Zeitung Heute : Spiel ohne Sprache

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 ist Anlass für ein multimediales Freizeitvergnügen

Gunter Gebauer

Ein Fußballspiel ist wie ein riesiges Theaterereignis. Es ist nicht nur ein Spiel mit dem Ball, sondern auch ein Rollenspiel mit Publikumslieblingen und Bösewichtern, ein Spiel mit dem eigenen und fremden Körper, mit den Emotionen und dem Publikum. Anders als im Theater geschieht das Spiel ohne Sprache und mit wesentlicher Beteiligung der Zuschauer. Die Sprachlosigkeit des Fußballs erzwingt, insofern dieser allein auf die Mittel des Körpers angewiesen ist, seine außerordentliche Darstellungsfähigkeit. In der Bundesrepublik hat der Fußball seit den 1950er-Jahren eine Art nationaler Bühne geschaffen. Auf ihr werden Ereignisse gespielt, die mit dem politischen Geschehen verknüpft sind: Fußballspiele können oft als Kommentare zur politischen Lage der Zeit verstanden werden. Manchmal antizipieren sie sogar Veränderungen, die sich in der Politik erst später zeigen; sie werden dann selbst zu einem politischen Ereignis, wie der überraschende Gewinn der Fußballweltmeisterschaft im Jahr 1954.

Eine Antizipation politischer Entwicklungen auf der Fußballbühne zeigt sich auch an der Geschichte der Bundesliga von 1963 bis zum Gewinn des Weltmeistertitels 1974: Ihre Gründung fiel in etwa mit Adenauers Rücktritt zusammen – die Alten mussten sich zurückziehen und den Jungen Platz machen. In den ersten Jahren der sozialliberalen Koalition, der Zeit der Ostpolitik und der großen Reformprojekte kam es auch im Fußball zum Aufbruch: Junge, außerordentlich erfolgreiche Mannschaften traten auf den Plan und riefen im eigenen Land eine regelrechte Fußball-Euphorie hervor. Mit dem allgemeinen Interesse am Fußball erhielt dieser ein gesellschaftliches Ansehen, das die traditionelle Monopolstellung der Oper, des Konzerts und des Theaters erschütterte. Autoren wie Peter Handke, Filmemacher wie Wim Wenders und Theaterregisseure wie Jürgen Flimm transportierten ihre Fußball-Leidenschaft in das Feld einer Kultur, die sich auch den unteren sozialen Schichten und den Thematiken des Alltagslebens öffnen sollte.

Eine Gesellschaft wie die deutsche will in ihrem Lieblingsspiel die Spielweisen, die ihr vertraut sind, wieder erkennen. Sie will die Vorstellungen, die sie sich von ihren Tugenden und ihrem typischen Handlungsstil macht, auf dem Fußball-Rasen gegen die internationale Konkurrenz aufgeführt sehen. Von einer deutschen Nationalmannschaft erwartet man Opferbereitschaft, Diszipliniertheit, Fleiß, mannschaftsdienliches Spiel, männliche Härte, Kampf, Abwehr einer drohenden Niederlage bis zum Schlusspfiff. Ein Erfolg im Fußball wird als Beweis dafür angesehen, dass die nationale Mythologie lebt und den aktuellen Zustand der Nation trifft. Dieses Interesse, in dem Handlungsstile, Werte, Mythen und Gefühle zusammenfließen, bildet die engste Verbindung zwischen Fußball und Politik.

Die typischen Bewegungsweisen, die wir im Fußball vorfinden, haben Vorbildcharakter. Jeder Beteiligte, ob Spieler, Trainer oder Zuschauer, kennt Modelle fußballerischer sozialer Motorik; man sieht sie an den Stars und am Spiel der großen Mannschaften; sie gehören zur sportlichen Sozialisation wie die Kenntnis von Spielregeln. Es gibt eine „deutsche“ Weise, Fußball zu spielen, eine englische, französische, italienische, brasilianische. In solchen sportlichen Bewegungsweisen kommt, wie auch bei der Alltagsmotorik, ein Aspekt zum Ausdruck, der die nationale Gruppe kennzeichnet. Fußballer nehmen aus dem in der Gesellschaft angesammelten Reservoir der sozialen Motorik bestimmte Bewegungsweisen wieder auf. Sie aktualisieren auf diese Weise das soziale Gedächtnis von Bewegungsweisen, die die Zuschauer nicht nur seit langem kennen, sondern denen sie sich auch zugehörig fühlen. Daher wird eine schwere Niederlage auf dem Fußballfeld als eine Art persönlicher Kränkung empfunden.

