Zeitung Heute : spiel Gast

Ob Moskau, München oder Marseille – Hotelzimmer haben schon einen sehr eigenen Charme. Volker Albus dokumentiert das auf tausend Fotos. Na dann: Gute Nacht!

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Von Susanne Kippenberger Wenn einer eine Reise tut, dann bringt er gern was mit: den Eiffelturm, den Petersplatz und das Meer zum Beispiel. Volker Albus nimmt mit seiner Kleinbildkamera andere Sehenswürdigkeiten auf: den Papierkorb aus Plastik, das Waschbecken mit Blümchenmuster, die Häkeldecke auf dem Tisch, das Kopfkissen mit Knick, das Stillleben mit Waschlappen. Aber wenn Albus nicht drunterschreiben würde, wo ihn seine Reise hingeführt hat – Mailand 1999, Berlin 2001, Moskau 1995, Rheda Wiedenbrück 1993 –, kein Betrachter würde erkennen, wo er war.

Volker Albus, Designer, Professor und Ausstellungsmacher mit Wohnsitz in Frankfurt und einem Koffer in Köln ist viel unterwegs. Und was er da so gesehen hat an globalisierter Hotelzimmereinrichtungskultur, hat ihn so fasziniert, dass er es auf mehr als tausend Dias festgehalten hat. 40 davon sind gerade in Berlin, in der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst, zu sehen, weitere wird er dort bei einem Vortrag zeigen, der einem anderen, doch verwandten Thema gewidmet ist, dem Büroschlaf. Denn ob im Büro oder im Hotel, es geht ums Gleiche: eine fremde Umgebung, die ein Zuhause ist auf Zeit. Wo mancher mehr Tage beziehungsweise Nächte verbringt als im eigenen Heim.

Der Gast, das unbekannte Wesen. Wie richtet man für einen solchen Menschen ein Hotelzimmer ein? Das zudem viel mehr als ein Zimmer ist, so Albus, nämlich „eine komprimierte Wohnung“ – Schlaf-, Wohn- und Esszimmer, Büro und Bad. Wie richtet man eine Bleibe ein, in der sich jeden Tag ein anderer wohlfühlen soll? Das Ergebnis ist das, was Albus als Muzak fürs Auge beschreibt. Irgendwie bürgerlich, „leicht angelouist“ – Pseudo-Stilmöbel, „die offenbar Assoziationen an ein großbürgerliches Zuhause wecken. Nichts Avantgardistisches.“ Wobei ihm auch die inflationären Designer-Hotels mit ihrem coolen Einheitslook „nervöse Zuckungen“ bereiten.

Amüsiert hat Albus beobachtet, dass die Tische in Hotelzimmern oft so aussehen, „als seien sie permanent in Gebrauch. Da liegt immer schon was, eine schweinslederne Briefmappe zum Beispiel, obwohl kein Mensch mehr Briefe schreibt. Um dem Gast das Gefühl zu geben, daheim zu sein.“ Absurd erscheinen ihm auch die kleinen Zweisitzer, „als ob sich da je ein Paar hinsetzen und parlieren würde“. Eher machen sie, wie jeder Gast, den Stuhl zur Garderobe, das Bett zum Sofa. Möbelstücke werden nicht wie in der eigenen Wohnung genutzt, weil man ja nicht zum Wohnen ins Hotel geht. Stattdessen genießt Albus die Lobby als offenes Wohnzimmer. „Das kann ich ja in meinem eigenen Wohnzimmer nicht, gucken und mich bedienen lassen.“

Es gibt Vielreisende, die haben ihre eigenen Tricks, um der geschmacklosen Anonymität des Hotelzimmers zu entkommen. Der Designer Dieter Rams zum Beispiel nimmt erst mal die Bilder von der Wand, die Schriftstellerin Felicitas Hoppe fängt an, Möbel zu rücken, um das Gefühl zu haben: Der Raum ist meiner. Andere haben passende Requisiten im Gepäck: Misia, die Fado-Sängerin, legt Tücher über die Lampen, um jeden Raum in ihr eigenes Licht zu tauchen.

All so was macht Albus nicht, viel zu mühsam wär’ ihm das. Der 56-Jährige kommt (als Dienstreisender zumindest) nur zum Schlafen, Waschen, Fernsehgucken und Gepäckabladen her. Geschäfts-Hotelzimmer sind für ihn „Schubladen, da gehen Sie rein, da liegen Sie drin. Ich will da ja nicht Fußball spielen“. Die wichtigsten Kriterien sind für ihn daher nicht geschmackvolle Möbel, sondern Lage und Preis des Hotels. Nur die Matratze muss anständig sein und das Bett lang genug, dass er nicht, wie neulich in Baku, diagonal drin liegen muss. Unangenehm fand er das, „weil sich da so ein Geist des Geizes artikuliert hat“. Weshalb ihn auch Laminat ärgert. Weil es ein Billigboden ist.

