Zeitung Heute : Spettacolo Italia

Grenzenlos und überall: Berlusconi tanzt im Land wie auf einer Bühne. Für die Wahl im April will er sogar einen Film über sich drehen

Paul Kreiner[Rom]

Silvio Berlusconi hat sich der ehernen Macht des Gesetzes gebeugt. Er ist zurückgetreten. Nach 18 Jahren und neun Monaten, nach sieben Meistertiteln und zahlreichen internationalen Pokalen, nach einer galaktischen Geldvermehrung – kurz und gut: Nach einer von ihm auch so betrachteten Weltspitzenleistung hat Berlusconi die Präsidentschaft beim Fußballklub AC Mailand abgegeben. Die neuen Regeln verlangen das so. Eine jahrelange, aktive Tatenlosigkeit energisch beendend, hat das Parlament beschlossen, dass Regierungspolitiker zur „Vermeidung von Interessenkonflikten“ nicht gleichzeitig ein Unternehmen führen dürfen.

„Ach ja?“, fragen sich die Italiener und grinsen. Denn der AC Mailand bleibt selbstverständlich im Familienbesitz derer von Berlusconi. Auch ist kein neuer Präsident ernannt; Adriano Galliani, der getreue Statthalter, führt die Geschäfte weiter wie bisher. Sogar der Regierungschef grinst. Es hätten sich, sagt er, parteiübergreifend schon einige Abgeordnete gefunden, die als Mailand-Fans ihn, Berlusconi, als Präsidenten zurückhaben wollten. Und das ließe sich ja ganz leicht bewerkstelligen: „Ein kleines Gesetzlein, auf mich persönlich zugeschnitten. In diesem Falle würde ich nicht einmal widersprechen.“

So leichtfüßig und selbstironisch kann wohl nur ein Berlusconi über die Abgründe der Demokratie und der Politik hinwegschreiten. Ein „Gesetzlein, auf ihn persönlich zugeschnitten“? Erst kürzlich hat das Parlament ein viel dickeres Gesetz dieser Art verabschiedet: Berlusconi und sein Anwalt Cesare Previti, Letzterer bereits der Richterbestechung überführt, haben nun strafrechtlich nichts mehr zu befürchten. Im gleichen Sinn wurden bereits die Bilanzfälschung entkriminalisiert, das Einholen von Beweisen im Ausland erschwert, die Unterzeichnung des internationalen Haftbefehls hinausgeschoben. Abgeordnete wollen jetzt auch noch jenes Mafiadelikt streichen, für das Berlusconis Parteimanager Marcello Dell’Utri im Dezember neun Jahre Haft aufgebrummt bekam.

Berlusconi baut noch weiter vor. Sein Verteidiger und Vertrauter, Gaetano Pecorella, ist seiner Honorare wegen nicht nur viertreichster Abgeordneter im Parlament. Viel bedeutsamer: Er leitet den Rechtsausschuss, arbeitet gerade an einer Reform der Strafprozessordnung und läuft sich schon mal für den versprochenen Posten beim Verfassungsgericht warm.

Mit einem „Gesetzlein“ zum Fernseh-Werbemarkt hat Berlusconi auch dafür gesorgt, dass sein Konzern Mediaset in diesem Jahr an die zwei Milliarden Euro mehr einnimmt; mit der Senkung des Spitzensteuersatzes bleiben über eine Million Euro seinem privaten Geldbeutel erhalten. Und gilt das „Gesetz zur Vermeidung von Interessenkonflikten“ eigentlich nicht auch für Verwandte ersten und zweiten Grades? Also für Berlusconis Bruder, für Sohn und Tochter, die sein Medienimperium führen? Aber niemand in Italien macht Aufhebens davon. Und der Regierungschef grinst.