Was ist vom Weltcup 2006 in einer Zeit zu erwarten, in der die Deutschen weitaus besser in der ökonomischen Verwertung des Fußballs sind als in seiner Ausübung? 1974, bei der letzten WM in der Bundesrepublik, wurde sorgfältig darauf geachtet, die deutschen Ambitionen ausschließlich auf die Felder des Sports und der Kultur einzugrenzen. Nie wieder sollte der Sport zu Zwecken der Großmachtpolitik eingesetzt, nie wieder sollte er, wie 1936 im Deutschen Reich, zu einer erdrückenden Machtdarstellung verwendet werden. Inzwischen scheint die Phase, in der Deutschland der Welt seinen tief greifenden Wandel von einem faschistischen zu einem liberalen Land unter Beweis stellen wollte, Vergangenheit zu sein. Dass sich das Land tief greifend verändert hat, scheint keines weiteren Beweises zu bedürfen. Politische Symbolik, wie sie mit dem nomadischen Zeltdach des Münchner Olympiastadions ausgedrückt wurde, interessiert die Organisatoren der WM 2006 nicht mehr.

In der neuen Münchner Arena zeigt sich die ,Vision‘ des Deutschen Fußballbundes von seinem Spiel als eine gigantische Unterhaltungsmaschine für die ganze Familie, möglichst das ganze Wochenende lang. Fußball ist nur noch der Anlass für ein multimediales Freizeitvergnügen – für Unterhaltungsangebote, Verkauf von Fanartikeln, für Werbung, Erlebnisshopping. Als gute Geschäftsleute reagieren die Organisatoren auf die Tatsache, dass sich der Fußball in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert hat: Das Nationalspiel der Deutschen findet seit den 1980er Jahren unter dem entscheidenden Einfluss des Fernsehens weitgehend in einem Raum des Vergnügens und der Zerstreuung, der Wünsche und Vorstellungen statt. Die wichtigste Kraft in diesem Raum ist die Imagination.

Die Vorstellungskraft gehört zu dem Persönlichsten, was Menschen besitzen; und sie ist die am weitesten reichende Kraft. Sie versetzt die populären Spieler in den Augen der Fußball-Liebhaber in eine Art Himmel. Mit dem Zufluss der Wunschkräfte ihrer Verehrer werden die Stars immer größer, bis sie übermenschlich geworden sind. Zu „ihren“ Spielern in diesem nahezu heiligen Zustand suchen die Bewunderer eine unmittelbare Nähe. In seiner Einbildung kann der Fan sich mit Zeichen der Zugehörigkeit zu seinen Stars umgeben und sich als einen Gläubigen markieren. Dieses Verhältnis hat eine ganz andere Form als politische Repräsentanz; es funktioniert über Wünsche, Rituale der Teilhabe, Suche nach Gemeinsamkeit. Es ist der Glaube, der die Fans mit ihrer Mannschaft vereint und alle zu gemeinsamen Fans ihrer Nation macht. Anders als bei den christlichen Heiligen betet hier der Fan nicht für sich und seine Lieben, sondern für das Wohlergehen und den Erfolg seiner Stars.

Auf den ersten Blick scheint es paradox, dass die wirtschaftliche Beziehung zum Fußball mit Imaginationen und Emotionen vereinigt werden kann. Tatsächlich entsteht hier eine ideale Symbiose: Das Geschäftsmäßige organisiert den Rahmen, in dem sich die privaten Emotionen entfalten können. Fußball ist heute eine Geschäftswelt, in deren Innerem die Gefühle brodeln. Geld, immens viel Geld ist die Bedingung dafür, dass die Vorstellungen des Publikums zu emotionalen Höchstleistungen stimuliert werden. Eine Fußball-WM organisieren heißt heute: einen Raum des Glaubens und der Imagination aufspannen. Für das diesjährige Weltturnier lässt sich erwarten, dass sich die Verbindung von Organisation, Kommerz, Glauben und Nation zu einem kultischen Geschehen ausweitet. So entsteht die Möglichkeit, dass der traditionelle Nationalismus seine aggressive Einstellung gegenüber dem Fremden verändert und zu einer Haltung mutiert, die auch den anderen Ländern den Glauben an ihre Mannschaft und Nation zugesteht. Die Frage wird sein, ob auch alle an diesem Spektakel Beteiligten diesen Wandel mit vollziehen.

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