können derzeit gefördert werden. Rund 750 000 Euro hat Betterplace bereits an Spenden generiert und weitergegeben.

Wenn man bedenkt, dass ein großer Teil des Geldes von Kleinstspendern stammt, also Menschen, die weniger als 100 Euro geben, dann erscheint eine Dreiviertelmillion als nicht wenig. Dennoch, eine etablierte Organisation wie Brot für die Welt trug nach eigenen Angaben 2007 knapp 52,8 Millionen Euro zusammen, Unicef Deutschland hatte im gleichen Jahr laut Geschäftsbericht insgesamt 94,7 Millionen Euro zur Verfügung. Zwei Milliarden Euro spendeten die Deutschen im Jahr 2007 insgesamt.

Und nun soll eine Internetplattform das Spenden reformieren? Nun glaubt einer, er könne die Welt online retten?

„Abenteuerlich“ findet Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) dieses Konzept, weil ihm Hinweise zu internen und externen Überprüfungen der Projekte fehlen. Die Idee des subjektiven Erfahrungsaustauschs sei zwar gut, aber nicht ausreichend. Das DZI vergibt das Spendensiegel, eine Art Gütezeichen für Hilfsorganisationen. Betterplace hat das nicht.

Die Kommentatoren im Betterplace-Netz könnten lügen, könnten mit bildreichem Aufwand vortäuschen, afrikanischen Kindern zu helfen, während sie das Geld für eigene Zwecke nutzen. „Eine Garantie gibt es in der Entwicklungshilfe nie“, sagt Till Behnke. Auch Betterplace garantiere für nichts. Deswegen solle jeder nur dem vertrauen, den er kennt.

Doch was heißt schon „kennen“ im Web 2.0? Es ist die Generation Facebook, die Betterplace erreichen will, Menschen, die jünger sind als der private Durchschnittsspender: In rund 54 Prozent der Fälle, das fanden der Deutsche Spendenrat und die Gesellschaft für Konsumforschung heraus, ist der älter als 60, nur rund fünf Prozent sind jünger als 29. Betterplace zielt auf die, die ihre Bekanntschaften online pflegen, kreuz und quer durch die Welt. Die im anonymen Netz vielleicht schon ein lächelndes Gesicht auf einem Foto an Freundschaft denken lässt. Und sie klicken und spenden. 50 Euro für ein Elefanten-Schutzprojekt am Kilimandscharo, 30 Euro für Wasserzisternen in Panama. „Auf Betterplace sind Freunde immer noch echte Freunde“, behaupten die Betreiber zwar. Trotzdem: Es ist Hilfe nach Sympathie, nicht nach Dringlichkeit.

Es gab schon vor Betterplace ähnliche Plattformen im Netz. Gute-Tat.de für ehrenamtliches Engagement zum Beispiel oder helpdirect.org. Die Seite vermittelt seit zehn Jahren Spenden an Hilfsorganisationen in 130 Ländern. Betterplace will anders sein, persönlicher.

Behnke revolutioniere so die Beziehungen zwischen Geber und Nehmer, sagt man bei Ashoka, einer gemeinnützigen, internationalen Organisation, die soziales Unternehmertum fördert und zu der auch Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus gehört. Sie zeichnete Behnke Ende 2008 als „social entrepreneur“ aus.

Der hat noch nicht eine Sekunde lang an seiner Idee gezweifelt, sagt er. Wenn Behnke erklärt, wie Betterplace funktioniert, dann malt er Kreise, Pfeile und Kästchen auf Papier, kritzelt Zahlen und Prozentangaben dazu. Die Plattform ist sein Startup-Projekt, er der Geschäftsführer. „Er reißt hier alle mit“, sagen seine Mitarbeiter.