Landtagswahlen stehen an. Anfang April werden 14 von 20 italienischen Regionalregierungen neu bestimmt. Eine enorm wichtige Wahl, denn sie kann Auskunft darüber geben, wohin sich Italien in den kommenden Jahren bewegen wird, ob Berlusconi bei den Parlamentswahlen von 2006 eine Chance auf weitere vier Jahre hat.

Der beruhigt sein Vierparteienbündnis „Haus der Freiheiten“ mit der frohen Kunde, man liege laut den Umfragen drei Prozentpunkte vor der zerstrittenen Mitte-links-Opposition. Aber das reicht ihm nicht. Jetzt will Berlusconi das Wahlrecht ändern und die „par condicio“ abschaffen, jenes „Knebelgesetz“ – so nennt er’s –, das allen Parteien gleiche Sendezeit bei Werbespots im Fernsehen sichert. „Wir brauchen modernere Regeln“, sagt der Jurist Berlusconi, der einst eine preisgekrönte Doktorarbeit über den Werbemarkt geschrieben hat: „Denken Sie nur an Coca-Cola. Wenn die ihren Marktanteil um ein Prozent erhöhen wollen, dann müssen sie nach einem wissenschaftlichen Gesetz ihren Werbeaufwand um fünf Prozent steigern. Gleiches gilt für politische Wahlen.“

Dass Berlusconi als Herr über die drei größten Privatsender und als oberste Instanz beim Staatsfernsehen RAI praktisch jetzt schon alle Freiheiten hat, das sagt er nicht. Aber es weiß ohnehin jeder. Und wenn die Opposition nun einwendet, sie werde bei einer Abschaffung der „par condicio“ von Berlusconis Medienmacht noch weiter niedergewalzt? Dann antwortet der: „Wenn die nicht mitmachen, beschließen wir die Änderung eben allein mit der Koalitionsmehrheit.“

Neuerdings denkt Berlusconi über einen Film nach, der den glorreichen Aufstieg seiner Partei, der Forza Italia, nachzeichnen soll, im Graubereich zwischen Dokumentation und historisch-fiktivem Spielfilm – ganz so wie der Streifen über den Papst, der kürzlich mit Riesenapplaus bei Mediaset gelaufen ist. Berlusconi will damit den Erfolg jenes Hochglanzkatalogs wiederholen, den er vor der Parlamentswahl 2001 an alle italienischen Haushalte geschickt hat. Er fürchtet nur, ein anderes Filmprojekt könnte ihm zuvorkommen: Regisseur Nanni Moretti hat seinen zweiten Berlusconi-Film angedroht. Arbeitstitel: „Der Kaiman“.

Berlusconi steckt voller Elan. Im September ist er 68 Jahre alt geworden und immer einen Grad lebhafter gebräunt als seine Umgebung. „Damit die äußere mit der inneren Jugend übereinstimmt“, hilft er seiner da und dort allmählich schwächelnden Natur nach: Lifting zu Neujahr 2004, Haartransplantation im August. „Die wachsen wunderbar“, sagt er, „es war schon gut, dass ich mich dieser Qual unterzogen habe.“ Jedem, „der sich’s leisten kann“, empfiehlt Berlusconi, ihm nachzueifern, des Anblicks in der Öffentlichkeit wegen, „aus Respekt vor den anderen“. Er fühle sich „wie zwischen 40 und 42 Jahren“. Und der Journalistin, die ihn nach den diversen Schönheitskorrekturen gefragt hat, sagt er ganz elegant: „Wenn Sie wollen, ich könnte Ihnen ein paar Adressen nennen…“