Ob Blümchen, Brokat oder bayerisch rustikal („das ist sehr beliebt“) – der Vielreisende ist inzwischen immun gegen Entgleisungen. Die Kamera hilft ihm dabei; mit ihr schafft er Distanz zur Tristesse des Reisens. Wo Kollegen sich beschweren, in was für einer deprimierenden Absteige sie wieder gelandet sind, beginnt der Designer zu strahlen: Je scheußlicher ein Zimmer, desto schöner das Bild. „Ich sehe das als Bühne, da ist man regelrecht dankbar für bestimmte Situationen, für Hütchen auf der Klopapierrolle. Das ist ganz anders, als wenn man das ernst nimmt.“

Von seinen Reisen bringt Albus gern Mobiliar als Souvenirs zurück. Nicht aus den Hotels, klar, da packt er höchstens Seife und Streichhölzer ein, er geht einkaufen: eine Leiter in Vietnam, die jetzt dekorativ an der Frankfurter Wohnzimmerwand lehnt, oder eine Uhr in Form eines Mailänder Fußballspielers, mit wackelnden Beinen als Pendel. (Albus bereitet gerade eine Ausstellung über Fußball und Design in Hamburg vor, im Vorbfeld der WM, sowie eine eigene Kollektion von der Fußmatte bis zur Knabberschale.) Das Wohnzimmer ist nicht leicht als solches zu erkennen, sieht eher aus wie ein Raum, in dem sich alles sammelt, Bücher, Wäsche, Designerstücke und Ideen. Sofas gibt es erst seit kurzem, auf dem Boden liegt die jüngste Reise-Errungenschaft, ein kleiner Teppich aus Baku, der auf den ersten Blick ganz traditionell aussieht, bis man in der Mitte die Muschel von Shell entdeckt. Albus grinst vor Vergnügen.

Der Designer, der eigentlich gar keiner ist (studiert hat er, wie sein Vater und seine Frau, Architektur) lebt mit seiner Frau und dem kleinen Sohn in einem alten Wohnhaus, dessen grüne Farbe abblättert, auf mehreren Etagen; hier arbeitet er auch. Sein Zuhause ist das Gegenteil des Standardhotelzimmers. Es quillt. In der Küche stehen Laufstall und Spielzeug von Söhnchen Fritz, auf dem Küchentisch wächst der Zeitungsberg, der Wein kühlt auf der Fensterbank. Einen Designer-Schuhschrank gibt’s hier nicht, die Schuhe laufen die Treppe hoch: Auf jeder Stufe steht ein anderes Paar. Auf dem Arbeitstisch, den Albus mal als sein liebstes Möbelstück bezeichnet hat, steht eine Lampe, deren Schirm aus Hundefutterdosen besteht, das Werk eines französischen Kollegen. „Humor und Design“, dem Thema hat der Frankfurter eine seiner zahlreichen Ausstellungen als Kurator gewidmet.

Wenn Albus auf Reisen ist und mehr als ein paar Tage bleibt, sammeln sich auch im Hotelzimmer die Sachen. Spannend findet er „diese Wucherungen. Leider werden sie jeden Tag vom Zimmermädchen wieder zerstört.“

Seit elf Jahren ist der frühere Architekt, dessen erstes eigenes Designerstück eine Stehlampe war, die eher wie eine Straßenabsperrung aussieht, Professor für Produktdesign in Karlsruhe. Dort versucht der Quereinsteiger mit seinen Studenten „eingefahrene Denkschablonen zu durchbrechen“. So mögen beim Thema Schlafen alle gleich ans Bett denken – Volker Albus tut’s nicht. Ihn interessieren Situationen des Alltags mehr als einzelne Möbelstücke. Also beauftragte er die Studenten, sich mit dem „short rest“ zu beschäftigen, Ideen zu entwickeln, wie Reisende auf dem Flughafen oder Angestellte im Büro es sich bequem machen können. Das Projekt des laufenden Semesters heißt „Heiße Luft“: „Warum müssen Heizkörper immer so aussehen wie sie aussehen?“

Volker Albus’ Hotelfotos sind bis 29. Mai in der Ausstellung „Office Hours“ in der NGBK, Oranienstraße 25, Kreuzberg, täglich 12 bis 18 Uhr 30 zu sehen; am 5. Mai um 18 Uhr 30 hält er dort seinen Vortrag übers „Schlafen im Büro“, im Rahmen des Berliner Designmais, der an diesem Tag eröffnet wird (www.designmai.de).

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