Zukunftsängste habe er keine. „Wenn’s schiefgeht, dann mach ich wieder was anderes“, sagt Behnke und ergänzt: „Ich bin kein Sicherheitstyp.“

Gar nicht lange her, im Sommer 2006, da wäre er beinahe so einer geworden, ein Sicherheitstyp. Er hatte Wirtschaftsinformatik studiert, war nun Projektleiter bei Daimler Financial Services in Berlin – und auf dem Sprung zur großen Karriere. Er sollte firmenweit das Computersystem optimieren. Man bot ihm Dienstwagen und -handy und ein gutes Gehalt. Behnke bekam Angst. Er wollte raus aus dem Job, schnell, „bevor die Versuchung kommt“. Je mehr du hast, desto mehr wirst du wollen, dachte er sich damals. Welche Versuchung? „Eigenheim und so“, erklärt er. Behnke kündigte.

Was er stattdessen tun wollte, das wusste er da schon. Genug Zeit zum Nachdenken war ihm auf seinen Dienstreisen geblieben, im Flugzeug, im Hotel. Da träumte er von Südafrika. Und davon, wie gut es sich anfühlt, zu helfen, Verantwortung zu übernehmen.

Nach der Kündigung trieb er die Idee für Betterplace voran. Er sammelte Berater und Freunde um sich. Eine Entwicklungshelferin zum Beispiel, einen Programmierer, einen Werbefachmann. Mitte 2007 traf Behnke auf das Ehepaar Stephan und Joana Breidenbach, er Juraprofessor, sie Kulturanthropologin. Auch sie wollten ein ähnliches Netzwerk errichten, hatten gute Kontakte, Erfahrung – sie schlossen sich zusammen, gründeten die gemeinnützige Stiftungs-GmbH Betterplace. 150 000 Euro Startkapital investierten sie. Behnke opferte seine Ersparnisse, andere Investoren gaben Zuschüsse. Einer davon ist Jörg Rheinboldt, der ehemalige Geschäftsführer von Ebay Deutschland. Behnkes Ex-Arbeitgeber Daimler Financial Services wurde Hauptpartner, sicherte zunächst 60 000 Euro pro Jahr zu.

Die laufenden Kosten von Betterplace finanzieren Privatleute und Firmen, oder sie helfen mit Sachleistungen. Die Werbeagentur Scholz & Friends gehört dazu, der Musiksender MTV und – auch hier – die Berliner Wall AG. Geld soll auch durch die Betterplace Solutions GmbH an die Stiftung fließen. Die Stiftungstochter ermöglicht es Firmen, gegen Bezahlung ihr soziales Engagement auf der Plattform zu präsentieren. In 18 Monaten, hofft Behnke, wird sich Betterplace so endlich selbst finanzieren können. Sieben von 20 Mitarbeitern kann er inzwischen ein festes Gehalt zahlen, die anderen sind Praktikanten oder arbeiten ehrenamtlich.

Hat man für eines der Betterplace-Projekte Geld gespendet, dauert es ein paar Wochen, bis es beim Projekt ankommt. Dafür allerdings werde, so wirbt Betterplace, die Spende vollständig weitergeleitet.

Ein Versprechen, das DZI-Mann Burkhard Wilke für ebenso problematisch hält wie das „Vertrauensnetz“. Weil es ja sein könnte, dass dort, wohin Betterplace das Geld leitet, durchaus Werbe- und Verwaltungskosten anfallen.

Seit kurzem erhält Betterplace Hilfe von einem McKinsey-Unternehmensberater. Den stellt Ashoka. Das ist der eine Teil von Behnkes Auszeichnung, finanzielle Unterstützung für den Betterplace-Gründer der andere. Eine Erleichterung für Behnke, denn seit vergangenem Sommer trägt der Weltverbesserer noch mehr Verantwortung – als Vater. Wenn er abends bei seinem Sohn ist, dann stellt er Handy und Blackberry aus.

Die Welt, sagt er, könne er jeden Tag nur ein Stückchen retten. Des Nachts wird sie schon nicht untergehen.

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