Der Journalist Giuliano Ferrara, der auf Kosten von Berlusconis Ehefrau Veronica Lario das rechtsintellektuelle Blatt „Il Foglio“ herausgibt, nennt den Regierungschef einen „liebenswerten Verrückten, der keine Grenzen kennt zwischen Geld, Politik, Gesetz und Theater“. Die Show gehört zu Berlusconis Geschäft. Dem zuerst jähzornigen, dann reuigen Maurer aus Mantua, der an Silvester mit dem Fotostativ auf ihn eingeschlagen hatte, hat Berlusconi großherzig in aller Öffentlichkeit verziehen, aber den politischen Kampf mit der Opposition beschreibt er in den unerbittlichen Kategorien des Jüngsten Gerichts: „Ich will ja nicht gleich sagen Christ gegen Antichrist oder Engel gegen Dämonen. Aber so ein Vergleich kann durchaus helfen, die Vorstellungen bei Leuten zu klären, die bisher keine klaren Vorstellungen haben.“

Oder ist vielleicht sogar alles Show? Berlusconi ist in Italien überall. Alles bezieht sich auf ihn. Politik, Wirtschaft, Sport, die Welt des Fernsehens – egal, wonach das Institut Demos-Eurisko für seine Jahresendstudie gefragt hat: Berlusconi ist im Guten wie im Schlechten der Spitzenreiter bei fast allen Nennungen. Berlusconi, der geniale Vermarkter seiner selbst, hat Italien zutiefst durchdrungen; er ist, wie der Politologe Ilvo Diamanti die Studie interpretiert, „Maßstab geworden für Gut und Böse, für Recht und Unrecht. Für die Italiener stellt er eine Art Obsession dar.“

Ilvo Diamanti erklärt diese Entwicklung mit der Allgegenwart des einlullenden, seichten Fernsehens, in dem – Hauptsache leicht bekleidete Mädchen – alle Grenzen zwischen Politik und Wirtschaft, zwischen Sport und Show verwischt werden. Die Italiener, sagt Professor Diamanti, hätten „den Sinn für Realität verloren und verlernt, zu unterscheiden zwischen Wahrem und Wahrscheinlichem, zwischen Spektakel und Wirklichkeit“.

Mit anderen Worten: Berlusconi hat als größter Fernsehveranstalter Italiens jahrelang die sich wandelnde Gesellschaft so mitgeformt, wie er sie nun braucht. Hat er früher den Unterhalter auf Kreuzfahrtschiffen gegeben, so tanzt er nun auf einem ganzen Land wie auf einer eigenen Bühne. Warum also, fragt Diamanti, „soll man sich darüber wundern, dass die Italiener ihn nun überall sehen? Dass sie sein reales und sein virtuelles Bild nicht mehr auseinander halten können? Dass Berlusconi sich immer mehr in eine Ikone, eine Konstruktion der Fantasie verwandelt, auf die alles projiziert wird, Bewunderung ebenso wie Hass?“

In Mailand, seiner Heimatstadt, hat sich Berlusconi soeben allerdings eine sehr reale Abfuhr geholt. Der mächtige, geschickte, erfolgreiche und in weiten Teilen der Gesellschaft fest verankerte Regionalpräsident Roberto Formigoni will sich von seinem Parteichef Berlusconi nicht vorschreiben lassen, wen er auf seine Wahlliste zu setzen hat. Formigoni will auch nicht als Forza Italia antreten, sondern mit einer eigenen Liste. Das heißt: Silvio Berlusconi konnte sich ausgerechnet in seinem Mailand erstmals nicht durchsetzen. Provinzfürst Formigoni, so sagt man, habe die Kraftprobe bewusst gesucht, um Berlusconi dereinst als Regierungschef abzulösen.

Bis dahin aber dürfte es noch ein weiter Weg sein. Und für den Notfall hat Berlusconi schon eine noble Ausweichlösung gefunden. „Auf meine alten Tage“, sagte er neulich, könne er sich ja um das Amt des Staatspräsidenten bewerben. Und alles sieht danach aus, als würde es auch nach den Wahlen von 2006 in den beiden Parlamentskammern genügend starke Männer geben, die ihn auf den Schild heben. Und eine Majestät wie Silvio Berlusconi hat selbst in luftigster Höhe keinerlei Angst, der Himmel könnte ihm auf den Kopf fallen.

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