Zeitung Heute : Spiegelbild des Meisters

Scharons Erbschaft: Ehud Olmerts Karriere

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Der hohe Ledersessel des israelischen Regierungschefs bleibt leer. Ehud Olmert setzt sich auf den niedrigeren daneben und eröffnet als Stellvertreter Ariel Scharons die Kabinettssitzung. Ganz Israel schaut zu nächtlicher Stunde am TV-Bildschirm zu – und ist zufrieden.

Ehud Olmert hat wieder keinen Fehler gemacht. Seit fast zwei Wochen führt er für Scharon fehlerlos die Regierung. Noch tut er dies als Stellvertreter, irgendwann in den nächsten Wochen wohl als amtierender Ministerpräsident und ab 28. März mit größter Wahrscheinlichkeit als gewählter Chef einer Regierung.

Olmert hat die vergangenen Stunden und Tage geschickt genutzt. Mit bewusster Zurückhaltung – ganz im Gegensatz zu seinem Temperament. Seine neu gegründete Kadima-Partei dankte es ihm und kürte ihn gestern zu ihrem Interimschef. Auch die Israelis scheinen ihn plötzlich zu schätzen. 71 Prozent bewerten seine Amtsführung gut, 21 haben eine bessere Meinung von ihm als noch vor einer Woche. Auch die Kadima-Partei hat seit Scharons Schlaganfall keineswegs verloren, sondern an Popularität gewonnen. Sicher spielt dabei auch Mitleid eine Rolle, ganz sicher aber auch Olmerts Stil. Israels größte Zeitung „Jedioth Achronoth“ illustrierte die Ergebnisse der Meinungsumfrage über die Spitzenkandidaten bei den kommenden Wahlen mit einem auf Eiern tanzenden Olmert. Alle Eier blieben ganz.

Der 1945 geborene Sohn russischer Einwanderer studierte Psychologie, Philoso- phie und Jura. Schon mit 28 Jahren wurde er Knesset-Abgeordneter und machte sich zunächst einen Namen als Hardliner. So stimmte er 1978 gegen die Camp-David-Friedensabkommen mit Ägypten, führte in den 90er Jahren als Bürgermeister von Jerusalem ein hartes Regiment gegen die Palästinenser und galt als eiserner Verfechter der Siedlungspolitik.

Das änderte sich, als Ariel Scharon den Vater von vier Kindern in seine Regierung holte. Aus dem Scharfmacher wurde ein Pragmatiker. Immer öfter redete er jetzt von territorialen Kompromissen. Bei seiner alten Partei, dem Likud, mochte man solche Meinungswechsel nicht und bezichtigte ihn des Opportunismus oder gar der Kapitulation vor dem Feind. Folglich fand sich Olmert nach den internen Vorwahlen vor den letzten Knessetwahlen auf den Listenplatz 32 verbannt. Der bedeutet normalerweise bestenfalls ein Hinterbänklerdasein und ganz gewiss kein Sprungbrett für das Amt des Partei- und Regierungschefs. Doch Scharon glaubte und hörte auf ihn. Als Olmert als Erster von zwei Notwendigkeiten sprach: dem Rückzug aus dem Gazastreifen und dem Bruch mit dem Likud.

Er sei ein würdiger Nachfolger Scharons, befand kürzlich ein bekannter israelischer Publizist – und meinte damit auch die Skandale, die beider Karrieren begleiteten. Doch ob Korruption, Vetternwirtschaft, persönliche Bereicherung – es fehlten bei beiden die letzten Beweise oder die Untersuchungen verliefen im Sande.

Olmert dürfte aber nicht nur in dieser Hinsicht die Nachfolge antreten, er ist wie das Spiegelbild von Ariel Scharon. Manches spricht sogar dafür, dass er weiter vorwärts marschieren könnte, als das Scharon getan hätte. Olmert, sagen viele, wird sich nicht mit dem Rückzug aus dem Gazastreifen begnügen, sondern ihn auch im Westjordanland anstreben. Teilrückzüge aus größeren Gebieten scheinen nicht ausgeschlossen, so dass den Palästinensern ein zusammenhängendes Territorium zufiele, auf dem sie endlich ihren Staat errichten könnten. Mit einer von Olmert geführten künftigen israelischen Regierung ist die Realisierung so einer Vision nicht unmöglich.

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